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07.10.2019

13:30

US-Basketball

NBA-Manager knickt nach Hongkong-Tweet vor China ein

Von: Sha Hua, Sönke Iwersen

Der Manager der Houston Rockets solidarisiert sich im Netz mit den Hongkong-Demonstranten. Chinesische Sponsoren reagieren prompt – und beenden die Zusammenarbeit.

Das Team lockt seit Jahren viele Zuschauer in China vor die Bildschirme. AP

Spiel der Houston Rockets

Das Team lockt seit Jahren viele Zuschauer in China vor die Bildschirme.

Peking, Düsseldorf Mit dem US-Präsidenten darf man sich anlegen, mit chinesischen Geschäftspartnern nicht. So lassen sich die vergangenen drei Tage im Leben des Daryl Morey zusammenfassen. Der Manager der Houston Rockets in der US-Basketballliga NBA dachte, er könne seine Meinung frei äußern. Jetzt muss er froh sein, noch einen Job zu haben.

„Kämpft für die Freiheit, steht Hongkong zur Seite“ hatte Daryl Morey am vergangenen Freitag getwittert. Es folgte ein Shitstorm. Dabei hinterließen viele User in ihren Posts die Abkürzung „NMSL“, eine chinesische Abkürzung für „Deine Mutter ist tot“. Inwieweit sich hinter den Hass-Posts echte Menschen oder Bots verbergen, ist unklar. Erste Auswertungen ergaben, dass eine Mehrzahl der Konten erst kürzlich registriert worden war und ansonsten wenig Interaktionen mit anderen Konten aufwies.

Dennoch bekam Morey 24 Stunden später die Quittung: Der Team-Sponsor der Rockets, der chinesische Sportartikelkonzern Li-Ning, bezeichnete Moreys Worte als „empörend“ und verkündete den Abbruch der Geschäftsbeziehungen. Kurz darauf kam auch der TV-Partner CCTV abhanden.

Kein einziges Spiel der Rockets werde man mehr über den Sportkanal übertragen, teilte der chinesische Staatssender mit. Die Shanghai Pudong Development Bank, eines der größten chinesischen Geldinstitute, distanzierte sich ebenso. Man stelle die Marketing-Aktivitäten mit den Rockets ein, „bis sich der Club erklärt habe“, hieß es aus Schanghai.

Die Erklärung folgte prompt: Morey löschte seinen Tweet und entschuldigte sich wortreich. „Ich hatte nicht vor, mit meinem Tweet die Rocket-Fans und meine Freunde in China zu beleidigen“, schrieb Morey auf Twitter.

Sein Tweet sei lediglich „ein Gedanke“ gewesen, der auf „einer Interpretation“ der Proteste in Hongkong basiert. Diese seien aber „kompliziertes Geschehen“.

Morey blieb mit seinem Kniefall vor China nicht allein. „Bitte zuhören, Daryl Morey spricht NICHT für die Houston Rockets“, twitterte Tilman Fertitta, Moreys Boss und Eigentümer des Klubs. „Wir sind keine politische Organisation.“

Auch Star-Spieler James Harden sagte artig: „Wir entschuldigen uns. Wir lieben China“. Parallel beeilte sich Chef-Kommunikator der ganzen Liga, Mike Bass, mit einer Distanzierung von Moreys Tweet. „Wir verstehen, dass diese Äußerung viele unserer Freunde und Fans in China tief beleidigt hat“, schrieb Bass auf Twitter. „Das ist bedauernswert.“

Er fügte hinzu, dass die NBA „unterstützt, wenn einzelne ihre Meinung über Themen äußern, die ihnen wichtig sind“. Gelöscht bleibt der Tweet von Morey trotzdem.

„Das einzige, wofür sich die NBA entschuldigen sollte, ist seine offensichtliche Priorisierung von Profit über Menschenrechten. Was für eine Blamage“, schrieb der US-Politiker Beto O‘Rouke, der für die Demokraten ins Präsidentschaftsrennen gehen will.

Joe Tsai, Alibaba-Chef und seit neuestem Besitzer des amerikanischen Basketball-Teams Brooklyn Nets, wiederum schaltete sich mit einem langen Facebook-Post ein: Er nehme Morey seine Entschuldigung ab, aber es werde viel Zeit brauchen, um den Schaden zu reparieren, schrieb er. Zudem verwies er auf die koloniale Geschichte Hongkongs und darauf, dass „separatistische Bewegungen“ in China ein absolutes Reizthema seien. Das Delikate dabei: Der 55-jährige Tsai kam in Taiwan zur Welt.

Am Montag suchten chinesische Rockets-Fans auf der digitalen Einkaufsplattform Taobao vergeblich nach Fan-Artikeln ihrer Mannschaft. Man habe sie aus dem digitalen Regal genommen, ließ der Mutterkonzern Alibaba mitteilen.

Gigantischer Markt für die NBA

Es ist die blanke Angst, die Bass und Fertitta umtreibt. Keine US-Liga hat mehr Fans und mehr Umsatz in China als die NBA, kein Team profitiert davon mehr als die Houston Rockets. Es war dieser Club, der 2002 das chinesische Ausnahmetalent Yao Ming verpflichtete. Der 2,26 Meter große Spieler öffnete den Rockets einen gigantischen Markt.

Ein Spiel zwischen zwei starken Teams in der National Basketball Association (NBA) lockte damals im Durchschnitt 1,1 Millionen US-Amerikaner vor die Bildschirme. Als die Houston Rockets in Yaos erster Saison auf die Cleveland Cavaliers trafen, das seinerzeit schlechteste Team der Liga, setzen sich viele tausend Kilometer entfernt 5,5 Millionen Chinesen vor ihre Fernseher. Als das Spiel begann, war es in China früher Morgen. Abends, als die Partie wiederholt wurde, schalteten noch einmal 11,5 Millionen Chinesen ein.

„Ich hatte nicht vor, mit meinem Tweet die Rocket-Fans und meine Freunde in China zu beleidigen“ USA TODAY Sports

Rockets-Manager Daryl Morey

„Ich hatte nicht vor, mit meinem Tweet die Rocket-Fans und meine Freunde in China zu beleidigen“

Yao war ein Marketing-Traum. In Houston lebten in seiner ersten Saison 350.000 Menschen asiatischer Abstammung. Die Einschaltquoten der Lokalsender bei Spielen des Klubs stiegen um 30 Prozent – ein Phänomen, das sich dann ausbreitete. Ein Besuch der Rockets bei den Golden State Warriors in Kalifornien bescherte diesen die höchsten Zuschauerzahlen seit Saisonbeginn.

In der Halbzeit verlosten die Warriors ein Trikot von Yao. Niemand in der NBA konnte sich daran erinnern, dass jemals ein Team mit dem Trikot eines Gegenspielers warb. Doch auf diese Weise kamen die Warriors an Namen und Adressen von 6000 potenziellen Ticketkäufern.

Yao spielt nicht mehr, sein Vermächtnis lebt fort. Von den 1,4 Milliarden Chinesen haben in der vergangenen Saison mehr als 600 Millionen auf dem einen oder anderen Kanal NBA-Spiele, NBA-Shows oder NBA-Dokumentationen angesehen. Als die Houston Rockets im Mai 2018 im entscheidenden siebten Playoff-Spiel gegen die Gold State Warriors antraten, verfolgten 29,4 Millionen Chinesen die Partie beim Staatssender CCTV, weitere zehn Millionen schauten beim Sender Tencent zu.

Die USA sind noch immer das Mutterland der USA, aber China ist das Mekka. 300 Millionen Chinesen spielen Basketball. Regelmäßig steigen die Teams für zehn Stunden ins Flugzeug, um Vorbereitungsspiele der Liga in China zu absolvieren. Jeder große NBA-Star hat eine eigene China-Strategie, dem jüngsten Mega-Talent, Zion Williamson wurde sogar nachgesagt, er könne seinen ersten Sponsoring-Vertrag mit einem chinesischen Sportausrüster schließen.

Nike unterstützte Kritik an Trump

Williamson entschied sich schließlich für Jordan, eine Marke von Nike, benannt nach der NBA-Ikone Michael Jordan. Doch auch Williamson wird zahlreiche Promotion-Touren nach China unternehmen. Die NBA selbst dort mehr als 200 Geschäfte, der größte Nike-Store außerhalb der USA steht in Schanghai.

Auch der US-Hersteller weiß, was sich in China gehört. Als sich einheimische Medien jüngst über bestimmte Nike-Produkte beschwerten, die politisch unkorrekt wirkten, nahm sie Nike einfach aus dem Verkehr.

Wer die Rechnung zahlt, bestellt die Musik. So einfach benehmen sich die US-Liga, ihre Teams und ihre US-Sponsoren, wenn es um China geht. Als der Football Spieler Colin Kaepernick aus Protest gegen Rassismus in den US beim Abspielen der Nationalhymne kniete und damit den geballten Zorn der Republikaner und vor allem Präsident Donald Trump auf sich zog, drehte Nike eigens Werbespots, um Kaepernick als Helden für die freie Meinungsäußerung zu zeichnen.

Als NBA-Star Lebron James Trump kritisierte und darauf hin vom konservativen TV-Kommentatoren gescholten wurde, er soll „den Mund halten und dribbeln“, gab er Spieler landesweit Interviews, in denen er gegen Bevormundung und Zensur sprach.

Sein Einsatz für die Meinungsfreiheit kam so gut an, dass er gemeinsam mit seinem Sponsor Nike sogar eine Dokumentation drehte. Der Sporthersteller verkaufte T-Shirts mit der Aufschrift „Dribble & ____“ – ein Aufruf, sich nicht nur sportlich als auch gesellschaftlich zu engagieren. Nike zeigte die Dokumentation auch in China.

Kommende Woche ist James mit den Los Angeles Lakers in China zu Besuch. Teil der Tour ist ein Show-Match gegen die Brooklyn Nets mit ihrem Besitzer Joe Tsai.

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Kommentare (2)

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Herr Frank Krebs

07.10.2019, 16:10 Uhr

Es ist schon ganz erstaunlich, wo die Chinesen überall ihre Finger und ihr Geld drin haben.
Da kann ja bald niemand mehr den Mund aufmachen ohne befürchten zu müßen, finanzielle Nachteile zu erleiden.
Das Kalkül der Chinesen geht offenbar auf. Ich sehe darin durchaus auch eine Gefahr für unsere westlich geprägte Demokratie.
Wenn man Kolonialismus als eine Form der Abhängigkeit betrachtet, ist China auf dem besten Weg eine Kolonialmacht zu werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. China hat zur Zeit nur einen echten Gegenspieler, Donald Trump. Aber der wird von den, aus China gesteuerten, Demokraten, bedrängt. Fragt eigentlich irgendjemand danach, ob möglicherweise, an den Vorwürfen die Trump gegenüber der Familie Biden erhebt, etwas dran ist. Oder sind diese Vorwürfe schon deshalb unberechtigt weil sie von Trump kommen?

Herr Christian Trüe

07.10.2019, 16:54 Uhr

Herr Krebs,
wenn Sie die Frage wirklich interessiert, dann lesen Sie auf anti-spiegel.ru einmal nach.

Trump wird von den Demokraten massiv angegriffen. Das alles soll nur die Wahrheit verdecken, welche Joe Biden schonungslos entlarven würde.
Uns in Deutschland wird ohnehin nur das an Informationen präsentiert, was die Demokraten wollen. In den USA sieht es für Joe Biden sehr schlecht aus. Zu sehr hat ihm die Offenlegung der Kommunikation zwischen Trump und Selensky geschadet.

Was die Chinesen betrifft, liegen Sie wahrscheinlich mehr als richtig. Zu sehr haben Sie ihre finanziellen Mittel in der Vergangenheit dafür verwendet ihren wirtschaftlich strategischen Einfluss global aus zu bauen. Siehe dazu auch die zahlreichen Firmenübernahmen oder auch Beteiligungen an Firmen aus Deutschland vor allen aus dem Technologiesektor.

Wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Wir können nur hoffen, nicht unter die "Räder" zu kommen.

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