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24.11.2022

13:18

Airlines

ITA-Übernahme: Warum es für die Lufthansa dieses Mal klappen könnte

Von: Jens Koenen

Enormer Zeitdruck, kaum Alternativen: Die deutsche Airline hat beste Chancen, doch noch den Zuschlag für den italienischen Markt zu kriegen.

Der italienischen Fluggesellschaft rennt die Zeit davon, das Geld wird knapp. Nun muss schnell ein Käufer gefunden werden. Reuters

Jet von ITA Airways

Der italienischen Fluggesellschaft rennt die Zeit davon, das Geld wird knapp. Nun muss schnell ein Käufer gefunden werden.

Frankfurt Lufthansa könnte die italienische Fluggesellschaft ITA Airways nun doch noch übernehmen. Die Chancen seien groß, dass Europas größte Airline-Gruppe den Zuschlag bekomme, heißt es aus verhandlungsnahen Kreisen. Auch in italienischen Medien wird Lufthansa als Käufer seit einigen Tagen hoch gehandelt. Ein Sprecher von Lufthansa wollte sich zum Thema nicht äußern, verwies lediglich auf früher getätigte Aussagen des Managements, sehr am italienischen Markt interessiert zu sein.

Sollte der Verkauf dieses Mal klappen, wäre es das Ende eines jahrelangen Gezerres. 2017 ging die italienische Fluggesellschaft Alitalia pleite. Seitdem geht es bei der einst so stolzen Airline drunter und drüber: milliardenschwere Staatshilfen, gescheiterte Verkaufsversuche, Neugründung als ITA Airways, erneut gescheiterte Verkaufsversuche.

In der Branche sorgen die Vorgänge rund um die italienische Fluggesellschaft seit Langem nur noch für Kopfschütteln. Doch nun könnte das Finale um ITA Airways begonnen haben. Das hat mehrere Gründe.

Draghis Zögern rächt sich

Eigentlich hatte sich schon zu Beginn des Jahres ein Verkauf an die Lufthansa abgezeichnet. Völlig überraschend hatte die deutsche Airline damals bekannt gegeben, zusammen mit der Reederei MSC bieten zu wollen. Der damalige Ministerpräsident Mario Draghi soll MSC ins Boot geholt haben, der Eigner der Reederei mit Sitz in Genf ist der Italiener Gianluigi Aponte.

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    Für Lufthansa hatte das Modell viel Charme, denn MSC hätte das nötige Kleingeld mitgebracht. Das hätte die Konzernkassen der Airline, die immer noch die Folgen der Pandemie verarbeitet, geschont und kam bei Investoren gut an. Doch dann vertagte Draghi die Entscheidung wieder und wieder – bis klar wurde, dass es in Rom einen Regierungswechsel geben wird.

    Die neue Regierung in Rom hat offensichtlich verstanden, dass eine schnelle Entscheidung beim Verkauf von ITA nötig ist. Das steigert die Chancen von Lufthansa. Reuters

    Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni

    Die neue Regierung in Rom hat offensichtlich verstanden, dass eine schnelle Entscheidung beim Verkauf von ITA nötig ist. Das steigert die Chancen von Lufthansa.

    In letzter Minute sortierte Draghi dann sogar noch das Lufthansa-Konsortium aus und beschloss exklusive Verhandlungen mit dem Finanzinvestor Certares, der mit Air France-KLM ebenfalls im Bieterrennen war. Doch die neue rechtskonservative Regierung um Giorgia Meloni kippte dann ihrerseits diese Gespräche und öffnete den Bieterprozess erneut.

    Die Folge: Durch die Verzögerung hat sich die wirtschaftliche Situation von ITA Airways noch einmal verschlechtert, nun muss in aller Eile verkauft werden. Denn im November hat die Airline die letzte Tranche der von der EU-Kommission gebilligten Hilfen gezogen – 400 Millionen Euro. Das Geld dürfte bald aufgebraucht, neue Hilfen in Brüssel nur sehr schwer durchzusetzen sein.

    Die angespannte Situation hat zu einem deutlichen Wertverfall von ITA geführt. Zu Jahresbeginn hatte die Regierung Draghi den Unternehmenswert (Enterprise Value) mit bis zu 1,2 Milliarden Euro angesetzt. Nun ist in Finanzkreisen nur noch von bis zu 450 Millionen Euro die Rede.

    Lufthansa kann mittlerweile allein bezahlen

    Das alles macht es für Lufthansa deutlich einfacher, allein zu bieten, also ohne einen „Geldgeber“ wie MSC. Die Reederei-Verantwortlichen haben mittlerweile ohnehin kein Interesse mehr an ITA. Zu groß ist in Genf die Enttäuschung über das Vorgehen von Draghi. Eine Übernahme zu einem Preis von 450 Millionen Euro kann das Lufthansa-Management den eigenen Investoren „verkaufen“, zumal eine solche Übernahme in der Regel in mehreren Etappen erfolgt. Dabei hilft auch, dass Lufthansa mittlerweile wieder gute operative Zahlen schreibt, also über ausreichend Geld verfügt.

    Eine Spekulation bleibt vorerst, ob Lufthansa zusammen mit der staatlichen italienischen Bahn für ITA bieten wird. Schon bei Alitalia war die Staatsbahn im Spiel, die Idee funktionierte aber nicht. Zu gering sind die strategischen Überschneidungen. Doch die Regierung Meloni sucht nach Möglichkeiten, einem möglichen Deal mit Lufthansa eine italienische Note zu geben. Fest steht aber auch: Lufthansa wird nur die Mehrheit an ITA akzeptieren.

    Es fehlen alternative Bieter für ITA

    Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass sich noch weitere Interessenten melden. Doch wegen des hohen Zeitdrucks sind Alternativen rar. Mit dem Finanzinvestor Certares hätte die Regierung in Rom längst einen Deal abschließen können, wollte das aber offensichtlich nicht. Denn ITA braucht einen industriellen Partner, der die kleine Airline sofort in das eigene Netzwerk einbindet, beim Kauf von Treibstoff hilft, ebenso bei der Beschaffung neuer Flugzeuge. Sonst droht sie erneut zu scheitern. Ein Finanzinvestor bietet diese Möglichkeiten nicht.

    Air France-KLM darf alleine nicht bieten, da die Airline noch Staatshilfen in Anspruch nimmt. Die EU-Wettbewerbshüter untersagen deshalb größere Transaktionen. Die US-Fluggesellschaft Delta, die das Konsortium Certares und Air France-KLM unterstützt hatte, hat früh klargemacht, nicht selbst in das finanzielle Risiko einer Beteiligung gehen zu wollen.

    Übrig bleibt Lufthansa, ein Bieter, mit dem sich mittlerweile auch die sonst sehr streitbaren italienischen Gewerkschaften anfreunden können. In Branchenkreisen wird deshalb nicht ausgeschlossen, dass das Kapitel ITA noch bis Jahresende endlich geschlossen werden kann.

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