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29.11.2022

16:51

Andrea Agnelli

Bilanzskandal erschüttert Juventus Turin – Komplette Klub-Führung tritt zurück

Von: Christian Wermke

Seit Jahrzehnten kontrolliert die Fiat-Dynastie den italienischen Rekordmeister. Doch nun musste Langzeitpräsident Andrea Agnelli abtreten. Dem Klub drohen auch sportliche Strafen.

Der Juventus-Präsident ist gemeinsam mit dem ganzen Vorstand zurückgetreten. imago images/Nicolo Campo

Andrea Agnelli

Der Juventus-Präsident ist gemeinsam mit dem ganzen Vorstand zurückgetreten.

Rom Die Fußball-WM schauen derzeit viel weniger Italiener als sonst. Das liegt nicht nur am Austragungsort Katar, sondern auch an der italienischen Mannschaft: Sie ist gar nicht mit dabei. Im Land des amtierenden Europameisters gibt es seit diesem Dienstag daher nur noch ein Fußballthema – und das spielt in Turin, beim Rekordmeister Juventus. Der gesamte Vorstand des Klubs ist zurückgetreten, inklusive des Langzeitpräsidenten Andrea Agnelli.

Der 46-Jährige führte den Verein elf Jahre lang. Er gehört zum milliardenschweren Agnelli-Clan, der über seine Holding Exor an Firmen wie Ferrari, dem Autobauer Stellantis, dem Verlagshaus Gedi und dem britischen Wirtschaftsmagazin „Economist“ beteiligt ist. Der Gesellschaft gehören auch knapp 64 Prozent der Juventus-Anteile, bei den Stimmrechten sind es sogar fast 80 Prozent.

Fiat-Gründer Giovanni Agnelli kaufte den Verein schon 1923 und machte damals seinen Sohn zum Präsidenten. Seitdem hat die Autodynastie das Sagen im Klub. Andrea Agnelli, Urenkel von Giovanni, war bereits der vierte Präsident aus der Familie.

Juventus musste Hauptversammlung verschieben

Schon vergangene Woche wurde bekannt, dass die italienische Finanzmarktaufsicht auf Unregelmäßigkeiten in der Juventus-Bilanz gestoßen war. Sie forderte vom Verein, der seit 2001 an der Mailänder Börse gelistet ist, eine Klarstellung. Daraufhin verschob Juventus die eigentlich für den 23. November geplante Hauptversammlung um mehr als einen Monat.

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    Im Raum steht der Vorwurf der Bilanzfälschung für die Jahre 2018 bis 2020. Die Staatsanwaltschaft Turin wirft dem Verein Aktienmanipulation und falsche Rechnungsausstellung vor. Es geht unter anderem um Beträge von 115 Millionen Euro, die der Klub aus fingierten Bewertungen seiner Spieler in den Büchern notiert haben soll.

    Der Prozess gegen Agnelli und die anderen 14 Beschuldigten dürfte schon im Frühjahr des kommenden Jahres beginnen. Auch sportliche Strafen könnte das Verfahren nach sich ziehen – im schlimmsten Fall droht dem italienischen Rekordmeister sogar ein Zwangsabstieg.

    Den gab es schon einmal, im Jahr 2006. Damals kam heraus, dass ein Juventus-Manager Spiele der ersten Profiliga manipuliert und über bestochene Schiedsrichter Einfluss auf Ergebnisse genommen hatte. Zwei Meistertitel wurden dem Verein obendrein aberkannt.

    Juventus-Aktie stürzt ab

    Die Märkte reagierten nach dem Vorstandsrücktritt prompt: Die Aktie stürzte am Dienstag zeitweise um sieben Prozent auf 0,26 Euro ab. Innerhalb eines Jahres haben die Papiere rund 40 Prozent ihres Wertes verloren.

    Erst im September hatte Juventus einen Rekordverlust von 254 Millionen Euro für das vergangene Jahr verkündet. Sportlich hingegen bleibt die Ära Andrea Agnelli unvergessen: Neun Mal am Stück wurde die „alte Dame“ – so der Spitzname des Vereins – italienischer Meister. Hinzu kamen vier Italien-Pokale und fünf Erfolge im Supercup. In den vergangenen beiden Spielzeiten der Liga landete das Team allerdings nur auf dem vierten Platz der Serie A.

    Agnelli war einer der führenden Klubchefs, die im April 2021 eine neue europäische Super League gründen wollten. Es wäre ein exklusiver Zirkel geworden, mit 20 Topteams aus Spanien, England und Italien. Agnelli und Co. wollten die Vermarktung auf eine neue Ebene heben, es ging um dreistellige Millionenbeträge pro Jahr – und das für jedes Team.

    Doch nach nur zwei Tagen sprangen englische Klubs wegen Fanprotesten wieder ab. Die European Super League war beerdigt, bevor sie überhaupt geboren wurde. Die erste große Niederlage für Agnelli. Das Aus bei Juventus dürfte den Funktionär allerdings noch viel mehr schmerzen.

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