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17.08.2022

17:15

Anwerbe-Aktion

Flughäfen verzichten auf türkische Hilfskräfte: „Qualifikation vielfach unter Minimal-Anforderungen“

Von: Christoph Schlautmann

2000 Aushilfen aus der Türkei sollten das Chaos an den deutschen Flughäfen beenden. Daraus wird nichts, sagen die Betreiber und kritisieren die Bundesregierung.

Wegen der Personalnot wurden Tausende Flüge gestrichen, um den verbleibenden Flugplan zu stabilisieren. IMAGO/HEN-FOTO

Ferienbeginn am Flughafen Frankfurt

Wegen der Personalnot wurden Tausende Flüge gestrichen, um den verbleibenden Flugplan zu stabilisieren.

Düsseldorf Das Anwerbungsprogramm der Bundesregierung für türkische Airport-Bodendienstmitarbeiter erweist sich als Fehlschlag. Statt der ursprünglich geplanten 2000 Aushilfskräfte, berichtet CDU-Tourismussprecherin Anja Karliczek dem Handelsblatt aus Gesprächen mit der Flughafenbranche, seien bislang nur 100 bis 200 gekommen. Bis Mitte August sollen es ihrer Information nach gerade einmal 250 werden.

Thomas Richter, der Chef des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), nannte der Nachrichtenagentur Reuters ähnliche Zahlen: „Es sind rund 150 Arbeitsverträge geschrieben.“

Die ersten Mitarbeiter kämen voraussichtlich diese Woche, der Rest in der nächsten Woche. Letztlich seien aber nur die Flughäfen München und Nürnberg an diesen „helfenden Händen“ interessiert, die vor allem bei der Gepäckabwicklung befristet bis zum 6. November arbeiten sollen.

Dabei bestehen die Abfertigungsprobleme weiterhin. „Nach dem Ferienende in NRW gibt es zwar kurzfristig eine kleine Delle beim Passagierandrang“, sagt Verdi-Experte Özay Tarim. „Dennoch gab es gestern Morgen in Düsseldorf Wartezeiten von rund einer Stunde vor der Sicherheitskontrolle.“ Auch in Köln/Bonn und Stuttgart bleibe die Situation kritisch.

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    Anfang Juni hatten Luftfahrtverbände die Bundesregierung gebeten, übergangsweise und möglichst unbürokratisch 2000 Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. Sie sollten das Chaos auf Deutschlands Flughäfen abmildern, das sich schon damals angesichts des wieder erstarkten Passagieraufkommens nach der Coronapause abzeichnete.

    Fristen reichten nicht aus

    Doch erst einen Monat später, am 6. Juli, genehmigten die Bundesministerien für Inneres, Arbeit/Soziales und Verkehr das vereinfachte Anwerbeverfahren. Gleichzeitig setzten sie eine Frist bis zum 30. Juli, in der Flughäfen und Abfertigungsunternehmen die notwendigen Unterlagen vorlegen sollten.

    Vergeblich warnten der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und der Flughafenverband ADV davor, dass es nahezu unmöglich sei, innerhalb dieser kurzen Zeit Unterlagen für ein Visum, eine Zuverlässigkeitsüberprüfung und eine Sicherheitsprüfung vorzulegen, in der jeder Arbeitswillige seine Aufenthaltsorte der vergangenen zehn Jahre ausführen muss.

    „Allein eine Zuverlässigkeitsprüfung für deutsche Mitarbeiter dauert in der Regel sechs bis acht Wochen“, weiß Özay Tarim von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. „So hat man vielen Arbeitskräften in der Türkei Hoffnungen auf eine gute Bezahlung in Deutschland gemacht, die absehbar enttäuscht werden mussten.“

    BDL-Geschäftsführer Matthias von Randow nennt für das enttäuschende Ergebnis der Aktion einen weiteren Grund: „Die Befristung auf drei Monate hat die Zahl potenzieller Arbeitskräfte massiv reduziert“, glaubt er.

    Der Flop hatte sich bereits frühzeitig angedeutet. Anfang Juli erklärte der Arbeitgeberverband der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL), dass die Unternehmen statt der geplanten 2000 nun weniger als 1000 Helfer angefordert hätten.

    „Plan der Bundesregierung ist ein Schlag ins Wasser“

    Anfang dieser Woche erklärte zudem der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport, der im Gegensatz etwa zu Düsseldorf selbst das Abfertigungspersonal beschäftigt, auf die ausländische Hilfe komplett verzichten zu wollen. Gegenüber dem Hessischen Rundfunk erklärte sich Fraport über die „vorliegenden Qualifikationen“ der Hilfsarbeiter enttäuscht.

    „Intensive Gespräche mit den türkischen Personaldienstleistern und detaillierte Prüfungen zugesendeter Personalunterlagen haben gezeigt, dass das tatsächliche Qualifikationsniveau vielfach deutlich unter unseren geforderten Minimalanforderungen liegt“, sagte ein Fraport-Sprecher. Den türkischen Bewerbern, die nach Aussagen mehrerer Branchenexperten hauptsächlich Beschäftigte der insolventen türkischen Airline Atlas Global sind, fehle es vor allem an Flughafenerfahrung und Deutschkenntnissen.

    „Intensive Gespräche mit den türkischen Personaldienstleistern und detaillierte Prüfungen zugesendeter Personalunterlagen haben gezeigt, dass das tatsächliche Qualifikationsniveau vielfach deutlich unter unseren geforderten Minimalanforderungen liegt.“ Ein Sprecher der Flughafengesellschaft Fraport

    Auch auf den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn kommen keine türkischen Hilfskräfte aus dem Programm zum Einsatz, wie der Branchenverband ABL und ein Flughafensprecher in Köln bestätigten. Das gelte auch für die in Köln beschäftigte Sicherheitsfirma Securitas.

    ABL-Geschäftsführer Richter berichtet zudem von Vermittlungsgebühren von 5000 Euro pro Arbeitskraft, was angesichts der kurzen Beschäftigungsdauer nicht zu bezahlen sei. Der in Köln/Bonn arbeitenden Dienstleister Swissport erklärte, die Personalsituation habe sich „etwas beruhigt“. Es fehlten nur noch „eine Handvoll Mitarbeitende in wenigen Bereichen“. Acciona in Düsseldorf ließ eine Anfrage des Handelsblatts unbeantwortet.

    „Der Verzicht auch des Flughafens Fraport zeigt, dass der Plan der Bundesregierung sowohl zeitlich als auch inhaltlich ein Schlag ins Wasser ist“, erklärte die CDU-Tourismusexpertin Karliczek gegenüber dem Handelsblatt. „Jetzt rächt es sich, dass die drei Bundesminister Nancy Faeser, Volker Wissing und Hubertus Heil das Problem so lange ignoriert haben.“

    Nach Ansicht der Oppositionspolitikerin hätte die Bundesregierung schneller die Genehmigung für die Anwerbung erteilen müssen. Auch das Genehmigungsverfahren sei viel zu spät und zu kompliziert gestaltet worden. „Die Zeche müssen nach wie vor die Urlauber und Flugreisenden zahlen“, moniert sie.

    Die CDU-Politikerin hat nun erneut eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt, um nähere Informationen über den schleppenden Einsatz der versprochenen Arbeitskräfte im Bereich Bodenabfertigungsdienstleister zu erhalten.

    Karliczek weist darauf hin, dass sie bereits im Frühjahr die zeitlich befristete Befreiung der Steuerpflicht auf geleistete Überstunden im Bereich Flughafenbodenpersonal gefordert hatte. „Damit hätten wir ohne Bürokratie eine spürbare Entlastung der Situation an den Flughäfen erreicht.“

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