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22.07.2020

14:13

Billigflieger

Ryanair will mehr als 500 deutsche Piloten und Flugbegleiter loswerden

Von: Jens Koenen

Die Ankündigung, die Ryanair-Standorte Hahn und eventuell auch Tegel und Weeze zu schließen, ist ein mächtiges Druckmittel. Viele betroffene Flughäfen hängen stark vom irischen Billigflieger ab.

Der Standort am Flughafen Hahn nahe Frankfurt soll zum 1. November geschlossen werden. dpa

Ryanair-Maschinen

Der Standort am Flughafen Hahn nahe Frankfurt soll zum 1. November geschlossen werden.

Frankfurt Im Streit um Lohnverzicht des fliegenden Personals bei der irischen Billigairline Ryanair dürfte es mittlerweile um mehr gehen als nur eine temporäre Kostensenkung wegen der Coronakrise. Das harte Vorgehen des Managements deutet darauf hin, dass die Unternehmensspitze die Kostenbasis dauerhaft weiter absenken will. Das würde den Wettbewerbsvorteil der Airline weiter erhöhen, sollte der Luftverkehr künftig wieder auf das Niveau wie vor der Pandemie steigen.

Ryanair hatte am Dienstag in einem internen Schreiben erklärt, die Basis am Flughafen Frankfurt-Hahn zum 1. November schließen zu wollen. Eine Basis ist gleichbedeutend mit einem Standort, an dem nicht nur Flugzeuge stationiert sind, auch die Mitarbeiter haben hier ihren „Sitz“. Aus dem Schreiben geht zudem hervor, dass ein ähnliches Schicksal auch den beiden Basen in Berlin-Tegel und im nordrhein-westfälischen Weeze drohen könnte – und zwar noch vor dem Winter.

In Hahn sollen die Piloten nach Angaben von Malta-Air-Personalchef Shane Carty ihre Kündigung noch in dieser Woche erhalten. Die Flugzeugführer sind seit einiger Zeit beim Ryanair-Ableger Malta Air angestellt, werden aber nach deutschem Tarifrecht bezahlt und beschäftigt. Betroffen sind nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Pilotenvereinigung Cockpit in Hahn 70 Mitarbeiter, davon 40 Piloten.

Insgesamt würden die Schließung der genannten deutschen Basen und weitere Kürzungspläne laut Verdi und VC 170 deutsche Piloten und etwa 350 Flugbegleiter treffen. Denn in dem internen Schreiben ist auch von einem Personalüberhang an den Basen in Köln, Frankfurt und Berlin-Schönefeld die Rede.

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    Die Piloten hatten einen Entwurf für einen neuen Tarifvertrag mehrheitlich abgelehnt. Nur 49,4 Prozent der befragten VC-Mitglieder haben dem Vorschlag zugestimmt. Ryanair soll von den Flugzeugführern bis 2024 einen Gehaltsverzicht von bis zu 30 Prozent gefordert haben. Zudem soll nur bezahlt werden, wenn auch geflogen wird.

    Sorge bei der Pilotengewerkschaft

    Im Gegenzug garantiert das Management sichere Jobs bis März 2021. Das reicht der Pilotenvertretung nicht. „Die geforderte tarifliche Vereinbarung hätte das Potenzial gehabt, sowohl den betroffenen Mitgliedern bei Malta Air als auch der gesamten Pilotenschaft deutschlandweit zu schaden“, heißt es in einem Statement der VC. Die Beschäftigungssicherung sei unzureichend. Dennoch hofft die VC, dass weiterverhandelt werden kann. Die große Sorge: Ryanair könnte die Piloten am Ende tatsächlich entlassen und später neue Flugzeugführer zu noch günstigeren Konditionen anstellen.

    Ähnlich sieht die Situation beim Kabinenpersonal aus. Das soll auf bis zu zehn Prozent des Gehalts verzichten. Und auch hier soll es kein festes Gehalt mehr geben, Geld soll nur noch fließen, wenn das Personal im Einsatz ist.

    Ob eine Lösung am Verhandlungstisch gefunden werden kann, ist offen. Bei der Ryanair-Tochter Lauda in Österreich gelang für den Standort Wien ein Kompromiss in allerletzter Minute. Auch hier hatte das Ryanair-Management ähnlich hart verhandelt und mit der Schließung gedroht. Dagegen wird die Lauda-Basis in Stuttgart tatsächlich geschlossen.

    Die Ryanair-Spitze befindet sich derzeit in einer guten Verhandlungsposition. Weltweit bauen Airlines wegen der Folgen der Pandemie Tausende Stellen ab. Einen neuen Job zu finden ist also derzeit schwer. Die Waffe Streik zieht auch nicht so recht, der Luftverkehr liegt nach wie vor weitgehend am Boden.

    Unruhe in Weeze und Hahn

    Hinzu kommt: Ryanair hat in den letzten Jahren mehrere Plattformen aufgebaut und kann die Flüge zwischen diesen verschieben. So gehört neben Lauda und Malta Air auch die polnische Buzz zum Reich des Billiganbieters. Ryanair kann also Basen schließen, die Verbindungen dort dennoch weitgehend aufrechterhalten, indem die Flüge von anderen Plattformen bedient werden.

    Dennoch dürfte die Drohung des Ryanair-Managements bei den Flughäfen wie etwa in Weeze oder Hahn für eine gewisse Unruhe sorgen. Der Flugplan hängt dort im Wesentlichen am Angebot des irischen Billiganbieters. Und es ist ein Unterschied, ob eine Airline einen Flughafen nur ansteuert oder dort auch Flugzeuge stationiert, die dann auch optimal ausgelastet werden müssen.

    Das weiß auch Ludger van Bebber, Flughafenchef in Weeze: Man beobachte die laufenden Verhandlungen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. „In diesen Zeiten Einschätzungen zu treffen ist kaum möglich.“

    In Hahn wollte man sich nicht zu den Plänen von Ryanair äußern. Eine Anfrage blieb vorerst unbeantwortet. In Branchenkreisen heißt es allerdings, dass die betreffenden Flughäfen auch noch keine Informationen von Ryanair erhalten hätten.

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