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28.09.2021

20:00

Corona-Impfstoff

Tiefkühlschränke so groß wie eine Konzerthalle – Die geheimen Warenlager der Impfstofflogistiker

Von: Christoph Schlautmann

Logistikkonzerne stellen sich auf ein dauerhaftes Geschäft mit Impfstoffen ein – und fürchten Saboteure und Diebesbanden. Ein Besuch in einem Sicherheits-Kühllager.

Spezialcontainer für den Transport von Impfstoffen: Die Kühlung soll für mindestens fünf Tage gewährleistet sein. Kühne + Nagel

Trockeneiscontainer

Spezialcontainer für den Transport von Impfstoffen: Die Kühlung soll für mindestens fünf Tage gewährleistet sein.

Düsseldorf Kein Firmenlogo, keine flatternden Fahnen an der Pförtnerloge, stattdessen ein undurchdringlicher Zaun, der das weitläufige Gelände vor unerwünschten Eindringlingen abschirmt. Nicht einmal auf Google Maps sind die zwei gewaltigen Hallen von Kühne + Nagel (K+N) vermerkt, obwohl sie zusammen größer sind als vier Fußballfelder.

Zur Geheimniskrämerei hat der Speditionskonzern allen Grund: Hier, am Ufer der Maas im Osten Belgiens, wird nach Schätzung von Experten mehr als ein Zehntel der globalen Covid-19-Impfstoffe umgeschlagen, was die unter arktischen Temperaturen stehenden Gebäude zu einem der größten Vakzin-Verteilzentren der Welt macht. Würden die Einrichtungen zum Ziel von Saboteuren oder Diebesbanden, wären die Auswirkungen auf den internationalen Pandemieverlauf verheerend.

Das Handelsblatt ist das erste Medium, dem K+N den Zutritt zu seinem Hochsicherheitsstandort gewährt – unter strengen Auflagen, was die Veröffentlichung sicherheitsrelevanter Details wie etwa den genauen Standort betrifft. „Unsere Kühltransporter bekommen immer wieder unterschiedliche Fahrtrouten, um nicht zum Ziel von Kriminellen zu werden“, sagt Konzernchef Detlef Trefzger. „Am Anfang fuhren sie sogar ohne Beschriftung.“

Schon an den riesigen Laderampen der über hundert Meter langen Gebäude wird deutlich: Hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Neben K+N errichten auch andere große Logistiker seit einigen Monaten in Rekordzeit solche gigantischen Impfstofflager. Nur sechs Monate habe der weltweite Aufbau funktionierender Lieferketten gedauert, bestätigt Deutsche Post DHL. Das sei rund dreimal so schnell wie normal.

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Standort erkennen

    Für die Speditionskonzerne bedeutet dies finanziell eine riskante Wette. Christian Kille, Professor für angewandte Logistik an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt, hat nachgerechnet: Er schätzt die weltweiten Neuinvestitionen in Kühlhallen, Eisschränke, Thermo-Transporter, Trockeneisanlagen und ähnliche Infrastruktureinrichtungen für die Corona-Impflogistik auf 300 bis 500 Millionen Euro. Doch nur wenn der Vakzinbedarf in den kommenden Jahren anhält, dürften sich solche Ausgaben lohnen.

    Logistik verschlingt weniger als ein Prozent der Gesamtkosten

    Am gesamten Kostenaufwand einer Impfdosis sind die Lageristen und Transporteure mit gerade einmal 1,66 Dollar beteiligt, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO ermittelt hat. Dennoch wetteifern seit Ende 2020 die Logistikkonzerne mit ausgeklügelten und meist kostspieligen Lösungen darum, die Corona-Impfstoffe möglichst schadenfrei an die Weltbevölkerung zu verteilen.

    Die Auftraggeber sind bunt gewürfelt. Pharmahersteller wie Pfizer, Moderna und andere befinden sich unter ihnen, aber auch staatliche Organisationen, Landesregierungen und hierzulande sogar das Bundesministerium der Verteidigung.

    Neben K+N, in der Schweiz ansässig und mehrheitlich im Besitz des deutschen Milliardärs Klaus-Michael Kühne, sind es vorrangig deutsche Logistikkonzerne, die mit Macht ins weltweite Verteilgeschäft drängen. „Als globaler Logistikdienstleister mit umfassender Erfahrung und Fachkompetenz in der zeitgerechten und zielgenauen Beförderung erfolgskritischer Güter“, warb Post-Chef Frank Appel gleich zu Beginn der Impfstoffverteilung, „ist es uns ein Anliegen, diesen Prozess mitzugestalten“.

    Grafik

    Anfang des Jahres erweiterte der Konzern deshalb den DHL-Standort am Flughafen Leipzig um ein 2500 Quadratmeter großes Kühlgebäude, das zu zwei Drittel auf minus 20 Grad heruntergekühlt wird. Seither lieferte Deutschlands größter Logistiker eigenen Angaben zufolge eine Milliarde Impfdosen in 160 Länder. Ihr größtes europäisches Kühllager betreiben die Bonner allerdings in den Niederlanden nahe der deutschen Grenze. Den genauen Standort halten auch sie geheim.

    Die Bahn-Tochter DB Schenker, die sich beim Schweizer Anbieter Skycell mit bis zu minus 80 Grad Celsius kalten Luftfrachtcontainern eindeckte, ist mit interkontinentalen Vakzin-Transporten ebenfalls im Geschäft. Andere – darunter Dachser, K+N, DHL und Transoflex – sorgen für die Impfstoff-Feinverteilung in einzelnen deutschen Bundesländern.

    Den Großteil der Transporte vom zentralen deutschen Impflager, untergebracht in der Artland-Kaserne nahe dem niedersächsischen Quakenbrück, zu den Anlieferungsstellen der Länder erledigt der Osnabrücker Spediteur Hellmann.

    Hohe Anforderungen an die Kühlketten

    Für alle Spediteure stellt sich eine knifflige Aufgabe: Manche Vakzine benötigen, um haltbar zu bleiben, extreme Lagertemperaturen. Minus 70 Grad fordert Biontech/Pfizer für sein Präparat, das bei Zimmertemperatur schon nach zwei Stunden verdirbt.

    Der Impfstoff von Moderna bleibt sieben Monate stabil, wenn er auf minus 20 Grad heruntergekühlt wird. Die Mittel von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson begnügen sich mit einem üblichen Kühlschrankklima von zwei bis acht Grad, wobei Frost den Astra-Impfstoff unbrauchbar macht.

    K+N-Chef Trefzger steht an diesem Morgen in einer 5000 Quadratmeter großen Halle, um eine vor Sonnenaufgang aus Spanien eingetroffene Charge von Moderna-Impfpaketen zu begutachten. Zwar produziert der Lohnfertiger Lonza das Vakzin im schweizerischen Visp, abgefüllt werden die Phiolen für den US-Pharmariesen aber in Spanien und Frankreich. Von dort aus gehen sie zur weltweiten Verteilung nach Belgien.

    Für Trefzger, ausgerüstet mit einem dicken Winterparka und festen Sicherheitsschuhen, wird der Rundgang schwieriger als gedacht. Immer wieder beschlägt seine Brille und vereist nach wenigen Sekunden. Schuld sind die Minustemperaturen um die 20 Grad, die in dem konzerthallengroßen Gebäude herrschen. Das 5000 Quadratmeter große Lager, das erst vor wenigen Monaten fertiggestellt wurde, ist einer der größten Pharma-Tiefkühlschränke der Welt.

    Ohne Spezialhandschuhe und Schutzbrille drohen Erfrierungen. DHL

    Trockeneis aus Kohlendioxid

    Ohne Spezialhandschuhe und Schutzbrille drohen Erfrierungen.

    Höchstens 45 Minuten sollen sich die Lageristen an einem Stück in der eisigen Umgebung aufhalten, dann geht es für eine Viertelstunde zurück zum Aufwärmen in den Mannschaftsraum. Um Corona-Ansteckungen zu verhindern, die in Kühlräumen schneller drohen als anderswo, tragen alle einen kleinen Piepser an der Brusttasche. Kommt ihnen ein Kollege näher als 1,50 Meter, ertönt ein Alarm.

    „Eine Infektion, die den Betrieb im schlimmsten Fall lahmlegen könnte, hat es bei uns bislang nicht gegeben“, gibt Tobias Jerschke zu Protokoll, der die Landesgesellschaften Belgien und Luxemburg führt.

    Mehr als 200 Mitarbeiter werden bis Jahresende an dem neuen Standort eingestellt. „Drei der zehn größten europäischen Frachtflughäfen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft“, begründet Jerschke die Ortswahl, „nämlich Brüssel, Luxemburg und Lüttich.“

    Temperaturen von bis zu minus 80 Grad möglich

    Dasselbe dürfte für die (möglichen) Auftraggeber gelten, die man – bis auf Moderna – bei K+N nicht preisgeben mag. Pfizer etwa unterhält eines seiner größten europäischen Werke im belgischen Puurs, die J&J-Impfstofftochter Janssen residiert im belgischen Beerse, und auch der weltgrößte Impfstoffhersteller Glaxo-Smithkline (GSK), der aktuell gemeinsam mit Sanofi an einem neuen Corona-Vakzin forscht, betreibt dieses Geschäft von Belgien aus.

    „Die belgischen Behörden kennen sich mit der Pharmaindustrie bestens aus und können dadurch weitaus schneller Genehmigungen erteilen als anderswo“, beobachtet Jerschke. So entstand neben der auf minus 20 Grad heruntergekühlten Halle binnen Rekordzeit ein weiteres, 20.000 Quadratmeter großes Lagerhaus, in dem es künftig sogar noch kälter zugehen kann.

    Exakt 2801 Ultra-Tiefkühlschränke eines japanischen Herstellers soll es fassen, von denen die ersten beiden bereits testweise im Betrieb sind. Gut sichtbar blinkt auf einem Display die Innentemperatur von minus 20 Grad, auf dem anderen minus 80.

    Von Belgien aus verteilt der Logistikkonzern die Vakzine weltweit. Reuters

    Impfstoff-Logistik bei Kühne + Nagel

    Von Belgien aus verteilt der Logistikkonzern die Vakzine weltweit.

    Noch geben Handwerker dem Gebäude den letzten Schliff, doch in den Regalen der Halle liegen bereits Schutzbrillen und Thermo-Handschuhe, die man sich aus der Raumfahrt besorgt hat. Eine Organisationsleiterin erzählt: „Ohne diese Ausrüstungen bekämen Mitarbeiter beim Umladen von den Transportbehältern in die Freezer binnen Sekunden Erfrierungen.“

    Denn auch die transportablen Kühlboxen sollen im Inneren die Tiefkühltemperatur von minus 75 Grad nicht überschreiten. Helfen müssen 120 Tonnen Trockeneis jährlich, das man gleich nebenan aus Kohlendioxid selbst produzieren will. „Das garantiert die notwendige Kühlung für mindestens fünf Tage“, sagt ein Mitarbeiter.

    Extrem hoher Energieverbrauch

    Der enorme Energieverbrauch bereitet dem Schweizer Speditionskonzern allerdings Kopfzerbrechen. Bereits seit vergangenem Jahr ist Kühne + Nagel für die eigenen Emissionen klimaneutral, was angesichts der stromfressenden Kühlanlagen eine große Herausforderung ist.

    Zudem hält das Lager für seine Ultra-Tiefkühlschränke ein Notstromaggregat und zusätzliche Batteriepuffer bereit. „Bis wir in ein bis zwei Jahren unser Dach mit Solarstromanlagen ausrüsten können, ordern wir grünen Strom“, erklärt CEO Trefzger. Das aber treibt die Kosten.

    Das erhoffte Wachstum im Geschäft mit den Covid-Impfstoffen soll dies ausgleichen. „Die Nachfrage nach Impfstoffen wächst immer noch stark“, berichtet Trefzger aus dem Tagesgeschäft.

    Die Booster-Impfung, eine von vielen Experten empfohlene dritte Spritze gegen das Virus, hebe den Bedarf. Müsste die Immunisierung jährlich wiederholt werden, wovon viele ausgehen, könnten pro Jahr global bis zu sechs Milliarden Impfdosen fällig werden – zehnmal so viele wie für die Grippeimpfung.

    Neue Aufträge durch Covax-Programm

    Hinzu kommt die erst anlaufende Nachfrage nach Erstimpfungen aus den Entwicklungsländern. Sie stockt bislang – und mit ihr das von WHO, Unicef, Weltwirtschaftsforum und anderen initiierte Covax-Programm. Dieses soll 93 ärmere Länder in Afrika, Südamerika und Asien zu günstigen Preisen mit dem Coronaschutz versorgen.

    Den wesentlichen Grund für den schleppenden Fortgang nennt ein Sprecher der federführenden Impfallianz Gavi: Der vorgesehene Hauptexporteur Indien, der viele Impfstoffe in Lizenz produziert, hält die Dosen zugunsten der eigenen Bevölkerung zurück. Gleichzeitig treffen nur wenige der versprochenen Lieferungen etwa aus Belgien und den USA ein.

    Indien aber werde seine Blockade voraussichtlich im Oktober aufheben, verkündete Gesundheitsminister Mansukh Mandaviya vor wenigen Tagen. K+N beschert das neue Aufgaben. Ein Teil der über Covax bestellten Sendungen soll in Belgien zwischengelagert, etikettiert und mit passenden Beipackzetteln versehen werden. Bei der Verteilung in den einzelnen Ländern kommen zudem die weltweiten 250 Pharma-Drehscheiben des Spediteurs zum Einsatz.

    Die Pandemiefolgen ließen die Pharmasparte der Schweizer zuletzt mit einem „hohen einstelligen Prozentsatz“ wachsen, wie es im Unternehmen heißt – verbunden allerdings mit deutlich gestiegenen Kosten. Haupttreiber des in der Pandemie boomenden Geschäfts war der Pharmabereich damit aber dennoch nicht. Der durch die Lockdowns boomende E-Commerce, erklärt Trefzger, habe in der entsprechenden K+N-Sparte sogar für ein „hohes zweistelliges Wachstum“ gesorgt.

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