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31.03.2020

04:00

Coronakrise

Händler stecken in Existenznöten – Liquidität wird knapp

Von: Florian Kolf, Corinna Nohn, Yasmin Osman

Bei vielen Unternehmen wird die Liquidität trotz Kurzarbeit oder Mietstundung knapp. KfW-Kredite sollen helfen, doch die Verhandlungen mit Banken sind oft zäh.

Das Virus bedroht die Existenz des Warenhauskonzerns. dpa

Karstadt-Filiale

Das Virus bedroht die Existenz des Warenhauskonzerns.

Düsseldorf, Frankfurt Die Dramatik spricht praktisch aus jedem Wort. „Die Coronakrise und die damit verbundenen behördlichen Schließungen sind für den Einzelhandel in Deutschland eine existenzielle Bedrohung“, warnt die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof in einem internen Schreiben, das dem Handelsblatt vorliegt.

Auch für das eigene Unternehmen und die damit verbundenen etwa 28.000 Arbeitsplätze bedeute Covid-19 „eine sehr, sehr große Herausforderung“. Jede Woche verliere Galeria Karstadt Kaufhof „mehr als 80 Millionen Euro Umsatz“.

Nicht weniger bedrohlich klingt ein Brief, den die Geschäftsführer der Unternehmen Kik, Tedi, Takko, Woolworth und Roller vor einer Woche an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier geschrieben haben. „Durch von der Politik dramatisch veränderte Rahmenbedingungen steht in Kürze unsere wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel und damit mehrere Millionen von Arbeitsplätzen in Deutschland“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben.

Die Industrie stünde aktuell wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit, klagen die Händler. Der Handel, und hier vor allem der Nicht-Lebensmittelhandel, werde „stiefmütterlich und ohne hinreichende Expertise behandelt“.

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    Weil zahlreiche Händler in Deutschland ihr Filialnetz schließen mussten, herrscht in der Branche Alarmstimmung. Denn ein großer Teil des Handels ist auf das stationäre Geschäft angewiesen, der E-Commerce macht in der Regel erst einen kleinen Teil des Umsatzes aus.

    Über alle Produktkategorien beträgt der Onlineanteil im deutschen Einzelhandel gerade mal elf Prozent. Damit bricht für viele Händler ein Großteil des Absatzes durch die Coronakrise weg.

    Das bringt bei etlichen das Geschäftsmodell in Bedrängnis. Da viele Kosten weiterlaufen, die Einnahmen aber ausbleiben, fehlt Liquidität, um beispielsweise die Forderungen von Lieferanten zu bezahlen.

    Ein häufig genutztes Modell ist es, Zahlungsziele von rund drei Monaten mit Lieferanten zu vereinbaren. Die Rechnungen kann der Händler dann in normalen Zeiten aus den Verkäufen bezahlen.

    Euler Hermes hat reagiert

    Doch die Zeiten sind nicht mehr normal. Deshalb verhandeln jetzt viele Einzelhändler mit ihren Lieferanten, die Zahlungsziele zu verlängern. Um diese Verhandlungen zu erleichtern, hat der wichtigste Warenkreditversicherer, Euler Hermes, bereits reagiert.

    So können die Kunden bis Ende Mai die Zahlungsziele mit ihren Lieferanten um bis zu 60 Tage verlängern – ohne erneut mit Euler Hermes Rücksprache halten zu müssen.

    Grafik

    Um in der sich täglich mehr zuspitzenden Situation zu überleben, greifen die Händler zusätzlich nach jedem Strohhalm. Praktisch flächendeckend wurde bereits Kurzarbeit beantragt, um die Personalkosten zu reduzieren. Investitionen werden weitgehend runtergefahren, Mietzahlungen zurückgehalten.

    Allerdings zeichnet sich schon jetzt ab, dass all das letztlich nicht reichen könnte. Deshalb beantragen immer mehr große Händler Staatshilfe in Form eines Kredits bei der Staatsbank KfW.

    Die KfW übernimmt dabei für große Unternehmen ab einem Umsatz von 50 Millionen Euro bis zu 80 Prozent des Risikos, bei kleineren Firmen sogar bis zu 90 Prozent. Den Rest des Risikos müssen die jeweiligen Hausbanken übernehmen.

    Der Händler Ceconomy mit seinen Ketten Media Markt und Saturn beispielsweise hat schon 20.000 Mitarbeiter in Deutschland in Kurzarbeit geschickt und jedes Mittel zur Liquiditätsschonung geprüft. „Es ist derzeit jedoch völlig unklar, wie lange die Phase bis zur Wiederaufnahme unserer normalen Geschäftstätigkeit dauern wird“, sagte eine Ceconomy-Sprecherin.

    „Daher haben wir uns entschieden, zusätzlich eine KfW-Finanzierung zu beantragen.“ Die Rede ist von einem möglichen Kredit in Höhe von rund zwei Milliarden Euro. Ceconomy hat die Summe weder bestätigt noch dementiert. In Unternehmenskreisen heißt es aber, dass es sich dabei um einen Finanzierungsrahmen handele, der nicht komplett ausgeschöpft werden müsse.

    Douglas prüft staatliche Kredite

    Auch die Parfümeriekette Douglas muss die Schließung fast aller 2400 Filialen in Europa kompensieren. Firmenchefin Tina Müller wehrt sich zwar dagegen, „in einen Topf mit Firmen geworfen zu werden, die schon vor der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten waren und nun wirklich ums Überleben kämpfen“.

    Doch staatliche Kredite könnten nötig werden. „Selbstverständlich prüfen wir auch für uns infrage kommende staatliche Programme“, sagt Müller. Es gehe um „jene von der KfW abgesicherten Kredite, die wir gemeinsam mit unseren Hausbanken eventuell nutzen wollen“, bestätigt sie im Handelsblatt-Interview.

    Der Kaufhausbetreiber Galeria Karstadt Kaufhof hat schon vor mehr als zwei Wochen einen Antrag auf einen Notkredit der KfW gestellt. Im Gespräch ist hier eine Summe von bis zu 700 Millionen Euro.

    In dem internen Schreiben von Galeria Karstadt Kaufhof heißt es, es würden derzeit unter anderem Gespräche mit den Banken geführt, um die umfangreichen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme staatlicher Hilfsgelder zu schaffen. „Dieser Prozess ist derzeit jedoch noch sehr bürokratisch und aufwendig. Er kostet wertvolle Zeit“, klagt das Unternehmen.

    Banken prüfen intensiv

    Viele Händler beschweren sich, dass die Banken ein Flaschenhals seien. „Wir erwarten keine einfachen Gespräche“, heißt es bei einem Händler, der diese Verhandlungen noch vor sich hat. Gerade, weil es für den Shutdown des Handels noch kein Exit-Szenario gebe, würden viele Kreditinstitute besonders intensiv prüfen, bevor sie der Risikoübernahme zustimmten. „Die Banken entscheiden über Wohl und Wehe einer ganzen Branche“, schimpft ein anderer Unternehmensvertreter, der nicht genannt werden will.

    In ihrem Brandbrief an Minister Altmaier fordern die fünf Händler bereits, die Risikopartnerschaft mit den privaten Banken grundsätzlich zu überdenken. „Vor dem Hintergrund, dass die privaten Banken aufgrund der Coronakrise selbst um ihr Überleben kämpfen werden müssen, bestätigen bereits laufende Gespräche unseren Verdacht, dass private Banken derzeit keine zusätzlichen Risiken im Zusammenhang mit Coronakrediten eingehen werden“, warnen die Firmenchefs von Woolworth, Takko, Kik, Tedi und Roller.

    Die staatlichen Hilfen, die überwiegend als Darlehen angedacht sind, würden dann nicht zur Auszahlung kommen.

    In Finanzkreisen weist man die pauschale Kritik an der Zögerlichkeit der Banken zurück. Es hänge von der Bonität und den Zukunftsaussichten der einzelnen Unternehmen ab, ob die Banken KfW-Kredite ermöglichen oder nicht.

    Bankenvertreter räumen allerdings auch ein, dass sie bei bestimmten, besonders hart von der Coronakrise betroffenen Branchen insgesamt vorsichtiger geworden sind.

    „Die KfW-Programme helfen den Unternehmen weiter, die grundsätzlich noch kreditfähig sind. Das hat auch mit dem EU-Beihilferecht zu tun, das eine Hilfestellung für Firmen, die ohnehin schon in Schwierigkeiten steckten, verbietet“, sagt auch Jens Fröhlich, Leiter Förderkreditmittel bei der IKB.

    Einen wochenlangen Prüfprozess gibt es bei der Mittelstandsbank dagegen nicht: „Wir versprechen unseren Kunden, unsere Kreditentscheidung innerhalb von einer Woche zu treffen. Wir können aber nicht beeinflussen, wie lange die KfW für ihre Kreditentscheidung benötigt.“

    Bislang wurden bei der KfW 742 Kreditanträge über ein Volumen von 8,2 Milliarden Euro eingereicht. Da die KfW bei Kleindarlehen bis drei Millionen Euro keine eigene Risikoprüfung vornimmt und sich auf die Hausbank verlässt, sind einige Institute sogar bereit, in solchen Fällen in Vorleistung zu treten und ihren Kunden eine Überbrückungsfinanzierung auszuzahlen.

    Der erste von der Deutschen Bank ausgezahlte KfW-Kredit ging laut dem Unternehmenskunden-Chef Stefan Hoops dabei sogar an ein Handelsunternehmen – eine Konditorei in Mecklenburg-Vorpommern.

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