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05.05.2022

10:00

Digitale Gesundheit

Warum Bertelsmann 161 Millionen in ein Bildungsunternehmen in Brasilien investiert

Von: Michael Scheppe

Das Familienunternehmen erwirbt die Mehrheit an der börsennotierten Firma Afya. Bertelsmann will vom boomenden Geschäft mit digitaler Gesundheit profitieren.

Das brasilianische Bildungsunternehmen gehört jetzt mehrheitlich zu Bertelsmann. Bertelsmann

Studenten des Bildungsunternehmens Afya

Das brasilianische Bildungsunternehmen gehört jetzt mehrheitlich zu Bertelsmann.

Düsseldorf Bertelsmann übernimmt für 161 Millionen US-Dollar (umgerechnet knapp 153 Millionen Euro) die Mehrheit am brasilianischen Bildungsdienstleister Afya. Das teilte der Medien-, Dienstleistungs- und Bildungskonzern am Donnerstag mit.

Das Familienunternehmen plane zudem, weitere Aktien zu erwerben, heißt es in Unternehmenskreisen. Erst im Sommer 2021 hatten die Gütersloher 500 Millionen Euro in das an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq notierte Afya investiert.

Das Unternehmen gilt als der führende Anbieter für medizinische Aus- und Weiterbildung in Brasilien. Medizinstudenten können sich an 13 Privatuniversitäten ausbilden lassen. Und praktizierende Doktoren aus mehr als 1000 Partnerkliniken nutzen Afya, um sich digital weiterzubilden oder ihre Arbeit über Software des Unternehmens zu managen.

Der Umsatz lag zuletzt bei umgerechnet 270 Millionen Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) betrug 120 Millionen Euro. Mit einer Marge von mehr als 40 Prozent ist das Geschäft hochprofitabel.

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    Mit dem Investment hält die in New York ansässige Tochter Bertelsmann Education Group nun 57 Prozent der Stimmrechte an Afya. Bislang waren es 46 Prozent. Zusammengerechnet zählen die Investitionen zu den größten in Bertelsmanns bisheriger Firmengeschichte. Neuer Chairman im Afya-Aufsichtsrat wird Kay Krafft, der Chef der Education Group ist. „Wir sehen in Afya noch enormes Wachstumspotenzial“, sagte Krafft dem Handelsblatt.

    Der Zukauf passt in Bertelsmanns Strategie und Zukunftsprogramm mit dem Namen „Boost 2025“. CEO Thomas Rabe hatte Ende März bei der Vorlage der Jahreszahlen bekräftigt, stärker in das margen- und wachstumsstarke Geschäft mit digitaler Gesundheit investieren zu wollen.

    Der Gütersloher Konzern hatte sich bereits 2014 an der Entwicklung von Afya beteiligt und stellte Mitglieder im Aufsichtsrat, die der Gründerfamilie beim Aufbau geholfen haben. Im Juli 2019 ging das Unternehmen an die Börse. Seither ist der Aktienkurs um 40 Prozent auf knapp 14 US-Dollar gefallen. Die Erlöse haben sich hingegen mehr als verdoppelt, die Zahl der Studierenden hat sich auf 16.000 verdreifacht. Digitale Fortbildungen nutzen im Schnitt monatlich 250.000 Menschen, 2019 waren es noch 10.000.

    Wachstumsmarkt Brasilien

    Bertelsmann stieg bei Afya ein, weil CEO Raabe Brasilien neben China und Indien als Wachstumsregion identifiziert hatte. Brasilien ist mit 213 Millionen Einwohnern ein riesiger Markt mit landesweit einheitlichen Regularien bei Gesundheitsfragen – das erleichtert die Entwicklung von Aus- und Weiterbildungsangeboten, ebenso wie die einheitliche Amtssprache Portugiesisch.

    „Beschäftigte und Studierende sind dort stärker als in Europa dazu bereit, für Weiterbildungen und eine Ausbildung an einer Privatuniversität zu zahlen“, sagt Krafft. Das kostet: Studierende müssen bei Afya pro Monat umgerechnet etwa 1700 Euro Studiengebühren zahlen.

    „Wir sehen in Afya noch weiteres, enormes Wachstumspotenzial“, sagt der Bertelsmann-Manager.

    Kay Krafft

    „Wir sehen in Afya noch weiteres, enormes Wachstumspotenzial“, sagt der Bertelsmann-Manager.

    Aber: In Brasilien kommen auf 1000 Einwohner nur 2,5 Ärzte; in Deutschland sind es 4,3. „Das Land hat großen Nachholbedarf“, erläutert Krafft. So dürfte die Zahl der Mitarbeiter im brasilianischen Gesundheitswesen überdurchschnittlich wachsen – für Afya und Bertelsmann verspricht das schnelle Profite.

    Afya hat in den vergangenen Jahren mehrere Universitäten übernommen. Fast 40 Prozent aller angehenden und ausgebildeten Mediziner Brasiliens studieren mittlerweile an Einrichtungen des Bildungsunternehmens oder nutzen Softwareangebote der Firma.

    Für einen Platz an der Uni gibt es nach Firmenangaben acht Bewerber. An allen Standorten bietet Afya das gleiche Lehrprogramm. Das sichert nicht nur einen Standard, es lässt sich auch schnell skalieren. Auch die digitalen Weiterbildungsangebote können ohne großen finanziellen Aufwand auf andere Kliniken erweitert werden.

    Erlöse mit Dienstleistungssoftware

    Zunehmend Geld verdient Afya mit Dienstleistungssoftware, die an das Kerngeschäft angrenzen. So bietet das Unternehmen etwa Programme an, mit denen Ärzte Termine verwalten oder Abrechnungen machen können. Auch ein digitales Nachschlagewerk gehört zum Portfolio. Schon während des Studiums kommen die angehenden Ärzte mit diesen Programmen in Berührung.

    Gründer Nicolau Esteves, der mit seiner Familie noch rund 20 Prozent der Anteile hält, sagt: Bertelsmann könne mit dem Fokus auf digitale Bildung im Gesundheitsweisen weitere inhaltliche Impulse geben. Co-CEO Krafft plant, weitere Universitäten in das Afya-Lehrprogramm zu integrieren, und will das Softwareangebot ausbauen. Zudem beabsichtigt der Dienstleister, Kooperationen mit Pharmaunternehmen zu forcieren, damit diese etwa den Kliniken ihre Produkte besser vorstellen können.

    Zunächst will Krafft innerhalb Brasiliens und in die USA expandieren. Eine Erweiterung Richtung Europa könnte es erst in einigen Jahren geben. In den 27 EU-Staaten sind die Anforderungen und Regularien fragmentierter, zudem geben Beschäftigte hier weniger Geld für Fortbildungen aus.

    Krafft ist seit Gründung 2015 Chef der Bertelsmann Education Group. Zuvor war er Mitglied der Geschäftsführung des Musikunternehmens BMG, das ebenfalls zu Bertelsmann gehört. Dabei war er mitverantwortlich dafür, dass sich BMG von einem Start-up zur weltweiten Nummer vier der Branche entwickelt hat.

    Der 51-Jährige lebt mit seiner Familie mittlerweile in den USA und ist auch Chef von Relias, einem Anbieter von Online-Weiterbildung für Pflegekräfte in den USA. Relias verfolgt ein ähnliches Konzept wie Afya und gehört auch zu Bertelsmann. Zu den Kunden von Relias zählen mehr als 11.000 Gesundheitseinrichtungen und 4,5 Millionen Beschäftigte. Auch Relias wächst schnell und ist hochprofitabel.

    Konzernchef Rabe bezeichnet das neuerliche Investment in Afya als eine „weitere Stärkung der Bertelsmann Education Group“. Diese soll nun mittelfristig einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro und ein Ebitda von 500 Millionen erwirtschaften. Insgesamt erzielte Bertelsmann im abgelaufenen Geschäftsjahr 18,7 Milliarden Euro Jahresumsatz und 2,3 Milliarden Euro Gewinn.

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