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08.02.2022

20:01

Drogeriemarktkette

Geschäftsmann mit sozialer Ader: dm-Gründer Götz Werner ist tot

Von: Michael Scheppe, Florian Kolf

Mit dm schuf Götz Werner aus dem Nichts ein Drogerie-Imperium und wurde zum Milliardär. Zeitlebens warb er zudem für eine Idee, in der er einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft sah.

Der Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm wurde 78 Jahre alt. dpa

Götz Werner

Der Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm wurde 78 Jahre alt.

Düsseldorf Mit Bestürzung haben Weggefährten auf den Tod des Unternehmers Götz Werner reagiert. Eine „visionäre und zugleich nahbare Gründerpersönlichkeit“ nannte ihn Alnatura-Chef Götz Rehn, der viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet hatte. Und selbst der langjährige geschäftliche Rivale Dirk Roßmann bekannte, viel von Werner gelernt zu haben, und bezeichnete ihn als „Pfundskerl“.

Der Gründer der Drogeriemarktkette dm, war am Dienstagvormittag im Alter von 78 Jahren gestorben. Werners Kräfte hätten in den zurückliegenden Monaten kontinuierlich nachgelassen, sein Tätigkeitsradius sei zunehmend eingeschränkt gewesen, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Werner hinterlässt seine Frau, sieben Kinder und mehrere Enkel.

Deutschlands größte Drogeriekette wird seit September 2019 von seinem Sohn Christoph Werner geführt. Sein Vater und „außergewöhnlicher Lebensbegleiter“ sei friedlich verstorben, erklärte dieser am Dienstag. Er und die Familie seien in tiefer und stiller Trauer.

Werner, der zuletzt in Stuttgart wohnte, schuf ein Drogerie-Imperium: Mit der Einführung des Discounterprinzips wurde der dm-Gründer zum Milliardär. Unbedingt abgezeichnet hatte sich das in jungen Jahren nicht. In seiner Biografie „Womit ich nie gerechnet habe“ beschrieb Werner sich folgendermaßen: „In der Schule sitzengeblieben, nach elf Schuljahren abgegangen. Deutscher Jugendmeister im Rudern, Drogist gelernt, Prokurist geworden. Verstoßener Sohn. Realträumer. Gründer wider Willen.“

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    Schwerer Start von Götz Werner im väterlichen Betrieb

    Götz Werner wurde als Sohn eines Drogisten am 5. Februar 1944 in Heidelberg geboren. Er absolvierte eine Lehre in Konstanz und trat nach abgeschlossener Ausbildung zunächst in die „Drogerie Werner“ ein. Im väterlichen Betrieb tat er sich schwer. Der Vater warf ihn raus, hielt nichts von den „spinnerten“ Ideen des Sohns.

    1969 verließ er seine Heimatstadt und wechselte zur „Drogerie Roth“ in Karlsruhe, wo er seine Ideen ebenfalls nicht umsetzen konnte. So entschloss sich Werner 1973 zur Gründung eines eigenen Geschäfts. Es war ein Selbstbedienungsmarkt mit dreifacher Fläche und stark reduziertem Sortiment im Vergleich zu herkömmlichen Drogerien.

    Der Sohn von Götz Werner führt die Drogeriekette seit 2019. Max Brugger für Handelsblatt

    Christoph Werner

    Der Sohn von Götz Werner führt die Drogeriekette seit 2019.

    Seine Maxime, aufgrund der „permanenten, konstruktiven Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen“ das Unternehmen immer wieder verändern zu wollen, prägten die Drogeriekette, heißt es in der Mitteilung. Heute gibt es dm-Märkte in 14 europäischen Ländern. Mit einem Umsatz von mehr als zwölf Milliarden Euro und 66.000 Beschäftigten ist das Unternehmen dort Marktführer.

    Dirk Roßmann nennt Werner einen „Pfundskerl“

    Eine Motivation für Werners beruflichen Erfolg war die langjährige Rivalität mit Dirk Roßmann, der parallel eine Drogeriekette aufgebaut hatte. Bei aller Konkurrenz waren sich die Unternehmer in gegenseitiger Hochachtung verbunden. „Der Erfolg von dm war für mich immer Ansporn, selbst auch unbedingt erfolgreich zu sein“, sagte Dirk Roßmann dem Handelsblatt. Und er bekannte, von Götz Werner viel mehr gelernt zu haben als umgekehrt.

    Er habe Werner vor 50 Jahren, im Sommer 1972, kennengelernt. Damals sei der dm-Gründer zu ihm nach Hannover gekommen, um einen neuen Markt in der Jakobistraße persönlich zu begutachten. „Ich erlebte einen jungen Mann voller Energie, Kraft und Lebensfreude, dessen Motto ,auf zu neuen Ufern‘ in jedem Augenblick spürbar war“, erinnert sich Roßmann, selbst Jahrgang 1946.

    Später, als sie zunehmend Wettbewerber wurden, seien persönliche Begegnungen seltener geworden. „Dass ich der bin, der einmal übrig bleiben würde, war nie abzusehen“, so Roßmann. Und er gab Werner mit auf den letzten Weg: „Ich war oft wütend auf Dich, dabei warst Du immer ein Pfundskerl.“

    „Der Erfolg von dm war für mich immer Ansporn, selbst auch unbedingt erfolgreich zu sein“, sagt der Rossmann-Gründer. imago stock&people

    Dirk Roßmann

    „Der Erfolg von dm war für mich immer Ansporn, selbst auch unbedingt erfolgreich zu sein“, sagt der Rossmann-Gründer.

    Sehr betroffen vom Tod des dm-Gründers zeigte sich auch dessen Schwager, Alnatura-Gründer Götz Rehn. Sie hatten lange sehr eng beim Aufbau der Biomarke zusammengearbeitet, die durch den Verkauf in den dm-Märkten bekannt wurde. „Götz Werner hat mich bei der Realisierung meines Ideals, ein sinnvolles Unternehmen Wirklichkeit werden zu lassen, durch vielfältige Anregungen und tatkräftige Unterstützung begleitet“, sagte Rehn dem Handelsblatt.

    Auch wenn sie zeitweilig in eine heftige Auseinandersetzung gerieten und sogar vor Gericht um die Markenrechte für Alnatura stritten, blieb letztlich die Achtung vor dem Unternehmer und Menschen. „Ohne seine Treue, seine Ermutigung und seine wertvollen Impulse wäre es vermutlich kaum möglich gewesen, Alnatura aufzubauen“, erklärt Rehn. „Jeder, der Götz Werner einmal persönlich getroffen hat, konnte erleben, welche visionäre und dennoch bodenständige und nahbare Gründerpersönlichkeit er war.“

    Hornbach-Chef Harsch würdigt den dm-Gründer

    Eng verbunden waren sich Rehn und Werner nicht nur bei der frühen Wertschätzung für Biowaren. Sie teilten auch die anthroposophische Einstellung – und damit verbunden eine moderne Mitarbeiterführung. „Jede Arbeit ist wertvoll“, schrieb Werner in seiner Biografie, „die einer Hausfrau und Mutter genauso wie die eines Managers.“

    „Götz Werner waren die Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen stets besonders wichtig“, bestätigt der heutige Hornbach-Chef Erich Harsch, der viele Jahre zusammen mit Werner die Drogeriekette dm geleitet hat. Davon habe auch er über Jahrzehnte in seiner persönlichen Biografie ganz wertvolle Impulse gewinnen dürfen, sagte Harsch dem Handelsblatt.

    Auch für sich selbst sei Werner diesem Anspruch stets gefolgt. „Vom dynamischen Pionierunternehmer bis hin zum nicht minder dynamischen Unterstützer und Wegbereiter für viele immer wieder neue Ideen und positive Entwicklungen sozialer Zusammenhänge innerhalb und außerhalb des von ihm gegründeten Unternehmens hat er nach meiner Beobachtung bedeutsam gewirkt“, würdigt der Vorstandsvorsitzende der Baumarktkette den dm-Gründer.

    2008 verabschiedete sich Werner aus der operativen Verantwortung. Auch danach besuchte er regelmäßig die Filialen, um mit den Mitarbeitern ein Schwätzchen zu halten.

    Götz Werner warb für bedingungsloses Grundeinkommen

    Götz Werner, der 2005 von der Universität Karlsruhe den Professorentitel verliehen bekam, galt als Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Für diese Maxime warb er in vielen Vorträgen und Diskussionsbeiträgen. In ihr sah er einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, gerade in Zeiten zunehmender Globalisierung und Digitalisierung.

    Auf den ersten Blick wirkt es erstaunlich, dass gerade ein Selfmade-Unternehmer wie er ein staatliches Grundeinkommen forderte. Doch für den Milliardär war das kein Widerspruch. „Die Verkopplung von Arbeit und Einkommen ist einer der Grundfehler unseres Systems“, war er überzeugt.

    Die Gesellschaft müsse Verhältnisse schaffen, wo sich jeder Einzelne selbst motiviert, sagte er vor einigen Jahren im Gespräch mit dem Handelsblatt. Dann gebe es vielleicht auch wieder mehr Menschen, die den Mut haben, ein Unternehmen zu gründen – so wie er vor fast 50 Jahren.

    Seit Herbst 2018 war Werner aus gesundheitlichen Gründen kürzergetreten. Sein größter Wunsch war, „dass meine Ideen als Unternehmer und Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens fortwirken und zu einer lebenswerten Welt beitragen“.

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