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30.05.2022

14:36

E-Commerce

Deutschlands zweitgrößter Onlinehändler kassiert Prognose – eine Boombranche bremst

Von: Florian Kolf

Amazon und Zalando rechnen plötzlich mit weniger Wachstum. Otto will mit Investitionen gegensteuern. Dabei gibt es für das Ende des Booms eine einfache Erklärung.

Im Onlinehandel in Deutschland machte Otto einen Umsatz von acht Milliarden Euro. bildquelle

Pakete von Otto

Im Onlinehandel in Deutschland machte Otto einen Umsatz von acht Milliarden Euro.

Düsseldorf Eigentlich hatte die Otto Group für das laufende Jahr wieder mit zweistelligen Wachstumsraten geplant. Doch dieser Optimismus ist verflogen. Der Handelskonzern, nach Amazon die Nummer zwei im deutschen Onlinehandel, traut sich nun keine Prognose mehr zu, wie Vorstandschef Alexander Birken bei der Vorlage des Jahresergebnisses erklärte.

„Wir sind trotz des sehr herausfordernden Umfelds optimistisch, dass wir unseren Gesamtumsatz im laufenden Geschäftsjahr weiter steigern können – allerdings bei deutlich geminderter Ertragsstärke“, sagt er. Die Folgen des Ukrainekriegs und auch die weiterhin bestehenden Folgen der Pandemie auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, das Konsumklima sowie auf die Preise und die Verfügbarkeit von Waren und Rohstoffen belasteten das Geschäft.

Nach zwei Boomjahren, befördert durch die Auswirkungen der Coronapandemie, erlebt der Onlinehandel derzeit eine Ernüchterung. Viele Händler hatten erwartet, dass sich das Wachstum ungebremst fortsetzen würde. Doch selbst bei großen Händlern wie Amazon oder Zalando brechen die Zahlen ein.

Drastisch war es beim Modehändler Zalando. Im ersten Quartal ging der Umsatz erstmals zurück, und zwar um 1,5 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Und das Unternehmen machte einen Betriebsverlust (Ebit) von 52 Millionen Euro. Im Vorjahresquartal hatte es noch einen Gewinn von 93 Millionen Euro gemacht.

Beim Onlineriesen Amazon fiel der Umsatz im Onlinehandel im ersten Quartal sogar um drei Prozent zurück. Konzernchef Andy Jassy sprach von „ungewöhnlichen Herausforderungen“. Unter anderem wirke sich die Inflation negativ auf die Konsumstimmung der Verbraucher aus.

Operativer Gewinn von Otto liegt auf Vorjahresniveau

Selbst der erfolgsverwöhnte Modehändler About You, an dem die Otto Group beteiligt ist, rechnet mit einer Abkühlung. War der Umsatz im vergangenen Jahr noch um 48 Prozent gewachsen, erwartet er für das laufende Jahr nur noch einen Zuwachs von 25 bis 35 Prozent.

Die Otto Group konnte schon im vergangenen Jahr die Wachstumsraten im E-Commerce aus dem ersten Coronajahr nicht halten. Im Geschäftsjahr 2020/21 war der Umsatz im Onlinehandel auf vergleichbarer Basis, also bereinigt um Währungseffekte und Veränderungen des Konsolidierungskreises, um 25,6 Prozent gewachsen. Im Jahr 2021/22 lag dieser Zuwachs nur noch bei 12,1 Prozent.

Den Gesamtumsatz konnte die Otto Group im am 28. Februar abgelaufenen Geschäftsjahr weltweit um 12,9 Prozent auf 16,1 Milliarden Euro steigern. Aus dem E-Commerce stammten davon 12,1 Milliarden Euro. Im Onlinehandel in Deutschland machte Otto einen Umsatz von acht Milliarden Euro.

Grafik

Der Gewinn konnte trotz gestiegener Kosten in den Lieferketten und höherer Risikoversorge in etwa auf dem Niveau des Vorjahres gehalten werden. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 677,4 Millionen Euro.

„Die vergangenen zwei Jahre waren geprägt durch Unsicherheiten, aber wir haben Kurs gehalten“, betont Otto-Chef Birken. Das will das Unternehmen auch in diesem Jahr so halten, doch einfach wird es nicht. „Noch sind die Auswirkungen des Kriegs nur in Umrissen erkennbar“, so Birken, „wir steuern in der Otto Group auf Sicht.“ Auch die globalen Lieferengpässe würden sich wohl nicht kurzfristig entspannen.

Fast die Hälfte der Modeartikel wird schon online gekauft

Experten überrascht die Abkühlung im Onlinehandel nicht. „Es ist natürlich, dass das prozentuale Wachstum mit der größeren Basis geringer wird“, betont Eva Stüber, E-Commerce-Expertin des Instituts für Handelsforschung (IFH). Zudem herrsche momentan eine Konsumzurückhaltung aufgrund des Kriegs in der Ukraine und der Preissteigerungen. Dies betreffe jedoch den gesamten Handel.

„Die Erwartungen an das Wachstum im Onlinehandel sind zurzeit überzogen“, kritisiert Stüber. Es sei irrsinnig, Unternehmen abzustrafen, weil sie nur noch 30 Prozent Wachstum erwarten. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf About You, wo der Aktienkurs nach der Bekanntgabe der Prognose um fast 14 Prozent abgestürzt war.

>> Lesen Sie hier: Eine Verbraucherbefragung zeigt: Das sind die besten Händler stationär und online

Die Beschleunigung des Onlinehandels in den vergangenen zwei Jahren sei extrem gewesen, so Stüber. Sie illustriert das an zwei Zahlen: So habe der absolute Umsatzzuwachs im E-Commerce in Deutschland 2021 bei 17,4 Milliarden Euro gelegen. 2009 wurden im gesamten Jahr nur 18,4 Milliarden umgesetzt. Der Onlinehandel hat in den Coronajahren so viel an Umsatz dazugewonnen wie in den sechs Jahren zuvor aufsummiert.

Dazu kommt: Der Anteil des E-Commerce am gesamten Einzelhandel ist in vielen Produktgruppen mittlerweile schon so hoch, dass es für Onlinehändler immer schwieriger wird, weiter großes Umsatzvolumen zu sich zu ziehen. So wurden im vergangenen Jahr nach Berechnungen des „Online-Monitors“ des IFH bereits 46,5 Prozent aller Umsätze in der Kategorie Mode und Accessoires im Netz gemacht.

Ähnlich sieht es bei der Konsumelektronik aus. Dort liegt der Onlineanteil mittlerweile bei 44 Prozent. In der Kategorie Freizeit und Hobby sind es 37,2 Prozent, bei Büroartikeln und Schreibwaren 36,9 Prozent.

Otto investiert in digitale Gesundheitsservices

Mit gezielten strategischen Investitionen in den Auf- und Ausbau bestehender und neuer Geschäftsmodelle will die Otto Group in dem zunehmend unsicheren Umfeld ihr Wachstum auch in Zukunft sichern. „Die finanzielle Basis, die wir in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut haben, gibt uns Stärke für die Zukunft“, so Birken. „Wir wollen an unseren strategischen Investitionen festhalten, auch wenn wir in einem rauen geschäftlichen Umfeld sind.“

So investiert das Familienunternehmen im Segment Plattformen in neue Technologien, die IT-Infrastruktur und die Logistik. Einen Schwerpunkt legt es auf den Aufbau eines eigenen Payment-Dienstleisters, um Kunden und Marktplatzpartnern auf Otto.de künftig Zahlungsdienstleistungen aus einer Hand anzubieten – und daran mitzuverdienen.

Der Vorstandsvorsitzende der Otto Group sagt: „Wir sind trotz des sehr herausfordernden Umfelds optimistisch.“ ddp

Alexander Birken

Der Vorstandsvorsitzende der Otto Group sagt: „Wir sind trotz des sehr herausfordernden Umfelds optimistisch.“

Neu eingestiegen ist die Otto Group in das Segment digitale Gesundheitsservices. So hat sie zu Beginn des laufenden Geschäftsjahres die Mehrheit der Schweizer Medgate Holding übernommen. Otto schätzt das Segment als lukrativen und stark wachsenden Markt ein.

Deshalb bleibt Konzernchef Birken optimistisch. Als Grund dafür verweist er auf eine „konsequente, fokussierte Transformation der Geschäftsmodelle“, das große Potenzial an aktiven Kundenkontakten und auf die stabile finanzielle Basis der Gruppe. „Wir haben bei der Otto Group strategisch, technisch und kulturell frühzeitig die Segel gesetzt, um bei jetzt deutlich zunehmendem gesamtwirtschaftlichen Gegenwind die Unternehmensgruppe auf erfolgreichem Kurs zu halten“, sagt Birken.

Geplant seien dabei zwar keine großen strategischen Übernahmen. Aber es werde sicher kleinere Zukäufe geben, etwa im Bereich Digital Health, und auch weitere Investitionen in die Plattformen.

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