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02.11.2022

09:45

E-Commerce

Unter diesem Bestellwert lohnt sich keine Lieferung – So müssen Bringdienste kalkulieren

Von: Florian Kolf

Discounter wie Aldi scheuten bisher den E-Commerce, weil sie Angst vor Verlusten hatten. Doch es gibt Modelle und Ideen, die den Weg zur Profitabilität ebnen könnten.

Der Schnelllieferdienst bremst die Expansion, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. IMAGO/ANP

Lieferfahrer von Gorillas

Der Schnelllieferdienst bremst die Expansion, um in die schwarzen Zahlen zu kommen.

Düsseldorf Aldi Süd könnte mit seinen Plänen, auch in Deutschland in den Onlinehandel mit Lebensmitteln einzusteigen, für Bewegung im deutschen E-Commerce sorgen. Bisher tun sich die Discounter hier besonders schwer. Das hat einen einfachen Grund: Kein Unternehmen in Deutschland hat es geschafft, den Onlinehandel mit Lebensmitteln profitabel zu machen.

Die größte Herausforderung ist dabei die Zustellung zum Kunden, in der Branche als „letzte Meile“ bezeichnet. Egal ob mit einem Heer von Fahrradkurieren wie bei den Schnelllieferdiensten Gorillas und Flink oder mit Kühllieferwagen wie bei Rewe – die Logistik ist in der Regel der entscheidende Kostenfaktor.

Die stark steigende Bereitschaft der Kunden auch in Deutschland, Lebensmittel online zu bestellen, hat den Weg zu möglichen Gewinnen leichter gemacht. Und es gibt einige Entwicklungen und Ideen, die den Anbietern Hoffnung machen.

Höhe des Warenkorbs

Einer der entscheidenden Faktoren ist der Wert der einzelnen Bestellung, auch „Höhe des Warenkorbs“ genannt. Die meisten Anbieter machen aus diesem Wert ein großes Geheimnis – mit gutem Grund, liegen doch gerade bei den Schnelllieferdiensten in den großen Städten die Warenkörbe häufig bei gerade mal 20 Euro.

Wird dann jede Bestellung noch einzeln per Fahrradbote ausgeliefert, zahlt der Anbieter drauf. Zu dem Ergebnis kommt der E-Commerce-Experte Matthias Schu von der Hochschule Luzern, der in seinem „Quick Commerce Report“ verschiedene Geschäftsmodelle durchgerechnet hat.

Er zieht das Fazit, dass es erst bei einer Durchschnittsbestellung im Wert von 30 Euro und einer Liefergebühr von knapp drei Euro realistisch ist, einen operativen Gewinn zu erzielen.

Der Lieferdienst Knuspr, die deutsche Tochter des tschechischen Unternehmens Rohlik, setzt ganz zentral auf diesen Faktor. Der Schlüssel zum profitablen Betrieb sei ein hoher Wert des durchschnittlichen Warenkorbs, sagte Deutschlandchef Erich Comor dem Handelsblatt: „Bei uns liegt die durchschnittliche Order schon bei 80 Euro, bei vielen Kunden liegt der Wert einer Bestellung schon bei mehr als 100 Euro“, sagt er.

Automatisierung im Lager

Große Hoffnung setzt die Branche auch auf effizientere Organisation in den Lagern. Technologieanbieter wie Autostore, Ocado und Noyes versprechen den Lieferdiensten, dass sie durch die Automatisierung und den Einsatz von Robotern im Lager nicht nur die Geschwindigkeit steigern, sondern auch die Kosten senken können.

Grafik

Rewe beispielsweise hat in seinem Zentrallager Scarlet One in Köln schon einen großen Teil der Prozesse automatisiert. Auch Knuspr setzt in seinen neuen Lagern wie etwa in Hamburg auf eine weitgehende Automatisierung.

Effizienz der Auslieferung

Das niederländische Start-up Picnic arbeitet dagegen stark an der Effizienz der eigentlichen Auslieferung. Um die Lieferkosten für die einzelne Bestellung zu senken, nutzt Picnic ein Modell, das es „Milchmann-Prinzip“ nennt. Die Kunden können die Lieferslots nicht frei wählen, Straßen werden nur an bestimmten Tag zu festen Zeiten angefahren.

Bisher hat es in Deutschland noch kein Händler geschafft, den E-Commerce mit Lebensmitteln profitabel zu machen. picture alliance/dpa

Lebensmittellieferant Picnic

Bisher hat es in Deutschland noch kein Händler geschafft, den E-Commerce mit Lebensmitteln profitabel zu machen.

Der Vorteil: Picnic kann die Lieferungen so sehr gut bündeln und hat eine hohe Auslastung seiner Elektrolieferwagen. Im Gegenzug für geringe Flexibilität beim Termin müssen die Kunden keine Liefergebühr zahlen.

Um die Effizienz der Lieferung weiter zu erhöhen, werden die Touren, wie bei einigen anderen Start-ups auch, durch Computeralgorithmen berechnet.

Branchenkennern zufolge ist der operative Betrieb in einigen Liefergebieten von Picnic bereits in den schwarzen Zahlen.

Gebremste Expansion

Immer mehr Anbieter reduzieren aber auch ganz schlicht das bisher so ungehemmte Expansionstempo und verringern die Kosten, um den Betrieb endlich profitabel zu bekommen. Der Schnelllieferdienst Gorillas beispielsweise hat 300 Stellen gestrichen und konzentriert sich auf weniger Liefergebiete.

Beim Online-Supermarkt hat die durchschnittliche Bestellung nach eigenen Angaben einen Wert von 80 Euro. Knuspr

Bestellungen im Lager von Knuspr

Beim Online-Supermarkt hat die durchschnittliche Bestellung nach eigenen Angaben einen Wert von 80 Euro.

So hat er den Betrieb in mehreren Ländern eingestellt und fast alle Standorte im Ruhrgebiet geschlossen.

Auch die Knuspr-Muttergesellschaft Rohlik reagiert. Finanzchef Herman Kopkane kündigte jetzt an: „Wir haben unseren Start in Ländern verschoben, in denen die Gründung teuer ist, wie Spanien, und unsere Expansion in Deutschland verlangsamt.“ So wird der ursprünglich für Oktober geplante Start in Hamburg nun auf Anfang kommenden Jahres vertagt.

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