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03.12.2021

14:29

Einzelhandel

„Nie waren wir näher an einer Bananenrepublik!“ – So ungerecht fühlen sich Händler durch 2G behandelt

Von: Florian Kolf

Den Ausschluss von Ungeimpften sehen viele Händler als schädlich und nutzlos an. Zur Bekämpfung der Pandemie haben sie einen überraschenden anderen Vorschlag.

Einzelhändler wettern gegen 2G-Regel & fürchten Umsatzeinbruch imago images/Jan Huebner

2G-Regel im Handel

Viele Händler fürchten einen Umsatzeinbruch im wichtigen Weihnachtsgeschäft.

Düsseldorf Nachdem die Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag beschlossen hatte, die 2G-Regel, also den Ausschluss von Ungeimpften, auch auf den Einzelhandel auszuweiten, war der Chef der Handelskette Ernsting’s Family geradezu außer sich. „Das ist ein Offenbarungseid und zeigt einmal mehr den staatspolitischen Dilettantismus“, wetterte Timm Homann. „Nie waren wir näher an einer Bananenrepublik!“

Was Homann und viele andere Handelsmanager so aufregt: Die Maßnahme, nur noch Geimpfte und Genesene in die Geschäfte zu lassen, verursacht große Umsatzverluste, ohne dass sie nachweisbar einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leiste. Die Entscheidung sei „entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und losgelöst von jeglichen Inzidenzentwicklungen“ getroffen worden, so Homann.

„Natürlich sind wir alle für den Schutz der Bevölkerung“, betont Kik-Chef Patrick Zahn, „Doch diese Maßnahmen bringen für die Bekämpfung der Pandemie nichts, richten aber einen großen Schaden im Einzelhandel an.“

Ein Kernproblem: Von der 2G-Regelung ausgenommen sind die Lebensmittelgeschäfte und Drogerien, in denen aber 80 Prozent der Kundenkontakte im Einzelhandel stattfinden. Damit ist die tatsächliche Reduktion der Kontakte, die durch die Regierungsbeschlüsse erreicht werden soll, nur minimal. „Es ist doch ein Staatsversagen, dass die Politik das Problem mal wieder auf die kleine Gruppe der Non-Food-Händler abwälzt“, sagt Kik-Chef Zahn.

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    „30 Prozent weniger Umsatz – bei vollen Kosten“

    Durch die 2G-Regel reduziere sich die Zahl der Kontakte im Handel maximal um fünf Prozent, rechnet ein Händler vor. Gleichzeitig habe er dadurch aber einen Umsatzverlust von 25 Prozent, prognostiziert er. Bei Kik sind die Einschnitte real sogar schon höher: „In den drei Bundesländern, wo jetzt schon 2G gilt, machen wir 30 Prozent weniger Umsatz – und das bei vollen Kosten“, berichtet Zahn.

    Das wird sich bei der bundesweiten Einführung auf hohe Beträge summieren. So haben Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergeben, dass eine bundesweite 2G-Regel im Einzelhandel zu Umsatzverlusten von 5,3 Milliarden Euro führen würde – allein im Dezember. Dabei hat das Institut als Basis sogar nur einen Umsatzrückgang von 20 Prozent angenommen.

    Das macht auch Joanna Fisher, Chefin der Shoppingcenter des Betreibers ECE, große Sorgen. „Die flächendeckende Einführung der 2G-Regelung im Einzelhandel hat für die Händler ausgerechnet in dem für sie so wichtigen Weihnachtsgeschäft erhebliche negative Auswirkungen“, warnt sie. „Dabei ist auch der Politik bekannt, dass die Infektionsgefahr im Handel nachweislich gering ist.“

    „Es ist unerträglich, dass immer wieder Symbolpolitik zulasten des Handels betrieben wird“, schimpft auch Marcus Diekmann, Geschäftsführer von Rose Bikes und Sprecher der Organisation „Händler helfen Händlern“, in der sich fast 4000 Mitglieder zusammengeschlossen haben, um sich in der Coronazeit zu unterstützen. „Dabei sind doch Produktionsbetriebe und Großraumbüros nachweislich die schlimmeren Infektionsherde.“ Unerträglich finde er auch, dass in vielen staatlichen und staatsnahen Einrichtungen die Mitarbeiter weiterhin im Büro erscheinen müssten.

    Gegenvorschlag: 3G auch im Supermarkt

    Viele Händler favorisieren sogar eine auf den ersten Blick überraschende Alternative: Die flächendeckende Einführung von 3G – aber für den gesamten Handel inklusive der Lebensmittelhändler und Drogerien. „Wenn es der Politik darum geht, zusätzlichen Druck auf die Ungeimpften auszuüben, indem man ihre Freiheiten beschneidet – und nur das steht in Wahrheit hinter den Beschlüssen –, dann wäre das eine viel effektivere Lösung“, schlägt Kik-Chef Zahn vor.

    Das würde dann nicht nur eine viel größere Zahl potenzieller Kontakte betreffen, sondern auch eine willkürliche Ungerechtigkeit verhindern. Denn viele Lebensmittelhändler, insbesondere Discounter wie Lidl und Aldi, verkaufen ein großes Sortiment an Non-Food-Artikeln, müssen den Impfstatus ihrer Kunden aber auch künftig nicht kontrollieren.

    Nicht alle Händler sind von den neuen Vorgaben betroffen. imago images/Seeliger

    Ausnahmen für Lebensmittelhändler

    Nicht alle Händler sind von den neuen Vorgaben betroffen.

    Das stößt vielen anderen Händlern übel auf. „Kaum waren die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz veröffentlicht, hat Lidl aggressiv Werbung dafür gemacht, dass sie in der kommenden Woche Sportbekleidung verkaufen“, erregt sich ein Händler, der nicht genannt werden möchte. Das zeige doch, wie absurd und ungerecht das alles sei.

    Solche Konflikte hatte schon der Lockdown im vergangenen Jahr provoziert. Damals mussten im Rahmen der Bundesnotbremse alle Geschäfte schließen, außer denen, die Waren des täglichen Gebrauchs anbieten. Dazu zählten nach den Verordnungen der Bundesländer neben Supermärkten auch Buchläden und Blumenläden, nicht jedoch Schuhgeschäfte oder Elektronikhändler.

    Gegen diese Regelungen hatten viele Händler geklagt – und von Gerichten teilweise recht bekommen. Daraufhin mussten in einigen Bundesländern die Coronaschutzverordnungen geändert werden.

    Händler wollen vor Gericht ziehen

    Ähnliches könnte sich jetzt wiederholen, steht doch in den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz, dass sich die Definition des täglichen Bedarfs an die aus der Bundesnotbremse anlehnen werde. „Diese Regelung schreit nach einer unverzüglichen Korrektur durch die Judikative“, stellt deshalb Ernsting’s-Family-Chef Homann fest.

    Auf die Barrikaden bringt die Händler auch, dass sie verpflichtet werden sollen, am Eingang bei jedem Kunden zu kontrollieren, ob er geimpft oder genesen ist. Viele fürchten schon Schlangen vor den Geschäften und heftige Diskussionen zwischen Personal und Kunden.

    „Während der Staat da, wo er verantwortlich ist, gerade mal stichprobenartig kontrolliert, erwartet er von den Händlern eine lückenlose Eingangskontrolle“, sagt Kik-Chef Zahn. „Wenn ich beispielsweise sehe, wie wenig die Nachweise im öffentlichen Nahverkehr und in der Bahn überprüft werden, werde ich wütend. Da geschehen die meisten Infektionen, nicht im Handel.“

    Ähnlich sieht es ECE-Chefin Fisher. „Ich hätte mir sehr gewünscht, dass der Staat an den Einzelhandel wenigstens die gleichen Maßstäbe anlegt wie an sich selbst“, sagt sie. Stichproben wie bei der Bahn und im ÖPNV wären für die Händler so kurzfristig deutlich besser organisierbar gewesen als aufwendige Eingangskontrollen, so Fisher. „Wir werden als Centerbetreiber aber alles tun, um die Einzelhändler in dieser schwierigen Situation organisatorisch so gut wie möglich zu unterstützen“, verspricht sie.

    Grundsätzlich betonen die Händler, dass sie bereit sind, sich auch mit Geld und Personal an der Bekämpfung der Pandemie zu beteiligen. So gibt es beispielsweise zahlreiche Impfaktionen im Einzelhandel. Maßnahmen wie die 2G-Regel jedoch seien kontraproduktiv für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Handel und Staat.

    „Aus Sicht von ,Händler helfen Händlern‘ fordern wir hier endlich eine zuverlässige und gerechte Coronapolitik“, betont Fahrradhändler Diekmann. „Dann schaffen wir das gemeinsam als Gesellschaft.“

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