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26.04.2022

15:01

Familienunternehmen

Hochland bleibt in Russland: „Im Zweifel müsste man an Oligarchen verkaufen. Wem wäre damit gedient?“

Von: Katrin Terpitz

Die Käserei betreibt ihre drei russischen Werke weiter. Hochland-Chef Stahl sagt, ein Rückzug hätte keinen Einfluss auf den Kriegsverlauf – und stärke Putin.

Hochland Werbung in Russland Hochland

Hochland-Werbung auf Russisch

Die deutsche Privatkäserei hat Werbung und Investitionen in Russland gestoppt. Der russische Marktführer für Markenkäse produziert aber weiter vor Ort für den lokalen Markt.

Düsseldorf Die Privatkäserei Hochland steht derzeit auf einer unrühmlichen Liste der Universität Yale, von der Presse „Hall of Shame“ genannt. In dem Negativranking brandmarkt Wirtschaftsprofessor Jeffrey Sonnenfeld das Unternehmen aus Heimenkirch im Allgäu, weil es trotz Putins Angriff auf die Ukraine das Russlandgeschäft weiterbetreibt.

„Die Yale-Universität fordert, Unternehmen müssten sich entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen – auf der guten oder bösen. Das ist eine völlig unzulässige Vereinfachung“, ärgert sich Peter Stahl, Vorstandschef des Familienunternehmens, das in Russland drei Werke mit 1600 Mitarbeitern betreibt.

„Selbstverständlich verurteilen wir diesen Krieg“, betont Stahl, der sich im Handelsblatt erstmals ausführlich dazu äußert. „Aus unserer verantwortungsethischen Sicht hat der Verbleib eines deutschen Nahrungsmittelunternehmens in Russland aber keinerlei Einfluss auf den Kriegsverlauf oder Putins Entscheidungen.“ Es sei eine Fehleinschätzung, dass die Aufgabe der Werke die russische Bevölkerung gegen Putin aufbringe. Im Gegenteil: Das Narrativ von Putin, der Westen sei Feind und Bedrohung, werde durch den Rückzug westlicher Firmen noch bestärkt.

Mit den westlichen Sanktionen sollten diejenigen getroffen werden, die den Krieg verursacht haben, nicht die russische Bevölkerung. „Deshalb haben wir uns entschieden, weiter Lebensmittel aus russischer Milch für den lokalen Markt zu produzieren. Natürlich haben wir Werbung gestoppt, gerade auch im russischen Staatsfernsehen, und Investitionen auf Eis gelegt, um Zeichen zu setzen“, sagt der Hochland-Chef.

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    Der Käsehersteller ist nicht das einzige Unternehmen aus der deutschen Molkereibranche, das trotz Kritik am Russlandgeschäft festhält. Auch Ehrmann und der deutsche Branchenprimus, die Genossenschaft DMK, betreiben ihre Werke weiter. Man bewerte „permanent die aktuellen Ereignisse“, teilte Ehrmann kürzlich mit. DMK äußerte sich nicht dazu.

    Hochland: Marktführer im zweitwichtigsten Absatzmarkt Russland

    Hochland ist in Russland nach eigenen Angaben Marktführer für Markenkäse und auch als Käselieferant der Gastronomie führend. Russland ist für die Allgäuer der zweitwichtigste Markt. Hochland erzielt dort knapp ein Viertel des Gruppenabsatzes. Der Umsatzanteil in Russland liegt etwas niedriger als der Absatzanteil, Grund ist die Rubel-Abwertung der letzten Jahre. Der Gruppenumsatz von Hochland stieg 2021 leicht auf den Unternehmensrekord von rund 1,7 Milliarden Euro.

    Die Heimenkircher erschlossen seit Anfang der Neunzigerjahre Osteuropa. Als die Importzölle stiegen, eröffnete Hochland eigene Werke in Polen, Rumänien und Russland. Im Jahr 2000 wurde die erste Produktionslinie in Russland in Betrieb genommen, als Mieter in einem Ehrmann-Werk in Raos bei Moskau. 2004 folgte ein eigenes Werk für Schmelzkäse. 2011 kam ein Frischkäsewerk nahe der Ukraine hinzu, wo Almette und der Weißkäse Fetaxa produziert werden. Im Werk Belinsky wird seit 2017 Hart- und Schnittkäse der Marke Grünländer hergestellt.

    Hochland-Chef Peter Stahl Hochland

    Peter Stahl

    Der 55-Jährige ist Vorstandsvorsitzender der Privatkäserei Hochland. Der Betriebswirt kam vor 28 Jahren zum Allgäuer Familienunternehmen.

    Hochland hat über die Jahre kräftig in Russland investiert – insgesamt mehr als 150 Millionen Euro. Die Strategie zahlte sich aus. Seit Russland im August 2014 ein Importverbot für Milchprodukte und -rohwaren aussprach als Reaktion auf EU-Sanktionen infolge der Krim-Annexion produzierte Hochland etwa 95 Prozent vor Ort. Wettbewerber Valio aus Finnland dagegen wurde vom Importverbot hart getroffen und verlor seine Marktführerschaft.

    Stahl sieht sich zudem gegenüber der Belegschaft vor Ort in der Pflicht. „Wir tragen moralische Verantwortung auch für unsere 1600 Hochländer in Russland. Die Frage steht im Raum, wie es unserem russischen Management ergeht, wenn wir ohne Not die Produktion stilllegen.“

    Das russische Unterhaus diskutiert einen Gesetzentwurf, wonach sich auch lokale Manager strafbar machen, wenn sie westliche Sanktionen befolgen. Persönliche Konsequenzen drohen Beobachtern zufolge auch dann, wenn sich ihr Arbeitgeber aus Russland zurückzieht.

    Zudem diskutiert Moskau die Enteignung westlicher Firmen. Hochland hält das für unwahrscheinlich, aber nicht für ausgeschlossen. Baumarktbetreiber Obi hat seine 27 russischen Märkte an einen Investor verschenkt, um einer Enteignung zuvorzukommen. Dr. Oetker hat jüngst sein Nährmittelwerk an das russische Management verkauft.

    „Wenn wir unser Geschäft in Russland aufgeben würden, käme als Käufer wohl kein westliches Unternehmen infrage – allein schon wegen der Angst vor Reputationsschäden in den Heimatmärkten“, sagt Stahl. „Im Zweifel müsste man die Werke an russische Oligarchen verkaufen – für einen Apfel und ein Ei. Wem wäre damit gedient?“

    Russische Werke an das lokale Management zu verkaufen ist nach Ansicht von Stahl keine Lösung, die auf lange Sicht halte. „Ob die Werke in russischem oder deutschem Eigentum sind, hat insgesamt keinen Einfluss auf den Kriegsverlauf.“

    Unter den Hochland-Beschäftigen ist das Russlandengagement nicht unumstritten. „Sicher gibt es in unserer Belegschaft in Deutschland, Polen und Rumänien viele Fragen zum Russlandgeschäft, die wir auch diskutieren – im Intranet, in Gesprächskreisen und auf einer Managertagung. Wir spüren auch die Kritik in der Öffentlichkeit“, betont Stahl.

    Fehlende Ersatzteile gefährden Produktion

    „Ein Festhalten am Geschäft in Russland kann eine Marke auf Dauer beschädigen“, meint Reputationsexperte Bernhard Bauhofer von der Beratung Sparring Partners. Das gelte gerade für Konsumgüterfirmen. Persil-Hersteller Henkel beugte sich vor einer Woche dem Druck der Aktionäre und zieht sich komplett aus Russland zurück. Mittelständler könnten einen Rückzug aus Russland aber oft weniger gut kompensieren als Großkonzerne, gibt Bauhofer zu bedenken.

    Einen Shitstorm wie Ritter Sport hat Hochland nicht erlebt. Die Diskussion um das Thema Engagement in Russland wird laut Stahl überlagert von gewaltigen Kostensteigerungen in der Molkereibranche bei Energie, Rohwaren, Logistik und Verpackung. Alle Hersteller müssten massiv und schnell die Preise anheben. Diese Preiserhöhungen hätten derzeit einen starken Einfluss auf die Kaufentscheidung.

    Grafik

    Derweil gestaltet sich die Produktion in Russland schwieriger. „40 Prozent der Ersatzteile eines unserer Lieferanten für Molkereitechnik stehen auf den Dual-Use-Sanktionslisten der EU“, so Stahl. „Weil Ersatzteile fehlen, kann es sein, dass wir die ein oder andere Produktionslinie in Russland stoppen müssen.“

    Die 20-jährige Erfolgsgeschichte von Hochland in Russland sei seit dem Angriff auf die Ukraine abrupt vorbei. „Im ersten Quartal haben wir in Russland kein Geld verdient. Wir wissen nicht, wie wir die Produktion aufrechterhalten können – und ob uns am Ende des Jahres Hochland Russland noch gehört.“

    Für eine endgültige Entscheidung über das Russlandgeschäft sei es viel zu früh. Das Familienunternehmen denke in Generationen. „Wir hoffen, dass es nicht zu zwei Wirtschaftsblöcken und einem neuen eisernen Vorhang kommt. Dann kann ich mir nur schwerlich eine Zukunft für Hochland in Russland vorstellen“, betont Stahl.

    Er hofft auf eine Zeit von Frieden und Versöhnung nach Putin, in der Russland wieder den Weg in die internationale Staatengemeinschaft findet.

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