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08.03.2022

13:29

Fleischersatz

Markt für Fleischalternativen wächst stark – mehr Konkurrenz für Veggie-Pionier Rügenwalder

Von: Katrin Terpitz

Immer mehr Firmen wollen am Veggie-Boom mitverdienen. Alternativprodukte sollen bald nicht mehr Geld kosten als Fleisch vom Tier. Doch es drohen Engpässe.

Konzerne investieren in den wachsenden Markt für pflanzlichen Fleischersatz. So können sie zugleich ihre Nachhaltigkeitsziele besser erreichen. Nestlé

Sensational Burger von Nestlé

Konzerne investieren in den wachsenden Markt für pflanzlichen Fleischersatz. So können sie zugleich ihre Nachhaltigkeitsziele besser erreichen.

Düsseldorf „Wurst ohne Fleisch – das ist einfach nichts für mich“, erklärte Clemens Tönnies, Chef des größten deutschen Fleischproduzenten, noch vor vier Jahren. „Ich glaube nicht an diesen Markt, der Hype ist endgültig vorbei.“ Tönnies stellte deshalb seine Veggie-Produkte weitgehend ein.

Inzwischen investiert der Großschlachter wieder kräftig in Fleischersatzprodukte. Diese werden unter den Marken „Gutfried“, „Vevia“ und „Es schmeckt“ verkauft. Das Werk in Böklund soll weiter ausgebaut werden. 30 Millionen Euro Veggie-Umsatz erwartete Tönnies für das Jahr 2021, bis 2025 sollen es 160 Millionen Euro sein. Den Veggie-Bereich leitet die nächste Generation der Unternehmerfamilie: „Chicken Nuggets, Hähnchenschnitzel oder die Fischstäbchen schmecken wie das Original“, meint Maximilian Tönnies, „das schmeckt jetzt sogar meinem Vater.“

Und der deutsche Markt für pflanzlichen Fleischersatz wächst weiter kräftig. Der Umsatz mit Fleischalternativen im Lebensmitteleinzelhandel stieg 2021 um 32 Prozent auf 611 Millionen Euro. Das zeigt eine exklusive Auswertung des Marktforschers Nielsen IQ für das Handelsblatt.

Die Geschwindigkeit des Wachstums hat sich allerdings im Vergleich zu den Vorjahren etwas verringert: So war der Markt 2019 erst 266 Millionen Euro groß. Nicht eingerechnet ist der Verkauf in der Gastronomie. Verglichen mit dem Fleischumsatz in Höhe von schätzungsweise 40 Milliarden Euro sind fleischlose Alternativen aber noch eine Nische.

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    Allerdings verzichten immer mehr Menschen auf Fleisch, insbesondere jüngere. 55 Prozent der Deutschen ernähren sich flexitarisch, essen also gelegentlich Fleisch, zehn Prozent vegetarisch und zwei Prozent vegan, ermittelte das Bundesministerium für Ernährung. Der Pro-Kopf-Konsum von Schweinefleisch sank von 2018 bis 2020 um fast drei Kilo auf 32,8 Kilo im Jahr. Tierwohl, Umweltschutz und Gesundheit sind Beweggründe, auf Fleisch zu verzichten.

    Grafik

    „Die veränderte Nachfrage ermutigt Produzenten, Fleischalternativen zu entwickeln, und Einzelhändler, ihr Angebot zu erweitern“, sagt Carsten Gerhardt von der Beratung Kearney. Das immer vielfältigere Angebot beschleunige den Wandel. Kearney prognostiziert, dass in 20 Jahren nur noch 40 Prozent des weltweit konsumierten Fleischs aus klassischer Produktion stammen.

    Das kann auch weitere Effekte haben: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach etwa lebt seit Langem fleischlos. Und forderte jüngst im „Spiegel“, den Fleischkonsums langfristig um 80 Prozent zu senken, um die Klimaziele zu erreichen.

    „Es ist Ausdruck eines modernen Lifestyles, sich pflanzlich, gesund und klimaschonend zu ernähren“, konstatiert Fabio Ziemßen, Vorsitzender des Verbands Alternativer Proteinquellen Balpro. Selbst Fast-Food-Fans verzichten auf Fleisch. Schon jeder fünfte hierzulande verkaufte Whopper von Burger King ist pflanzlich. 2023 könnten es 40 Prozent sein.

    Deutscher Marktführer für Fleischersatz ist seit vielen Jahren mit Abstand die Rügenwalder Mühle. Das Familienunternehmen mit langer Tradition im Wurstmachen produziert seit sieben Jahren Wurst und Schnitzel ohne Fleisch. Die Niedersachsen hatten 2021 einen Marktanteil von 41,2 Prozent im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Der Umsatz stieg dort laut Nielsen um fast 58 Prozent. Allerdings stieß die Rügenwalder Mühle wegen der hohen Nachfrage an Kapazitätsgrenzen. Das Werk in Bad Zwischenahn soll nun ausgebaut und neue Standorte erworben werden.

    Nachfrage überrollt die Veggie-Hersteller

    Auch Like Meat, nach Rügenwalder mit 6,2 Prozent die Marke Nummer zwei in Deutschland, kämpfte mit Lieferschwierigkeiten. „Die Nachfrage hat uns überrollt, wir kamen mit der Produktion nicht nach. Trotzdem konnten wir 2021 unseren Umsatz um 26 Prozent steigern“, berichtet Anja Grunefeld, Deutschlandchefin bei Livekindly. Das Schweizer Vegan-Konglomerat hatte Like Meat 2020 gekauft. Das Düsseldorfer Start-up wurde 2013 von Timo Recker, Sohn eines Fleischunternehmers, gegründet.

    Das Familienunternehmen aus Bad Zwischenahn ist mit Abstand Marktführer für Veggie-Fleisch in Deutschland. Es kommt mit der Produktion kaum nach. Rügenwalder Mühle

    Fleischlose Produkte der Rügenwalder Mühle

    Das Familienunternehmen aus Bad Zwischenahn ist mit Abstand Marktführer für Veggie-Fleisch in Deutschland. Es kommt mit der Produktion kaum nach.

    Seit September hat Like Meat sein Werk in den Niederlanden stark ausgebaut. „Wir haben einen zweistelligen Millionenbetrag investiert“, sagt Grunefeld. Bestseller ist pflanzliches Geschnetzeltes wie Like Döner, Like Chicken oder Like Gyros. Der Hersteller mit aktuell 140 Mitarbeitern investiert dabei kräftig ins Wachstum. „Auch im US-Markt konnten wir bereits Fuß fassen“, so Grunefeld.

    Im deutschen Lebensmittelhandel liegt Newcomer Like Meat vor Nestlé mit der Marke Garden Gourmet. Allerdings verkauft Nestlé viele seiner Sensational Burger in der Gastronomie, etwa bei McDonald’s. Seit der Markteinführung 2019 gingen mehr als 30 Millionen Bratlinge über die Theke.

    Fleischlosmarke Nummer vier ist Valess des niederländischen Molkereikonzerns Friesland Campina. Beyond Meat aus den USA hat bisher keinen nennenswerten Marktanteil. Der Zukunftsmarkt ist umkämpft. Start-ups und klassische Fleischproduzenten konkurrieren mit Konsumgütermultis wie Nestlé und Unilever (The Vegetarian Butcher). „Pflanzliche Eiweiße helfen börsennotierten Konzernen, die geforderten ESG-Kriterien zu erfüllen“, erklärt Ziemßen von Balpro. Auch für Tönnies ist der Veggie-Bereich „ein fester Bestandteil der Nachhaltigkeitsagenda“.

    Immer mehr Fast-Food-Liebhaber steigen auf pflanzliche Burger um. Burger King

    Pop-up-Restaurant von Burger King in Köln

    Immer mehr Fast-Food-Liebhaber steigen auf pflanzliche Burger um.

    Daher steigen immer mehr Fleischspezialisten ins Veggie-Geschäft ein, so wie Deutschlands zweitgrößter Wurstproduzent In Family Foods (bisher The Family Butchers). Im Herbst sollen sieben Produkte auf Basis von Weizenprotein unter der Marke Billie Green auf den Markt kommen. Dafür hat sich das Familienunternehmen Godo Röben als Berater geholt. Er war als Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle treibende Kraft der Veggie-Linie.

    Kritik an ermäßigter Steuer für Fleisch

    „Der Kampf um die Regalplätze wird härter“, beobachtet Grunefeld von Livekindly. „Nicht alle Hersteller werden sich halten können. Zudem gilt es, noch viele Verbraucher zu überzeugen.“ Geschmacklich hat sich laut Ziemßen viel verbessert. Allerdings kommen viele Fleischersatzprodukte nicht ohne Zusatzstoffe aus.

    Größte Herausforderung für die Hersteller ist die Verfügbarkeit der Grundprodukte aus dem Agrarbereich. „Wir werden eine nie da gewesene Rohstoffknappheit erleben“, warnt Michael Hähnel, Chef der Rügenwalder Mühle, schon länger. Zum einen ist der Markt wegen des Nachfragebooms leer gekauft, zum anderen führt der Klimawandel zu unkalkulierbareren Ernten. Der Ukrainekrieg wird nun Agrargüter und Dünger weiter verknappen.

    Langfristig wird es laut Ziemßen viele neue Proteinquellen geben, zum Beispiel Pilze aus Biotechnologie oder Wasserlinsen. Dabei gewinne Regionalität an Bedeutung. Die Rügenwalder Mühle baut seit 2020 eigenes Soja an. Sie forscht zudem an heimischen Proteinquellen wie Lupinen, Kartoffeln und Ackerbohnen.

    Bis 2028 erwartet Ziemßen Preisparität zu Fleisch. „Fleischersatz ist auch deshalb teurer, weil Rohstoffe knapp sind und viel in die Entwicklung investiert werden muss.“ Zudem gilt für Fleisch ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, für manche Fleischalternativen aber von 19 Prozent. Das hängt von Inhaltsstoffen und Einzelfall ab.

    „Fleisch wird schon bald teurer werden – vielleicht auch durch staatliche Lenkung“, erwartet Grunefeld. „Dann ist die Preisparität ganz schnell da.“

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