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15.11.2022

09:06

Flüssiggas

Fast 100 Prozent Marktanteil: So beherrscht die Firma GTT das Geschäft mit LNG-Kältetanks

Von: Gregor Waschinski

GTT dominiert mit seiner Technologie den Markt der Kältetanks für LNG-Schiffe. Die sind gefragter denn je, doch in den Werften stauen sich die Aufträge. Der Bau geht zu langsam – auch für GTT selbst.

Schiffe wie dieses werden von GTT mit Kühl- und Transporttechnologie ausgestattet – zu bald 100 Prozent im Markt. IMAGO/ANP

LNG-Tanker Golar Igloo

Schiffe wie dieses werden von GTT mit Kühl- und Transporttechnologie ausgestattet – zu bald 100 Prozent im Markt.

Paris Die französische Firma Gaztransport & Technigaz (GTT) ist vor allem Energie-Insidern ein Begriff. Das Unternehmen dominiert in einer Nische, die für Europas Energieversorgung seit dem Versiegen der russischen Gaslieferungen von zentraler Bedeutung ist: GTT ist unangefochtener Marktführer bei der Technologie für die Kältetanks, mit denen Schiffe Flüssiggas (LNG) transportieren.

Das Geschäft boomt: 2022 habe man „alle bisherigen Verkaufsrekorde gebrochen“, sagte GTT-Chef Philippe Berterottière. Die Firma verzeichnete in den ersten neun Monaten des Jahres 134 Aufträge zur Ausrüstung von Tankerschiffen, allein im dritten Quartal kamen 46 Bestellungen dazu.

Der Bedarf an neuen LNG-Tankern ist groß, die Kapazitäten von GTT und seinen Partnerwerften in Südkorea und China allerdings begrenzt. Die Schiffe, die nun in den Auftragsbüchern stehen, werden erst zwischen dem zweiten Halbjahr 2024 und dem zweiten Halbjahr 2027 vom Stapel laufen.

GTT hat einen Marktanteil von fast 100 Prozent

Unabhängig von der Frage, wie schnell die weltweite Flüssiggas-Flotte überhaupt ausgebaut wird, steht fest: Die Transportlösungen der Franzosen spielen die entscheidende Rolle. „Der Marktanteil von GTT nähert sich 100 Prozent“, sagt Guillaume Delaby, auf Energiefragen spezialisierter Analyst bei der französischen Großbank Société Générale.

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    Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens ICIS sind gegenwärtig etwa 650 große LNG-Tanker auf den Weltmeeren im Einsatz. Bis 2027 werde diese Zahl um 229 Schiffe ansteigen, die Flüssiggas-Flotte also um rund ein Drittel wachsen.

    Nach einer Zeit niedriger Gaspreise habe es Ende des vergangenen Jahrzehnts eine Auftragsflaute auf dem Markt für LNG-Tanker gegeben, sagt ICIS-Experte Rob Songer. Die Coronakrise habe die Nachfrage nach den Spezialschiffen dann weiter gedrückt.

    Dann attackierte Russland die Ukraine und kappte die Gaslieferungen nach Europa. „LNG war für Europa der einzige Weg, die Gasflüsse schnell zu erhöhen, um den Verlust der Mengen aus Russland auszugleichen“, so Songer.

    Der Großteil aller LNG-Tanker wird auf vier Werften in Südkorea gebaut, die laut ICIS derzeit einen Auftragsstand von etwa 200 Schiffen abarbeiten müssen. Immer wichtiger werden daneben chinesische Schiffsbauer. Und bei allen ist die Tanktechnologie von GTT gefragt.

    Grafik

    Nachdem Erdgas durch Abkühlung auf minus 160 Grad Celsius verflüssigt wird, muss es unter diesen extrem niedrigen Temperaturbedingungen transportiert werden. Lange Zeit setzten die Reeder auf kugelförmige Kryo-Tanks der norwegischen Firma Moss, die sichtbar aus dem Schiffsdeck herausragen.

    „Seit den 1990er-Jahren hat dann GTT mit seiner Technologie immer mehr Marktanteile gewonnen“, sagt Société-Générale-Analyst Delaby. Die sogenannten Membrantanks der französischen Firma können an die Schiffsform angepasst werden, ermöglichen also einen effizienteren Transport von großen Mengen LNG. Sie sind leichter und günstiger – und setzten sich am Markt durch.

    Reeder setzen auf Technologie von GTT

    Delaby erwartet nicht, dass sich am Quasi-Monopol der Franzosen bald etwas ändert. „Es wurden zwar konkurrierende Technologien entwickelt“, sagt er. Die Branche sei aber sehr konservativ, denn bei LNG handele es sich um eine sehr gefährliche, explosive Fracht.

    „Die Reeder wollen nicht das Risiko eingehen, etwas anderes als die als verlässlich geltende Technologie von GTT zu nutzen, nur um vielleicht einige Hunderttausend Euro einzusparen“, sagt der Société-Générale-Analyst. Außerdem entwickle das Unternehmen das Tank-Design immer weiter: „2014 hielt GTT 500 Patente, mittlerweile sind es 2281.“

    Die Franzosen treten dabei als eine Art Ingenieurbüro auf: GTT entwickelt die LNG-Tanks, baut sie dann aber nicht selbst. „Das Geschäftsmodell besteht daraus, dass die Firma Lizenzgebühren für ihre Technologie erhält“, erklärt Delaby.

    Außerdem schickt GTT seine Experten zu den Partnerwerften, um diese beim Bau der Tanker zu beraten. „Unsere Mission geht weit darüber hinaus, die wachsende Nachfrage zu bedienen“, sagt GTT-Chef Berterottière dem Handelsblatt.

    „Wir helfen unseren Kunden, Antworten auf neue regulatorische Herausforderungen zu finden, und begleiten sie bei der Dekarbonisierung.“ Dazu zähle auch die Entwicklung von Software-Lösungen, die Tankschiffe auf die kostengünstigste und umweltfreundlichste Route schicken. „Unsere Ambition ist, ein führender Akteur bei digitalen Dienstleistungen zu werden.“

    Forderung nach Produktion in Europa

    GTT hat nach eigenen Angaben 535 Angestellte, viele von ihnen sind im Bereich Forschung und Entwicklung tätig. Das Unternehmen arbeitet hochprofitabel: Für 2022 strebt GTT einen Umsatz zwischen 290 und 320 Millionen Euro an. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll in diesem Jahr zwischen 140 und 170 Millionen Euro liegen.

    Berterottière rechnet mit einer steigenden Nachfrage nach LNG, nicht nur in Europa. „Auch die traditionellen Importeure von Flüssiggas wie China und Japan tragen zu der Nachfrage bei.“ Künftig würden die Schiffe zudem statt LNG auch zunehmend flüssigen Wasserstoff transportieren.

    Der Bau neuer Schiffe müsse daher beschleunigt werden, fordert der GTT-Chef. „Aktuell liegen die Kapazitäten der Werften bei 65 bis 70 LNG-Tankern pro Jahr.“ Nötig sei eine Erhöhung in den kommenden Jahren auf 80 bis 85 Tankschiffe.

    Die Europäer ruft Berterottière auf, die Herstellung nicht nur Werften in Asien zu überlassen. „Mit Blick auf die Energieunabhängigkeit und die strategische Rolle von LNG-Tankern sollte Europa ernsthaft in Erwägung ziehen, dieses Geschäftsfeld wieder auf seinem Territorium anzusiedeln.“

    Erstpublikation: 11.11.2022, 09:00 Uhr.

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