Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

21.11.2022

13:34

Galeria Karstadt Kaufhof

Wofür die Kaufhauskette Beratern jetzt Millionen Euro zahlt

Von: Florian Kolf, Anja Müller

Mehr als 80 Millionen Euro gab Galeria Karstadt Kaufhof im ersten Insolvenzverfahren für Beratungsleistungen aus. Und auch diesmal dürfte das Verfahren teuer werden.

Insolvenzverfahren bei Galeria Karstadt Kaufhof  dpa

Galeria Karstadt Kaufhof

Arndt Geiwitz, Generalbevollmächtigter von Galeria Karstadt Kaufhof (links), und Frank Kebekus, Sachwalter, haben schon beim ersten Insolvenzverfahren 2020 von Galeria zusammengearbeitet.

Düsseldorf In der Essener Zentrale von Galeria Karstadt Kaufhof läuft fast nichts mehr ohne Zustimmung von Arndt Geiwitz. Der offizielle Titel des 53-Jährigen lautet Generalbevollmächtigter, eingesetzt vom Eigentümer, der Signa Holding des österreichischen Milliardärs René Benko. Doch es wirke, als habe der Insolvenzexperte die Leitung des Unternehmens übernommen, berichten Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden wollen.

Unterstützt wird der geschäftsführende Gesellschafter der Wirtschaftskanzlei SGP Schneider Geiwitz von einem Heer von Beratern und Anwälten. Mehrere Kanzleien, darunter McDermott Will & Emery aus Düsseldorf und Seitz aus Köln, haben Experten für Restrukturierung, Insolvenzrecht, Arbeitsrecht, Immobilienrecht oder Öffentliches Recht nach Essen entsendet, wie das Unternehmen bestätigt.

Beim ersten Insolvenzverfahren vor zwei Jahren hat Galeria 81,4 Millionen Euro für Beraterhonorare ausgegeben, wie das Unternehmen im Bundesanzeiger veröffentlicht hat. 41,5 Millionen davon waren Aufwendungen für das Schutzschirmverfahren, 39,9 Millionen flossen im anschließenden Insolvenzverfahren.

Galeria Karstadt Kaufhof: Millionen für Berater im Insolvenzverfahren

Und auch dieses Mal dürfte ein Betrag in ähnlicher Höhe zusammenkommen – obwohl noch nicht klar ist, ob das tatsächlich die Zukunft des Unternehmens sichert.

„In den Beratungsaufwendungen sind Honorare und Fremdkosten von verschiedenen unterschiedlichen Beratungsunternehmen unterschiedlicher Ausrichtung enthalten“, erläutert ein Galeria-Sprecher auf Anfrage die damaligen Millionenzahlungen. Auch verschiedene Gutachterkosten fielen darunter.

Zudem bekamen Geiwitz und der vom Gericht bestellte Sachwalter Frank Kebekus eine Vergütung. „In keinem Fall beschreiben die Honorare Verdienste einzelner Personen, sondern sind Kanzleivergütungen für den Einsatz großer Teams mit erfahrenen Berufsträgern über Monate, teils über Jahre hinweg“, so der Galeria-Sprecher.

Der Restrukturierungsexperte muss mit der Geschäftsführung bis Ende Januar den Insolvenzplan für Galeria aufstellen. SGP Schneider Geiwitz & Partner

Generalbevollmächtigter Arndt Geiwitz

Der Restrukturierungsexperte muss mit der Geschäftsführung bis Ende Januar den Insolvenzplan für Galeria aufstellen.

Das Unternehmen hat am 31. Oktober 2022 erneut ein Schutzschirmverfahren beantragt, das in Paragraf 270 der Insolvenzordnung geregelt ist. Entscheidend bei diesem Verfahren ist, dass es keinen Insolvenzverwalter gibt, sondern das Management weiter die Geschäfte führt. Kontrolliert wird es von einem Sachwalter. Voraussetzung dafür ist, dass in einem Gutachten zuvor nachgewiesen wird, dass noch keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt.

Galeria Karstadt Kaufhof verpflichtete im Mai einen Insolvenzberater

Offensichtlich wurden der Eigentümer und die Galeria-Führung von der desolaten Geschäftslage, die letztlich zum Antrag für das Schutzschirmverfahren geführt hat, nicht wirklich überrascht. Wie das Unternehmen auf Nachfrage bestätigt, hat es im Mai bereits den Insolvenzexperten Richard Scholz von der Kanzlei Wellensiek beauftragt, die Geschäftsführung in insolvenzrechtlichen Fragen zu beraten. Das Fachmagazin „Juve“ hatte darüber zuerst berichtet.

Schon Monate vor der Einleitung des Verfahrens wuchs die Nervosität auch im Aufsichtsrat. So heißt es aus Kreisen des Kontrollgremiums, dass man sich zuletzt im Wochenrhythmus von der Geschäftsführung über die Zahlen informieren ließ. Von Lieferanten und Dienstleistern ist zu hören, dass schon Wochen vor dem Gang zum Amtsgericht Rechnungen nicht oder nur verzögert bezahlt worden seien.

Nun ist die „existenzbedrohende Notlage“, die Galeria-Chef Miguel Müllenbach schon durch die Kündigung des Tarifvertrags mit Verdi zwei Wochen vor dem Antrag auf das Schutzschirmverfahren eingestanden hatte, offensichtlich. Und Geiwitz darf erneut die Scherben zusammenkehren – und daran auch gut verdienen.

Sachwalter Kebekus muss Interessen der Gläubiger vertreten

Auffällig ist: Sämtliche Kanzleien und Beratungsunternehmen, die jetzt an der Restrukturierung arbeiten, waren auch beim Schutzschirmverfahren 2020 mit an Bord. So haben Experten von McDermott Will & Emery am Insolvenzplan von Galeria mitgearbeitet, der am 1. Juli 2020 vorgelegt wurde und mit dem es Geiwitz letztlich gelang, den Gläubigerausschuss zur Zustimmung zu bewegen.

Auch der Sachwalter war 2020 der gleiche: Die Aufgabe von Frank Kebekus ist es jetzt erneut, die Interessen der Gläubiger zu vertreten und sicherzustellen, dass alle Vorschriften des Insolvenzrechts eingehalten werden.

Ende Januar soll der Insolvenzplan vorliegen. Erst dann wird auch klarer sein, welche der 131 Filialen bei Galeria eine Zukunft haben und welche nicht. Bis dahin wird Geiwitz einen wahren Marathon an Besprechungen hinlegen.

In dieser Woche ist er zu formellen Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi zusammengetroffen, mit dem Betriebsrat hat er schon über die nächsten Schritte gesprochen. Rasch wird Geiwitz auch den direkten Kontakt zu den Vermietern suchen, um dort den Spielraum auszuloten.

Noch nicht terminiert sind die Gespräche mit Interessenten für die Übernahme von einzelnen Häusern. Darunter sind der Detmolder Unternehmer Markus Schön. Der Inhaber des Versandhändlers buero.de will nach eigenen Angaben 47 Standorte übernehmen. Auch der tschechische Investorenvertreter Michal Rýdl, der ebenfalls an der Übernahme einer größeren Zahl von Warenhäusern interessiert ist, bestätigt, dass er bereits bei Geiwitz vorgesprochen hat.

Arndt Geiwitz wickelte bereits die Schlecker-Pleite ab

„Jetzt drängt die Zeit“, mahnt ein erfahrener Restrukturierungsberater, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die grobe Skizze des Insolvenzplans dürfte jetzt schon in den Köpfen der Verantwortlichen stehen, ist er sich sicher.

Dass wieder dieselben Berater mit Geiwitz an der Spitze das Verfahren übernommen haben, sieht der Experte als Vorteil. Beim ersten Mal sei die Restrukturierung nicht konsequent genug bis zum Ende durchgezogen worden. So wurden zahlreiche Standorte, die zunächst auf der Streichliste standen, letztlich doch nicht geschlossen.

„Restrukturierer wissen: Inkonsequenz rächt sich schnell, besonders in der Krise“, sagt der Berater. Deshalb werde Geiwitz diesen Fehler diesmal wahrscheinlich nicht noch einmal machen.

Arndt Geiwitz hat zudem große Erfahrung mit Insolvenzverfahren im Einzelhandel. Meist aber arbeitete er, anders als bei Galeria, dabei als Insolvenzverwalter. So wickelte er die Schlecker-Pleite ab. Auch in der Weltbild-Insolvenz wurde er 2014 als Insolvenzverwalter eingesetzt.

Seine Position als Generalbevollmächtigter wie bei Galeria ist von der Insolvenzordnung nicht geregelt. Doch da er als verlängerter Arm von Eigentümer René Benko gilt, hat er großen Gestaltungsspielraum für seine schwierige Aufgabe – auch gegenüber dem Galeria-Chef Müllenbach.

Galeria Karstadt Kaufhof: René Benko braucht solvente Mieter

Und dass er die Interessen des Eigentümers gut vertreten kann, hat er schon beim ersten Schutzschirmverfahren gezeigt, als er den Gläubigern die Zustimmung zum Insolvenzplan und damit einen Verzicht auf Forderungen von mehr als zwei Milliarden Euro abgerungen hat.

Auch diesmal hat er eine klare Vorgabe. „Das Ziel aller Maßnahmen muss es sein, unter veränderten Bedingungen eine aus sich heraus lebensfähige Struktur zu schaffen“, betont er. Denn auch Eigentümer Benko braucht ja für die Immobilien, die er noch im Eigentum hat, einen solventen Mieter, der mit seinen Zahlungen für die Rendite sorgen kann.

Transparenzhinweis: Die Handelsblatt Media Group ist wie die Signa-Holding von Galeria-Eigentümer René Benko an der digitalen Bildungsplattform Ada beteiligt.

Erstpublikation: 18.11.2022, 12:55 Uhr.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×