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19.11.2021

14:05

Gastronomie

„Mit 2G bricht die Hälfte des Geschäfts weg“ – Wirte denken schon wieder an Kurzarbeit

Von: Katrin Terpitz

Weihnachtsfeiern werden storniert, Gäste bleiben weg. In Bayern müssen Restaurants in Hotspots bereits wieder schließen. Gastronomen fürchten, noch mehr Personal zu verlieren.

Gastronomie mit 2G: Wirte denken wieder an Kurzarbeit imago images/aal.photo

Restaurant in München

In Bayern dürfen nur Geimpfte und Genesene (2G) Restaurants und Cafés besuchen.

Düsseldorf Halb leere Restaurants, reihenweise abgesagte Weihnachtsfeiern: Die Enchilada-Gruppe mit bundesweit mehr als 70 Filialen spürt etwa in Sachsen und Bayern bereits, welche Auswirkungen die neue 2G-Regel auf das Geschäft hat. Dort haben nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt. Viele Gäste bleiben aus Angst vor einer Infektion fern.

„Unsere Restaurants haben dort Umsatzverluste bis zu 50 Prozent“, berichtet Torsten Petersen, geschäftsführender Gesellschafter der Franchise-Gruppe aus München. So sei kein wirtschaftlicher Betrieb mehr möglich. „Deshalb müssen wir überlegen, Öffnungszeiten zu verkürzen, Restaurants tageweise oder ganz zuzumachen – und die Mitarbeiter wieder in Kurzarbeit zu schicken.“

Aber auch ohne 2G sind die Geschäfte der Gruppe, die hauptsächlich Tex-Mex-Küche anbietet, in den vergangenen zwei Wochen um etwa 20 Prozent eingebrochen. „Die Gäste sind wegen der hohen Coronazahlen stark verunsichert und bleiben lieber zu Hause. Das lukrative Weihnachtsgeschäft können wir dieses Jahr erneut abschreiben.“ Bundesweit wurde inzwischen fast jede zweite Weihnachtsfeier coronabedingt storniert, ermittelte der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in einer Umfrage.

Ab einer Hospitalisierungsinzidenz von drei dürfen künftig nur noch Geimpfte und Genesene (2G) Restaurants besuchen. Die Rate gibt an, wie viele Coronainfizierte pro 100.000 Personen in einer Woche ins Krankenhaus eingeliefert werden. Das entschieden Bund und Länder am Donnerstagabend.

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    Betroffen sind derzeit zehn Bundesländer. Der Enchilada-Geschäftsführer wie auch der Gastgeberkreis, in dem sich führende Gastronomen zusammengeschlossen haben, begrüßen einheitliche 2G-Regeln grundsätzlich: „Auch vorher waren schon 80 bis 90 Prozent unserer Gäste geimpft oder genesen.“

    „2G plus kommt einem Lockdown gleich“

    Sorge bereitet den Gastronomen die drohende Einführung von 2G plus. Geimpfte und Genesene müssten bei einem Restaurantbesuch zusätzlich einen aktuellen Negativtest vorlegen. Die Bundesländer können ab einer Hospitalisierungsrate von sechs solche Maßnahmen ergreifen. Dieser Wert ist derzeit in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt überschritten. Im Bund-Länder-Beschluss werden etwa Bars, Clubs und Diskotheken explizit genannt.

    Ab einer Hospitalisierungsrate von neun können die Länder überall strengere Maßnahmen beschließen. In bayerischen Corona-Hotspots mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 1000 soll nun die Gastronomie geschlossen werden, kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Freitag an.

    Der bayerische Dehoga-Verband erwägt eine Klage gegen einzelne Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz. Flächendeckende 2G-plus-Regeln bei einer bestimmten Hospitalisierungsrate seien im Gastgewerbe unverhältnismäßig. „Mit 2G plus ist die Gefahr groß, dass Restaurants und Hotels so geringe Umsätze tätigen, dass sich die Öffnung nicht mehr lohnt. Das wäre dann ein Lockdown durch die Hintertür“, warnt Dehoga-Präsident Guido Zöllick.

    2020 war der Umsatz von Gaststätten um 31 Prozent auf 34,3 Milliarden Euro eingebrochen. Von Normalumsätzen ist die Branche noch weit entfernt. Im September hatte noch jeder dritte Betrieb im Gastgewerbe Existenzängste, ein Jahr zuvor waren es noch mehr als 60 Prozent.

    Grafik

    Künftig sollen die Kontrollen von 2G verschärft werden. Enchilada-Geschäftsführer Petersen begrüßt konsequente Strafen, wenn Gäste ohne 2G-Nachweise eingelassen werden. In NRW etwa droht Wirten eine Strafe von 2000 Euro. „Abschreckende Geldstrafen sind absolut richtig“, findet Petersen. „Wir ärgern uns über Gastronomen, die das bisher lax kontrollieren. Da gerät unsere ganze Branche in Verruf.“

    Restaurants und Cafés seien kein Pandemietreiber, betonen Branchenvertreter immer wieder. „Die sitzplatzbezogene Gastronomie ist wegen etablierter Hygienekonzepte, Abstand zu anderen Gästen, Lüftungssystemen und der Möglichkeit zur Nachverfolgung von Kontaktdaten ein sicherer Ort“, meint Mirko Silz, CEO der Pizza- und Pasta-Kette L’Osteria. Er lässt eine Klage gegen Sperrstunden und 2G plus-Regeln prüfen.

    Silz verweist auf eine aktuelle Auswertung der Kontakt-App Luca: 11,7 Prozent der Corona-Warnmeldungen im Oktober stammten aus Restaurants und Cafés. 72 Prozent der potenziellen Corona-Kontakte gab es demnach in Clubs und Bars.

    Für Walid El Sheikh, der in Düsseldorf fünf Bars und Clubs betreibt, verzerren diese Zahlen die Realität. In Tanzclubs und Bars würde die Kontakterfassung vom Ordnungsamt streng kontrolliert – in Restaurants, Geschäften oder Bus und Bahn aber sei elektronisches Einchecken bisher kaum verbreitet. In seinen Lokalen jedenfalls hätte es nur einzelne nachträgliche Coronafälle, aber keine Ansteckungen gegeben. Die Politik hingegen schätzt das Infektionsrisiko in Discos, Bars und Clubs als besonders hoch ein. Bayern ordnete am Freitag eine dreiwöchige Schließung von Clubs, Bars und Diskotheken an.

    „Die Gastronomie ist wieder das Bauernopfer“

    El Sheikh verzweifelt immer mehr: Gerade erst waren seine Clubs wieder angelaufen. Ins „Sir Walter“ kamen zwar 20 Prozent weniger Gäste, der Umsatz erreichte trotzdem Vor-Corona-Niveau. „Die Leute wollen endlich wieder feiern.“

    90 Prozent seiner Gäste seien ohnehin genesen oder geimpft. „Aber wer hat Lust, sich fürs Ausgehen aufwendig testen zu lassen?“ Er fürchtet: „Die Leute feiern dann wieder zu Hause, wo es weder Luftfilter noch strenge Hygienekonzepte gibt wie bei uns. Ein Bärendienst für die Infektionsbekämpfung.“ Die Gastronomie sei wieder das „Bauernopfer Nummer eins“.

    „Das lukrative Weihnachtsgeschäft können wir dieses Jahr erneut abschreiben“, sagt Enchilada-Geschäftsführer Torsten Petersen. Enchilada-Gruppe

    Enchilada-Restaurant

    „Das lukrative Weihnachtsgeschäft können wir dieses Jahr erneut abschreiben“, sagt Enchilada-Geschäftsführer Torsten Petersen.

    Am Freitag öffnet nach Monaten sein frisch renovierter Club „Oh Baby Anna“. El Sheikh wartet nun ab, wie viel Geschäft im Fall von 2G plus bleibt. Vor der Pandemie nahm der erfolgreiche Clubbetreiber jede Woche bis zu 200.000 Euro ein. „Sinkt der Umsatz um 40 Prozent, sind wir nicht mehr profitabel.“

    Das Krisenmanagement der Politik hält der Gastronom für eine absolute Katastrophe. Nur 20 Prozent der zugesagten Hilfen habe er bisher erhalten. „Bis heute warte ich auf die Auszahlung der Dezemberhilfe sowie der Überbrückungshilfe III.“ Mit KfW-Krediten in Millionenhöhe hält er sich über Wasser.

    Auch von seiner Versicherung hat er noch kein Geld gesehen, obwohl er sich extra für einen Pandemiefall versichert hatte. Vom Düsseldorfer Landgericht waren El Sheikh über 700.000 Euro für den ersten Lockdown zugesprochen worden. Doch der Versicherer ging in Berufung.

    Personalnot verschärft sich

    „Ohne die staatlichen Hilfen hätten viele unserer Betriebe bisher nicht überlebt“, konstatiert Enchilada-Geschäftsführer Petersen. Auch die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen helfe sehr.

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    Die Branche begrüßt die Verlängerung von Überbrückungshilfen bis März. Auch Kurzarbeit ist nun wieder virulent. Im Ernstfall müsse direkt wieder 80 Prozent Kurzarbeitergeld gezahlt werden, fordert der Gastgeberkreis.

    Denn schon in den ersten beiden Lockdowns sind viele Mitarbeiter aus der Gastronomie in krisensichere Branchen abgewandert. Laut Dehoga verließen in der Hochphase der Pandemie mehr als 300.000 Beschäftigte das Metier. „Mit ausbleibenden Gästen steigt die Verunsicherung unter den Mitarbeitenden, die sich wieder fragen: ,Ist mein Job in der Gastronomie sicher?'“, so Stephan von Bülow, Chef der Steakhauskette Block-Gruppe.

    Die Branche litt wegen unattraktiver Arbeitszeiten und Löhne ohnehin unter Personalnot. „Wir hatten auch vor der Pandemie schon Probleme, Leute zu finden und zu halten“, so Petersen. „Unsere größte Sorge ist derzeit, dass wir mühsam aufgebaute Teams nun zum dritten Mal nach Hause schicken müssen. Viele davon werden wir dann dauerhaft verlieren.“

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