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19.01.2021

18:21

Getränke

Dramatische Rückgänge in der Bierbranche – Kleine Brauereien kämpfen um Existenz

Von: Katrin Terpitz

Die Brauwirtschaft macht in der Pandemie historische Verluste. Die Deutschen trinken immer weniger Bier. Besonders betroffen sind die rund 1500 Kleinbrauer.

Durch die Schließung von Gaststätten und den Wegfall von Volksfesten und Events ist das Fassbiergeschäft stark eingebrochen. picture alliance / Volkmar Heinz

Bierkneipe

Durch die Schließung von Gaststätten und den Wegfall von Volksfesten und Events ist das Fassbiergeschäft stark eingebrochen.

Düsseldorf 550 Millionen Maßkrüge Bier – umgerechnet 5,5 Millionen Hektoliter – haben die deutschen Brauer im Corona-Jahr 2020 wohl an Absatz verloren. Die Gastronomie ist zum zweiten Mal im Lockdown, Volksfeste wie das Oktoberfest, Events wie Rock-Festivals und die Fußball-Europameisterschaft fanden nicht statt. Alle großen Anlässe, zu denen traditionell in geselliger Runde viel Bier getrunken wird, fielen aus.

„Das war ein rabenschwarzes Jahr für die Brauer“, stellt Guido Mockel, Sprecher der Geschäftsführung der Radeberger Gruppe, fest.

„Die Brauer haben in einem Jahr fast so viel Menge verloren wie in den zehn Jahren davor“, konstatiert Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Privatbrauerei Veltins. Der deutsche Biermarkt schrumpft seit Jahrzehnten. Gründe sind der demografische Wandel und veränderte Konsumgewohnheiten. 2020 sank der Pro-Kopf-Konsum der Deutschen erneut – von knapp 92 Litern (ohne alkoholfrei und Malzgetränke) auf rund 88 Liter, schätzt der Deutsche Brauerbund (DBB). Damit trank der Durchschnittsdeutsche so wenig Bier wie seit Ende der 50er-Jahre nicht mehr.

Der Absatz der deutschen Brauer sackte durch die Pandemie von 92,2 Millionen Hektolitern 2019 auf voraussichtlich 86,7 Millionen Hektoliter ab, prognostiziert der Brauerbund. „Die Situation ist dramatisch und in der Nachkriegszeit ohne Beispiel“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des DBB.

Je größer das Gastronomie- und Veranstaltungsgeschäft einer Brauerei, desto verheerender seien die Verluste. Vor allem die kleinen und handwerklichen Brauereien erwirtschaften bis zu 70 oder 80 Prozent ihres Umsatzes mit Fassbier für Brauhäuser und Feste. Ganz erhebliche Mengen Fassbier mussten in der Pandemie vernichtet werden. Veltins schätzt, dass die Gastronomie allein 5,4 Milliarden Euro Umsatz mit Fassbier verloren hat.

Deutsche Brauereien hatten 2020 im Mittel ein Umsatzminus von 23 Prozent, das zeigt eine aktuelle Umfrage des Brauerbunds. „Das ist für viele absolut existenzbedrohend“, sagt Eichele. Wenn Bund und Länder bei den Hilfen nicht bald nachbesserten, würden viele die Krise nicht überstehen.

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Besonders getroffen sind die Kleinbrauer, von denen es rund 1500 in Deutschland gibt. Etliche kämpfen seit Langem mit winzigen Margen und hohem Investitionsstau. „Jetzt wird augenfällig, wie instabil die Marktposition vieler Brauer ist“, meint Huber von Veltins. Er erwartet deshalb in Zukunft Übernahmen in der Branche.

Auf dem Sofa wird weniger Bier getrunken

Die bisherigen staatlichen Hilfsmaßnahmen bewerten die Brauer überwiegend als unzureichend. Zumal die gestundete Biersteuer irgendwann zurückgezahlt werden müsse. Die Braubranche fordert, dass die bis zum Sommer geltende Senkung der Mehrwertsteuer für Speisen auch auf Getränke ausgeweitet wird.

Während der Absatz von Fassbier einbrach, legte der Absatz von Flaschenbier im Handel um etwa 5,7 Prozent zu. Dies konnte aber die Einbrüche kaum wettmachen. „Die Verbraucher haben unverändert Lust auf Bier“, so Volker Kuhl, Geschäftsführer Marketing/Vertrieb von Veltins.

Allerdings wird auf dem heimischen Sofa weniger getrunken als in geselliger Runde draußen. Die Verbraucher kauften nun ihr Bier im Supermarkt. Dort war in der Pandemie vor allem Helles gefragter, Biermix und Alkoholfreies. Jede zweite im Handel gekaufte Flasche ist weiterhin Pils.

Krombacher Pils war auch 2020 wieder das Lieblingsbier der Deutschen, teilte die Brauerei mit. Der Ausstoß sank allerdings um sechs Prozent. Der Verkauf von Krombacher Weizen dagegen brach um 18 Prozent ein. Zulegen konnten in der Pandemie alkoholfreie Sorten und vor allem Vitamalz. Besonders getroffen war die Brauerei Warsteiner: Der Absatz des Familienunternehmens brach um 16,2 Prozent ein, im Inland stärker als das Exportgeschäft.

Bei Radeberger riss das entfallene margenträchtige Fassbiergeschäft schmerzhafte Lücken in die Unternehmensergebnisse. Deutschlands größte private Braugruppe, die zum Oetker-Konzern gehört, ist einer der größten Fassbiervermarkter in Deutschland und beliefert fast 40.000 Gastrobetriebe. Mit einem Absatzrückgang von 4,7 Prozent entwickelte sich die Radeberger Gruppe insgesamt allerdings besser als der Markt. Der Umsatz ging um acht Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zurück. „Wir konnten mit regionalen Marken, alkoholfreien Bieren und Neuprodukten punkten“, sagte Radeberger-Chef Mockel.

Auch Veltins konnte den historischen Rückgang des Fassbiergeschäfts um 56 Prozent durch einen höheren Absatz von Flaschenbier etwas abfedern. So sank der Gesamtausstoß um 3,5 Prozent auf 2,94 Millionen Hektoliter auf das Niveau von 2017. Der Umsatz schrumpfte etwas stärker um 4,7 Prozent auf 342 Millionen Euro.

Der Mehrverkauf von Flaschenbier konnte den historischen Fassbierverlust teilweise abfedern. obs

Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Brauerei Veltins

Der Mehrverkauf von Flaschenbier konnte den historischen Fassbierverlust teilweise abfedern.

Auch im zweiten Lockdown haben die Sauerländer ihren 14.000 Gastronomiekunden die Finanzierung gestundet. Die Brauerei wagte im April die Neueinführung der Retro-Marke „Helles Pülleken“. Veltins baut die Belegschaft weiter aus und hält an millionenschweren Investitionen in Hochregallager und Flaschenabfüllung auch in der Pandemie fest.

„Viele Gaststätten werden diese Krise nicht überleben“

Die meisten deutschen Brauer rechnen mit einer Wiedereröffnung des Gastgewerbes erst im April, manche gar erst im Mai. Eichele vom Brauerbund fordert eine breite und baldige Versorgung mit Impfstoffen. Nur so sei eine Rückkehr zum gesellschaftlichen Leben möglich. Der flächendeckende Lockdown von Gaststätten und das Verbot aller größeren Veranstaltungen müsse so schnell wie möglich überwunden werden.

„Wir gehen davon aus, dass wir im Sommer in den Biergärten langsam zur Normalität zurückkehren, weil die Menschen die Einschränkungen hinter sich lassen wollen“, erwartet Huber von Veltins. Bis zur Normalisierung werde es aber bis zu 35 Monate dauern. „Betriebsaufgaben als Folge der Pandemie werden die Braubranche allerdings noch das ganze Jahrzehnt begleiten“, fürchtet Huber.

Auch der Brauerbund rechnet mit strukturellen Einbrüchen beim Bierkonsum. „Viele Gaststätten werden diese Krise nicht überleben, viele Geschäftsreisen in Zukunft durch Videokonferenzen ersetzt“, so Eichele. „Das alles hat natürlich auch Auswirkungen auf den Bierabsatz.“

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