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07.07.2021

09:00

Getränkelieferdienst

Flaschenpost will bundesweit auch Lebensmittel liefern

Von: Florian Kolf

PremiumNeue Konkurrenz für Gorillas, Amazon und Rewe: Der Getränkelieferdienst bringt jetzt Frischwaren und Tiefkühlartikel. Davon profitiert auch Oetker.

In Münster liefert das Unternehmen bereits Lebensmittel aus. Flaschenpost

Flaschenpost-Lieferant

In Münster liefert das Unternehmen bereits Lebensmittel aus.

Düsseldorf Die Oetker-Tochter Flaschenpost steigt in den Wettbewerb der Lebensmittellieferdienste ein. Nach einem ersten Pilotprojekt in Münster beliefert der Getränkelieferdienst nun auch Düsseldorf und Langenfeld mit Frischeartikeln und Tiefkühlprodukten.

Flaschenpost-Chef Stephen Weich hat in dem neuen Geschäftsfeld außerdem noch größere Pläne: „Wir haben eine so hohe Akzeptanz in Münster festgestellt, dass wir das jetzt auch an anderen Standorten testen und perspektivisch bundesweit ausrollen wollen“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. In Münster orderten demnach schon jetzt mehr als ein Drittel der Kunden auch Lebensmittel dazu – „Tendenz steigend“, so Weich.

Damit begibt sich Flaschenpost in einen hart umkämpften Wettbewerb. Um die vergleichsweise wenigen Kunden, die heute schon bereit sind, Lebensmittel online zu bestellen, streitet sich eine Schar von Unternehmen. Neben Rewe und Amazon gibt es Anbieter wie den Lieferdienst Picnic aus Holland oder etwa Knuspr und Bringmeister, die tschechische Eigentümer haben. Dazu kommen Start-ups wie Gorillas und Flink, die in Großstädten innerhalb von 15 Minuten liefern und dreistellige Millionensummen von Investoren bekommen haben.

Als das Familienunternehmen Oetker im November vergangenen Jahres für geschätzte 800 Millionen Euro das Start-up Flaschenpost übernommen hat, haben sich viele Beobachter gewundert. So viel Geld für einen Lieferdienst für Getränkekisten? Ein gutes halbes Jahr später zeigt sich, welche Perspektiven Oetker in dem Geschäft sieht.

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Standort erkennen

    Matthias Schu, E-Food-Experte von der Hochschule Luzern und Berater für E-Commerce, sieht gute Chancen für eine Expansion von Flaschenpost: „Der deutsche Markt bietet einiges an Potenzial, und E-Food ist noch lange kein flächendeckendes Phänomen geworden“, sagt er. Gerade abseits der großen Metropolen wie Berlin oder München, in denen sich die meisten Anbieter tummeln, sieht er noch Potenzial.

    Flaschenpost liefert Getränke schon in 170 Städte

    Gerade erst hat das Unternehmen Aachen und Potsdam in sein Netz aufgenommen und beliefert damit nun mehr als 170 Städte aus 32 Lagerhallen. „Unser Vorteil ist dabei, dass wir die Logistikinfrastruktur schon haben. Damit ist es für uns ein Leichtes, das Sortiment zu erweitern“, sagt Flaschenpost-Chef Weich. Das Unternehmen bietet in Münster ein Sortiment von rund 3000 Artikeln außerhalb des Getränkebereichs. In Düsseldorf sind es 3600. Dazu kommen noch 1200 Produkte bei den Getränken. „Das ist im Vergleich zu einem Discounter schon eine relativ stattliche Sortimentsgröße“, sagt Weich.

    Weich hat in dem neuen Geschäftsfeld noch große Pläne mit dem Lieferdienst. Flaschenpost

    Flaschenpost-Chef Stephen Weich

    Weich hat in dem neuen Geschäftsfeld noch große Pläne mit dem Lieferdienst.

    Flaschenpost könne das neue Geschäft in den vorhandenen Lagerhäusern abwickeln. Dafür müssten keine neuen Flächen angemietet werden. „Das Risiko ist damit überschaubar, wir können das auch relativ einfach in unsere Prozesse integrieren und damit eine hohe Dynamik an den Tag legen“, verspricht der Flaschenpost-Chef. „Wir gehen jetzt ‚step by step‘ die Standorte durch und schauen, wo wir als Nächstes das Sortiment erweitern können.“

    Auch Experte Schu hält Lebensmittel für eine sinnvolle Ergänzung des Kerngeschäfts. Flaschenpost könne durch größere Warenkörbe seine Margen verbessern, ohne dass dadurch die Kosten stark steigen. „Zudem muss kaum in die vorhandene Infrastruktur investiert werden, um weitere Sortimentsbereiche aus den Bereichen Food und Frische sowie Haushalt anzubieten“, prognostiziert er. Das Unternehmen sei durch die eigene Lieferflotte flexibel und unabhängig von externen Partnern, weil es direkt zu den Kunden liefert.

    Noch hat der E-Commerce im Lebensmittelhandel allerdings einen vergleichbar geringen Anteil von rund zwei Prozent. Bei einem Gesamtmarkt von rund 200 Milliarden Euro in Deutschland macht das aber immerhin ein Volumen von vier Milliarden Euro aus.

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    Flaschenpost hat Umsatz im vergangenen Jahr verdoppelt

    Zudem haben viele Verbraucher den Onlinehandel in der Corona-Pandemie neu entdeckt, und viele haben erstmals einen Lebensmittellieferdienst ausprobiert. Etliche dieser Neukunden dürften den Unternehmen nach Einschätzung von Experten erhalten bleiben. So geht das Beratungsunternehmen Oliver Wyman davon aus, dass sich das Marktvolumen bis zum Jahr 2025 auf 8,8 Milliarden Euro mehr als verdoppeln könnte.

    Auch Flaschenpost konnte vom Onlineboom profitieren und seinen Umsatz auf jetzt knapp 200 Millionen Euro in etwa verdoppeln. „Das Thema Corona war für uns zunächst operativ eine große Herausforderung. Wir mussten viele Prozesse umstellen, um Mitarbeiter und Kunden zu schützen“, erinnert sich Firmenchef Weich. „Aber wir haben gesehen, dass mit dem ersten Lockdown die Bestellungen stark angezogen haben.“

    Gerade bei der Kundengewinnung sieht sich Flaschenpost gegenüber der Konkurrenz durch seine bestehende Infrastruktur und die bekannte Marke im Vorteil. „Wir haben schon eine stabile Beziehung zu vielen Kunden, die uns vertrauen“, erklärt Weich. Darauf könne das Unternehmen auch bei den Lebensmitteln aufbauen. „Wichtig ist, dass die Qualitätskontrolle lückenlos ist, damit wir keinen Kunden enttäuschen.“

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    Bei der Lieferzeit positioniert sich das Unternehmen ungefähr in der Mitte des Marktes. Die Lebensmittel sollen genau wie die Getränke innerhalb von zwei Stunden nach der Bestellung vor der Tür stehen. Damit ist Flaschenpost zwar langsamer als Gorillas und Flink, aber deutlich schneller als Rewe oder Picnic, die in der Regel nicht mehr am gleichen Tag liefern. Experte Schu hält diese Positionierung für sinnvoll: „Ich gehe davon aus, dass sich Lieferungen am gleichen Tag innerhalb von zwei bis vier Stunden nach Bestelleingang zumindest in Städten langfristig etablieren werden.“

    Neuer Absatzkanal für die Oetker-Marken

    Einen weiteren Schub erhofft sich Flaschenpost von der Zusammenlegung mit der Oetker-Tochter Durstexpress, die fast das gleiche Geschäftsmodell betrieben hat. „Die operative Zusammenführung wurde im Mai abgeschlossen“, erklärt Weich. „Wir haben auch die beiden Verwaltungsstandorte zusammengelegt und die Kräfte gebündelt und haben jetzt beispielsweise Entwicklerkapazitäten in Berlin und in Münster“, sagt er. Die weniger bekannte Marke Durstexpress verschwindet nun.

    Noch schreibt Flaschenpost aber auch rote Zahlen. „Wir haben bereits Standorte, die profitabel sind“, sagt der Chef, räumt aber ein: „In der Gruppe sind wir aber weiterhin klar auf Wachstum ausgerichtet und deshalb auf Gruppenebene auch noch nicht profitabel.“

    E-Commerce-Experte Schu sieht darin unter dem Dach von Oetker kein Problem: „Finanziell sollte die Oetker-Gruppe als breit aufgestellter Mischkonzern durchaus in der Lage sein, eine Expansion von Flaschenpost nachhaltig zu stemmen und zum Erfolg zu führen“, sagt er. Wichtig sei nur, dass der Lieferdienst „eine gewisse Handlungsfreiheit hat und weiter agil wachsen kann, ohne in mögliche Mühlen der Konzernpolitik zu geraten“.

    Außerdem sieht Schu langfristig noch einen weiteren Vorteil. Flaschenpost biete für Oetker auch einen zusätzlichen Absatzkanal für die eigenen Nahrungsmittel- und Getränkemarken und damit letztlich eine Verbesserung der Marge durch den direkten Zugang zum Endverbraucher.

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