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11.07.2022

12:10

Handelsblatt-Umfrage

„Die Probleme beginnen jetzt erst richtig“ – Wie die Dax-Konzerne auf das Reisechaos reagieren

Von: Jens Koenen, Michael Scheppe

Verspätete Flüge und teure Mietwagen sorgen bei den Dax-Konzernen für Ärger. Ein Unternehmen vermeidet deswegen sogar Dienstreisen.

Das Chaos schreckt Firmenkunden ab. dpa

Flughafen Düsseldorf am dritten Ferienwochenende

Das Chaos schreckt Firmenkunden ab.

Frankfurt, Düsseldorf Deutschlands Großunternehmen klagen über das Verkehrschaos an Flughäfen und die eingeschränkte Verfügbarkeit von Mietwagen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Handelsblatt-Umfrage unter den 40 Dax-Konzernen. Beiersdorf schreibt etwa: „Es gibt erheblichste Probleme bei allen Verkehrsträgern.“ Der Nivea-Hersteller beschwert sich über Schwierigkeiten bei Flugreisen und Mietwagenanbietern.

Komplikationen bei der Luftfahrt meldet auch der Pharma- und Chemiekonzern Bayer: „Problematisch sind derzeit Flugreisen.“ Ein Sprecher kritisiert vor allem die „kurzfristigen Änderungen“ des Flugplans. Auch Siemens und der Pharmazulieferer Sartorius sehen im Luftverkehr die größten Schwierigkeiten.

Das Chaos an europäischen Flughäfen mit langen Wartezeiten vor Sicherheitskontrollen, verspäteten oder ausgefallenen Flügen behindert die Dienstreisen von Managern und Mitarbeitern. Continental resümiert: „Termine müssen verschoben werden oder ganz ausfallen.“ Die Deutsche Bank berichtet, dass ihre Beschäftigten „mehr Reisezeit einkalkulieren müssen.“ Das rät auch der Pharmakonzern Merck seinen Mitarbeitern.

Dienstreisen im Reisesommer 2022 sind weniger planbar und nicht mehr so verlässlich wie zuvor. Wer seine Termine eng taktet, macht oft die Erfahrung, dass das nicht mehr funktioniert. Das macht Dienstreisen für Firmen ineffizienter. Christoph Carnier, Präsident des Geschäftsreiseverbandes VDR, sagte dem Handelsblatt kürzlich: „Die Probleme beginnen jetzt erst richtig.“

Auch wenn das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht ist, reisen Mitarbeiter wieder stärker dienstlich als 2021. Dazu kommt, dass viele Menschen große Lust haben, wieder in die Ferne zu fliegen. „Das führt zu immer größeren Engpässen“, sagte Carnier. „Das wird zu wachsender Verärgerung führen.“

Engpass bei Mietwagen

Doch es sind nicht nur die Probleme im Flugbetrieb, die den Unternehmen Sorgen bereiten. Eine Hürde ist auch, dass weniger Mietwagen verfügbar sind. Die Allianz teilt mit: „Organisatorischen Mehraufwand sehen wir bei Mietwagen, die aktuell zum Teil nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen.“ Beiersdorf macht gar die Erfahrung, dass Mietwagen „fast nicht zu bekommen“ seien – „und wenn, werden die vereinbarten Firmenkonditionen meist nicht gewährt“.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die Kosten für Mietwagen in Deutschland im Mai um 48,7 Prozent über denen im Mai 2021. Ein Grund dafür ist der Fahrzeugmangel. Als die Coronapandemie Anfang 2020 losging und harte Lockdowns verhängt wurden, haben sich viele Verleiher von großen Teilen ihrer Flotte getrennt. Denn an Vermieten war für sie nicht mehr zu denken.

Jetzt, wo die Nachfrage wieder steigt, können die Flottenbetreiber ihren Fuhrpark nicht schnell genug ausbauen. Denn neue Autos sind Mangelware, es fehlen Halbleiter und andere wichtige Bauteile. Die Autohersteller haben ihre Fertigungszahlen zum Teil deutlich reduziert.

Trotz des Reisechaos verringern die meisten Konzerne ihre Reiseaktivitäten aber nicht. Es gibt im Dax nur eine Ausnahme: Symrise. „Unsere Mitarbeiter vermeiden Reisen aufgrund der teilweise chaotischen Zustände“, teilt der Duft- und Aromahersteller mit. Durch die langen Abfertigungszeiten an den Flughäfen hätten viele Beschäftigte Anschlussflüge verpasst. Nun halten sie wieder mehr digitale Treffen ab.

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Dass die Konzerne ihre Geschäftsreisen trotz der angespannten Lage kaum reduzieren, liegt daran, dass die Beschäftigten ohnehin weniger dienstlich reisen als vor Corona. In der sogenannten Barometerumfrage, die der Geschäftsreiseverband VDR regelmäßig durchführt, gaben im April 2022 61 Prozent der Firmen an, die Zahl ihrer Reisen um bis zu 30 Prozent reduzieren zu wollen. Auf das Vorkrisenniveau wollen nur knapp neun Prozent der befragten Unternehmen zurückkehren.

Warum die Reisebudgets kaum steigen

Ein Grund: Die Firmenmanager haben sich an die niedrigen Reisebudgets gewöhnt. Wie stark diese wegen der Pandemie geschrumpft sind, zeigt die Geschäftsreiseanalyse des VDR. So sanken die Kosten der Unternehmen für Geschäftsreisen 2020 – dem ersten Jahr der Pandemie – um über 80 Prozent auf rund zehn Milliarden Euro. Die Firmen haben 2020 damit 45 Milliarden Euro an Reisekosten gespart.

2021 dürften die Budgets nur wenig gestiegen sein. Und auch für die nähere Zukunft sieht Carnier vom VDR nur eine niedrige Steigerung: „Flüge, Hotels, Mietwagen, alles wird teurer. Viele Unternehmen werden ihre Budgets nicht in gleichem Maße anheben. Das ist eine Herausforderung.“ Wegen der neuen Krisen – dem Ukraine-Krieg, steigenden Material- und Energiekosten und drohender Rezession – halten die Firmen jeden Cent zusammen.

Hinzu kommt: Die Wirtschaft hat während der Pandemie die Erfahrung gemacht, dass sich viele Dienstreisen durch virtuelle Meetings ersetzen lassen. Das geschäftliche Reiseniveau von vor 2019 werden viele Konzerne künftig nicht mehr erreichen und wollen das auch nicht.

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So hat der Energieversorger Eon in der ersten Jahreshälfte 48 Prozent weniger Dienstreisen gezählt als im Vergleichszeitraum 2019. Bayer will Reisen dauerhaft um etwa die Hälfte reduzieren. Mit solchen Ersparnissen beim Reisebudget rechnet auch Symrise. Conti führt derzeit 20 Prozent weniger Geschäftsreisen durch als noch vor der Pandemie. Bei solchen Zahlen fällt es nicht so stark ins Gewicht, wenn einzelne Mitarbeiter in diesen Chaostagen wieder stärker auf virtuelle Treffen setzen.

Dazu werden Beschäftigte in immer mehr Konzernen ohnehin angehalten. Bei der Allianz sollen Angestellte virtuelle Meetings „wo immer möglich“ einer Dienstreise vorziehen. Auch bei Adidas sind Beschäftigte „ungeachtet aktueller Ereignisse dazu angehalten, die Notwendigkeit einer Dienstreise zu überprüfen“. Und der Chemiekonzern Covestro stellt „wegen grundsätzlich positiver Erfahrungen mit virtuellen Meetings“ fest, dass „Mitarbeitende freiwillig auf Dienstreisen verzichten“.

Gänzlich werden Dienstreisen gleichwohl nicht aus der Arbeitswelt verschwinden. Gerade der „Neuaufbau von persönlichen Beziehungen“ sei virtuell „deutlich erschwert“, heißt es von MTU. Auch bestehende Beziehungen mit Kunden und Partnern ließen sich nur „zeitlich begrenzt virtuell erhalten“.

Überraschend zurückhaltend sind viele Firmen bei ihrem Urteil über die Bahn. Die kämpft derzeit mit Kapazitätsengpässen im Schienennetz. Einige Firmen berichten auch hier von Problemen.

Doch in Summe halten sich die Klagen über Verspätungen in Grenzen. Der Immobilienkonzern Vonovia, der sein Kerngeschäft in Deutschland hat und deshalb vor allem über die Schiene reist, stellt bei der Bahn sogar „derzeit keine größeren Komplikationen“ fest.

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