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30.10.2019

13:00

Hausgerätehersteller

Miele baut mehr als 1000 Stellen weltweit ab

Von: Anja Müller

Der Familienkonzern reagiert auf scharfen Wettbewerb und die Digitalisierung. Vor allem in Deutschland stehen viele Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Ziel sei es, im ersten Schritt rund 190 Millionen Euro pro Jahr einzusparen und so die Wirtschaftlichkeit der gesamten Gruppe nachhaltig zu sichern. dpa

Miele-Produktion

Ziel sei es, im ersten Schritt rund 190 Millionen Euro pro Jahr einzusparen und so die Wirtschaftlichkeit der gesamten Gruppe nachhaltig zu sichern.

Gütersloh Die Spannung ist groß bei Miele in Gütersloh. Die Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey durchleuchtete seit November 2018 den familiengeführten Hausgerätehersteller. In diesem Jahr ist Miele 120 Jahre alt geworden und will sich wieder neu erfinden. Man denke in langen Zyklen in Gütersloh, wolle aus einer Position der Stärke heraus das Unternehmen neu justieren, hieß es damals.

Nun, fast genau ein Jahr später, legt das Gütersloher Familienunternehmen seine neue Strategie vor. Es werden auch Stellen abgebaut, „aber Miele-like“, wie die Eigentümer versichern. Doch so ganz klar wird dieser Weg noch nicht, weil erst jetzt die Beratungen mit dem Betriebsrat beginnen.

Zunächst die Fakten: Insgesamt sollen jedes Jahr 190 Millionen Euro eingespart werden. Um dieses Ziel zu erreichen, würden neben geringeren Sachkosten auch „Personalreduzierungen unumgänglich“. In Deutschland könnten so bis 2021 rund 240 Mitarbeiter vor allem in der Verwaltung in Gütersloh abgebaut werden. Die restlichen 830 der insgesamt 1070 Stellen würden vor allem im internationalen Vertrieb wegefallen, erklärte das Unternehmen auf Nachfrage.

Zur neuen Strategie gehört auch, dass Miele künftig in acht selbstständigen Einheiten geführt werden soll, die völlig autark agieren und direkt an die insgesamt fünfköpfige Geschäftsführung berichten. So solle die Verantwortung in den einzelnen Bereichen gestärkt werden.

Darüber hinaus werden die Vertriebsstrukturen weltweit neu aufgestellt. Dabei werden die größten internationalen Märkte USA, China und Kanada künftig als Chefsache behandelt. Eine wichtige Geschäftseinheit, die sich um den Ausbau der Digitalkompetenz in Marketing und Vertrieb für die gesamte Gruppe kümmert, wird nicht am Stammsitz in Gütersloh wirtschaften, sondern in Amsterdam, was Gütersloh durchaus näher liegt, als etwa Berlin.

Der Hintergrund der umfassenden Neuaufstellung: Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatten sich bei Miele bereits erste Spuren einer Konjunkturabkühlung gezeigt: Der Umsatz erreichte 4,16 Milliarden Euro. Das waren noch 1,5 Prozent mehr als im vorigen Geschäftsjahr. Rechnet man die erstmals konsolidierte koreanische Saugroboter-Tochter Yujin Robot heraus, lag das Wachstum gerade einmal bei 0,2 Prozent.

In Deutschland und China sei das Geschäft sogar rückläufig gewesen, heißt es. Demgegenüber hatten sich Süd- und Osteuropa, die USA und Schweiz positiv entwickelt. Miele erwirtschaftet mittlerweile mehr als 70 Prozent seines Umsatzes außerhalb Deutschlands. Im Vorjahr hatten die Geschäftsführer noch ein Umsatzplus von 4,3 Prozent verkünden können.

Auch aktuell rechnet Miele noch mit einem Wachstum. Aber zugleich müsse man auch den tief greifenden Veränderungen des Marktes und der Kundengewohnheiten Rechnung tragen. Die Gemengelage ist nicht einfach: Dringender Handlungsbedarf, vor allem aber auch Chancen, ergäben aus den digitalen Kanälen, die immer wichtiger werden bei den Kaufentscheidungen der Kunden.

Kritik der IG Metall

Hinzu kämen noch die immer preisaggressiveren Marktauftritte asiatischer Konzerne und die konjunkturelle Eintrübung in wichtigen Märkten. Miele sieht sich auch als Opfer der Handelsstreitigkeiten und „geopolitischen Konflikte und Risiken, deren Ende nicht absehbar ist“. Weltweit beschäftigt Miele rund 20.000 Mitarbeiter, mehr als 11.000 davon in Deutschland.

Bereits im Sommer war bekannt geworden, dass 770 Stellen im Bereich der Waschmaschinenfertigung in Deutschland bis 2025 wegfallen sollten. Dieser Abbau sei aber von dem aktuellen Innovationsprogramm getrennt zu betrachten. Hier teilte das Unternehmen mit, dass aufgrund von natürlicher Fluktuation und Verrentung die Zahl auf 670 gesunken sei.

Bislang hat Miele nach eigenen Angaben in der gesamten Firmengeschichte am Standort Gütersloh und in den heutigen deutschen Produktionswerken noch nie betriebsbedingt kündigen müssen. Miele verfüge darüber hinaus seit 1909 über eine Betriebskrankenkasse, eine eigene Kita und weitere freiwillige Leistungen. Sonderzahlungen allerdings, das hatte Miele bereits im Sommer angekündigt, werde es 2019 nicht geben.

Miele hat mit seiner Offensive versucht, Mitarbeiter und Öffentlichkeit frühzeitig zu informieren. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Andreas Bernstein sagte allerdings dem Handelsblatt, dass er das Programm erst einmal sichten müsse und eine rechtzeitige Information vermisst habe.

Der zuständige Geschäftsführer der IG Metall Gütersloh/Oelde, Thomas Wamsler, geht allerdings „davon aus, dass es noch nicht das Ende der Fahnenstange ist und noch weitere Strukturmaßnahmen folgen werden.“ Er sieht in vielen Maßnahmen die Handschrift von McKinsey und vermisst die des Familienunternehmens Miele.

Allerdings war bereits vor dem aktuellen Programm die Wäschepflege neu geordnet worden. Bis 2025 läuft die Produktion im polnischen Ksawerow schrittweise an. In sechs Jahren sollen die Stückzahlen der Haushaltswaschmaschinen je zur Hälfte in Gütersloh und in Polen produziert werden.

„Man muss sehen, was Miele aufs Spiel setzt, da wird ja auch ein Image zerstört“, urteilt IG Metall-Geschäftsführer Wamsler. Die Kunden kauften Miele, weil es „hierzulande unter anständigen Bedingungen produziert wird“. Das Image solle Miele nicht gefährden. „Dann ist Miele nämlich ein Hersteller wie jeder andere.“

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