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16.11.2021

15:25

Kampf gegen Corona

„Verbote wären Todesstoß“ – Veranstalter wehren sich gegen Absage von Weihnachtsmärkten und Festen

Von: Katrin Terpitz

Die vierte Coronawelle gefährdet den Neustart der Krisenbranche. 2G-Konzepte für Geimpfte und Genesene sollen Großveranstaltungen retten. Doch klare Vorgaben fehlen noch.

Die Weihnachtshäuser des Familienunternehmens aus Rothenburg ob der Tauber stehen auf etwa 60 Märkten. Unternehmer Harald Wohlfahrt warnt vor einem erneuten Verbot der Weihnachtsmärkte. Käthe Wohlfahrt

Käthe Wohlfahrt

Die Weihnachtshäuser des Familienunternehmens aus Rothenburg ob der Tauber stehen auf etwa 60 Märkten. Unternehmer Harald Wohlfahrt warnt vor einem erneuten Verbot der Weihnachtsmärkte.

Düsseldorf Am Düsseldorfer Schadowplatz stehen bereits die Buden für den Weihnachtsmarkt, der am Donnerstag öffnen soll. Auch das bekannte Weihnachtshaus von Käthe Wohlfahrt hat Räuchermännchen und Erzgebirgsschmuck schon eingeräumt. Die Holzhäuser aus Rothenburg ob der Tauber stehen sonst auf etwa 60 großen Weihnachtsmärkten weltweit.

Doch angesichts der vierten Coronawelle bangt Harald Wohlfahrt, der den Spezialisten für Weihnachtsschmuck in zweiter Generation leitet, um sein Geschäft. Ein erneutes Verbot von Weihnachtsmärkten hält er für völlig ungerechtfertigt. „Dann würden für uns in diesem Jahr 60 Prozent des Umsatzes wegbrechen.“

Dabei hat der Familienbetrieb gerade erst eine Pleite überstanden. Ausgerechnet drei Tage vor Heiligabend 2020 hatte er Insolvenz anmelden müssen. Im Lockdown waren die Umsätze um bis zu 80 Prozent eingebrochen. Im März gelang die Sanierung, 260 von 280 Stellen konnten gerettet werden.

In der vierten Coronawelle werden die Rufe von Robert Koch-Institut und Politikern immer lauter, Weihnachtsmärkte und größere Veranstaltungen erneut zu verbieten – zumindest regional. Die Stadt München reagierte am Dienstag und sagte den Christkindlmarkt ab. Die stark gebeutelte Messe- und Veranstaltungswirtschaft, die erst seit dem Spätsommer ihr Geschäft wieder hochfahren durfte, wehrt sich vehement.

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Standort erkennen

    Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft warnt vor einem „Todesstoß“ für die Branche. „Wir wären auch notfalls bereit, von unseren Besuchern die Vorlage eines aktuellen negativen Schnelltests zu verlangen, also 2G plus anzuwenden“, sagt Verbandspräsident Jens Michow. „Messen und Veranstaltungen sind keine Infektionstreiber“, betont Michael Kynast vom Fachverband Messen und Ausstellungen (Fama). Eine Auswertung der Kontakt-App Luca vom Oktober habe ergeben, dass nur 7,8 Prozent der Corona-Warnmeldungen von dort kamen.

    240.000 Betriebe existenzgefährdet

    „Bereits seit 20 Monaten kämpfen die Betriebe der Branche ums Überleben, vom Tontechniker über den Messebauer bis zum Caterer“, sagt Christian Eichenberger von der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft. Die vierte Welle habe eine Stornowelle ausgelöst. Tagungen, Jahreshauptversammlungen, Festivals und Weihnachtsfeiern würden reihenweise abgesagt.

    77 Prozent der Veranstaltungsbetriebe melden massive Stornierungen allein in der vergangenen Woche, ergab eine Umfrage der Bundeskonferenz. Das ist ein weiterer herber Schlag für die Branche. Denn die Auslastung lag ohnehin erst bei 40 Prozent, ermittelte das Rifel-Institut Anfang November. Vor der Pandemie machte die Branche im Jahr 81 Milliarden Euro Umsatz. Zählt man Effekte auf die Gesamtwirtschaft wie die Gastronomie hinzu, waren es sogar 130 Milliarden Euro.

    Grafik

    240.000 Betriebe seien akut existenzgefährdet, klagt die Bundeskonferenz. Sie fordert deshalb eine Verlängerung von Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld bis in den Sommer hinein. Die Neustarthilfe für Soloselbstständige müsse verdoppelt werden. „Wir brauchen endlich Perspektiven“, sagt Eichenberger. 40 bis 50 Prozent der zuvor zwei Millionen Arbeitskräfte hätten die Branche aus Not bereits verlassen. Das erschwere einen Neustart auf Jahre hinaus.

    „Unsere Familienbetriebe sind seit nunmehr fast zwei Jahren mit einem Berufsverbot belegt und finanziell am Ende“, berichtet auch Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbunds. Weil viele Volksfeste ausfielen, hofften sie nun auf das Weihnachtsgeschäft. Die rund 3000 Weihnachtsmärkte hierzulande sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Rund 2,88 Milliarden Euro werden dort normalerweise umgesetzt.

    „Marktkaufleute wie wir haben bereits viel investiert in Waren, wir haben Personal eingestellt und meist die Standmieten schon bezahlt“, sagt Harald Wohlfahrt. „Damit wir alle nicht auf den Kosten sitzen bleiben, braucht es die Weihnachtsmärkte – gern auch in 2G- oder 3G-Form.“ Auch Nordrhein-Westfalen kündigte am Dienstag 2-G-Pflicht für Gastronomie, Weihnachtsmärkte und Fußballspiele an. Nur Genesene und Geimpfte haben Zutritt. Der Deutsche Städtetag forderte am Dienstag eine bundesweit geltende 2G-Regel im Freizeit- und Kulturbereich.

    Wirtschaftsmotor Karneval steht auf der Kippe

    Die vierte Welle platzte auch mitten in die Sessionseröffnung des Karnevals. Das Comitee Düsseldorfer Carneval etwa empfahl seinen Vereinen, alle Saalveranstaltungen im November ausfallen zu lassen. Die für Freitag geplante Kür des Prinzenpaars vor 1000 Besuchern ist auf Januar verschoben. Eine Karnevalssitzung in Heinsberg 2020 war zum Corona-Superspreader-Event geworden.

    Das Kölner Dreigestirn musste dem Start der Session am 11.11. fernbleiben, weil Prinz Sven positiv auf Corona getestet worden war. Der Karneval, der bereits 2021 ausfallen musste, spielt allein in der Domstadt rund 600 Millionen Euro ein. Das ergab eine Studie der Beratung BCG und der Rheinischen Fachhochschule Köln 2018. In den Kölner Kneipen tanzten und tranken die Jecken in den vergangenen Tagen ausgelassen wie immer. Einlass hatten meist nur Genesene und Geimpfte. In NRW sollen auf Karnevalssitzungen und -feiern nur noch Geimpfte und Genesene mit aktuellem Coronatest eingelassen werden.

    Der Zugang zur Partymeile Zülpicher Straße war zum Karnevalsauftakt am 11.11. nur mit 2G möglich. dpa

    Karnevalsauftakt in Köln

    Der Zugang zur Partymeile Zülpicher Straße war zum Karnevalsauftakt am 11.11. nur mit 2G möglich.

    Die Einführung von 2G ist in der Messewirtschaft indes umstritten. Erste Messen wie die Grüne Woche in Berlin und die Gastromesse Internorga in Hamburg finden 2022 mit 2G statt. Die IG Messewesen, in der sich kürzlich Messedienstleister und Soloselbstständige zusammenfanden, fordert angesichts der explodierenden Coronazahlen: Nur Geimpfte und Genesene sollten Zugang zu den Hallen erhalten. Internationale Besucher kämen nur auf deutsche Messen, wenn die dortige Infektionsgefahr nicht zu hoch sei, argumentiert der Vorsitzende Stefan Terkatz.

    Demgegenüber hatte der Verband der deutschen Messewirtschaft, Auma, der vor allem Aussteller und große Veranstalter vertritt, noch vor gut einer Woche vor einer 2G-Pflicht gewarnt. „Eine verpflichtende 2G-Regelung wäre ein Bärendienst für den Messeplatz Deutschland, der wegen seiner Internationalität bislang an der Weltspitze steht“, so Auma-Geschäftsführer Jörn Holtmeier. Wer etwa mit Sputnik V, Sinopharm oder Sinovac geimpft ist, gilt hierzulande als ungeimpft.

    Der Erfolg vieler Messen in Deutschland hänge von der Teilnahme ausländischer Besucher und Aussteller ab, die einen Impfschutz besitzen, der hier aber nicht anerkannt sei, so Holtmeier. Die meisten ausländischen Teilnehmer deutscher Messen reisen sonst aus China an. 2018 wie 2019 kamen von dort 100.000 Fachbesucher und 17.000 Aussteller. Die Messebranche fordert deshalb die Bundesregierung auf, die WHO-Liste der Covid-Impfstoffe zügig anzuerkennen.

    Allerdings dürften rigide Quarantäneregelungen im Heimatland viele Asiaten ohnehin von Auslandsmessebesuchen abhalten. In China etwa gilt für alle Einreisenden eine zwei- und oft sogar dreiwöchige Quarantänepflicht.

    „Aussteller, Besucher und Veranstalter von sicher, sorgsam und verantwortungsvoll geplanten Messen sind zutiefst verunsichert“, klagt Holtmeier und warnt die Politik vor Aktionismus. Durch den Messestillstand entstand bisher ein gesamtwirtschaftlicher Schaden von über 43,5 Milliarden Euro. Für 2021 zeichnet sich erneut ein dramatischer Verlust ab: Über zwei Drittel der 380 für 2021 geplanten Messen wurden seit Jahresbeginn gestrichen.

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