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08.02.2019

13:26

Das Plagiat ist kleiner als das Original – Design, Technik und Proportionen wurden aber 1:1 übernommen. Die billigen Materialen (Gehäuse, Räder…) und die schlechte Verarbeitung (instabil, lose Kleinteile) spiegeln die minderwertige Qualität wider. Links Original: Bruder Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland Rechts Plagiat: Hersteller: Hengheng Toys Factory, Shantou, China Aktion Plagiarius

Platz zwei: Spielzeugbagger „Liebherr Radlader“

Das Plagiat ist kleiner als das Original – Design, Technik und Proportionen wurden aber 1:1 übernommen. Die billigen Materialen (Gehäuse, Räder…) und die schlechte Verarbeitung (instabil, lose Kleinteile) spiegeln die minderwertige Qualität wider.

Links Original: Bruder Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland
Rechts Plagiat: Hersteller: Hengheng Toys Factory, Shantou, China

Konsumgüter

Wie Produktpiraten die Wirtschaft schädigen

Von: Selina Großmann

Vom Ventil bis zum Bratentopf – gefälscht wird alles, was Profit verspricht. Die Aktion Plagiarius hat die frechsten Kopien des Jahres gekürt.

Die Mitarbeiter des Traditionsunternehmens Zwilling J.A. Henckels aus Solingen staunten nicht schlecht. Pünktlich zum 40. Markt-Jubiläum ihres gusseisernen Bräters „Staub Cocotte“ entdeckten sie auf der Frankfurter Messe Ambiente vor einem Jahr eine täuschend echt aussehende Kopie. Das Plagiat des chinesischen Herstellers Zhejiang Keland Electric Appliance Co. besteht allerdings aus günstigerem Aluminium und kostet nur ein Zehntel des Originals.

„Wir beschäftigen uns tagtäglich mit Marken- und Produktplagiaten. Zwilling ist international bekannt, und Nachahmer wollen den guten Ruf der Marke ausnutzen“, sagt Carsten Schaal, Leiter des Teams für den Schutz des geistigen Eigentums bei Zwilling.

Der chinesische Hersteller, der den Bräter dreist kopierte, bekam dieses Jahr den dritten Platz beim Schmähpreis Plagiarius. Die Aktion Plagiarius e.V. verleiht die Negativ-Auszeichnung, die Designer Rido Busse ins Leben gerufen hat, bereits zum 43. Mal an betrügerische Hersteller und Händler. Der Zwerg mit goldener Nase ist Symbol für die immensen Profite, die ideenlose Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten von Kreativen und der Industrie erwirtschaften.

Zwilling ist kein Einzelfall. Nach einer aktuellen Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist in Deutschland jedes zehnte Unternehmen in den letzten fünf Jahren Opfer von Marken- oder Produktpiraterie geworden. Die Erscheinungsformen reichen von Designplagiaten über Technologieklau bis hin zu Markenfälschungen.

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    Beim Bräter von Zwilling wurde die äußere Gestalt nachgeahmt. Doch das ist nicht das größte Problem, mit dem Schaal und sein Team zu kämpfen haben. Markenrechtsverletzungen erlebt Zwilling am häufigsten. Die Solinger haben ihr Logo mit den zwei stilisierten Männchen schon auf den absurdesten Produkten entdeckt: „Wir finden unser Logo sogar auf Brillen oder Klobürsten“, erzählt Schaal.

    Geht es um dreiste Plagiate und Fälschungen versteht Gertrud Eppler von den Bürkert Werken in Ingelfingen keinen Spaß. „2002 haben wir die ersten Fälschungen unserer Produkte auf Messen in China entdeckt. Seit 2005 tauchen solche Kopien aus China immer wieder auch in Deutschland auf“, berichtet die Leiterin Patente und Marken beim Spezialisten für Mess- und Regeltechnik. Eppler ist in ständigem Kontakt mit den Behörden weltweit, damit diese gegen die Plagiate vorgehen.

    Eine besonders dreiste Kopie des Schrägsitzventils „Typ 2000” von Bürkert wurde dieses Jahr mit dem ersten Platz des Plagiarius ausgezeichnet. Sowohl patentiertes Design als auch die international registrierten vier Streifen darauf wurden vom chinesischen Hersteller Ningbo ACME übernommen. „Wenn unsere Produkte eins zu eins vom Design und der Marke kopiert werden, können Kunden getäuscht werden – auch wenn sie unser Design kennen“, so Eppler. „Wenn die Qualität dann nicht stimmt, bleibt der Schaden an uns hängen.“

    Der Anteil gefälschter, potenziell gefährlicher Waren, die der Zoll aus dem Verkehr zieht, nimmt zu. Dazu zählen mangelhafte Elektronik und Maschinenteile, schadstoffhaltiges Kinderspielzeug und gepantschte Medikamente. Allein 2017 haben die europäischen Zollbehörden laut EU-Kommission an den Außengrenzen der EU mehr als 31 Millionen rechtsverletzende Produkte mit einem Gesamtwert von über 580 Millionen Euro beschlagnahmt – und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

    Die Zoll-Statistiken offenbaren, dass China nach wie vor mit großem Abstand das Hauptursprungsland gefälschter Waren ist. Das gilt auch für den Maschinenbau. Im aktuellen Produktpiraterie-Bericht des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) war China klar Ursprungsland Nummer eins von Plagiaten. Gleichwohl folgen zum wiederholten Mal Deutschland mit 19 Prozent auf Platz zwei und Italien mit 18 Prozent auf Platz drei der Fälschernationen.

    Mittelstand ist besonders betroffen

    Oftmals stecken ideenarme Mitbewerber oder ehemalige Produktions- oder Vertriebspartner hinter den Plagiaten. Sehr gezielt prüfen sie die Existenz von gewerblichen Schutzrechten, so die Erfahrung der Aktion Plagiarius. Sind keine eingetragen, werden fremde Design- und Techniklösungen als eigene Leistung ausgegeben.

    Viele Geschädigte kommen aus dem Mittelstand. Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland erleidet durch Plagiate Umsatzverluste in Höhe von 4,5 Prozent, das waren 7,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Nicht nur die Unternehmen leiden. „Der illegale Handel mit gefälschten Produkten hat schädliche Auswirkungen auch auf die Volkswirtschaften: Innovation und Einnahmen nehmen ab und das Steueraufkommen sowie die Beschäftigungsquoten sinken“, sagt Arndt Sinn, Professor für europäisches und internationales Strafrecht an der Universität Osnabrück.

    Je nach Art des Plagiats gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie Unternehmen gegen solche Nachahmer vorgehen können. Um eine Produktkopie von einer Messe zu entfernen, lässt sich am effektivsten eine einstweilige Verfügung beantragen. Der Zoll kassierte allein auf der Ambiente im vergangenen Jahr 244 mutmaßliche Plagiate ein.

    So gingen auch Schaal und sein Team von Zwilling vor, als sie das Bräter-Plagiat in Frankfurt entdeckt hatten. Das Fake-Produkt wurde entfernt, und der Aussteller unterzeichnete später eine weltweite Unterlassungserklärung. Schaal betont: „Unser Ziel ist es, Plagiate so schnell wie möglich vom Markt zu nehmen. Aber leider funktioniert das nicht immer.“

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