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17.01.2022

16:38

Konsumgüterindustrie

Größter Deal seit Corona: Warum Unilever mehr als 50 Milliarden für eine GSK-Sparte zahlen will

Von: Michael Scheppe, Carsten Volkery

Der Konsumgüterkonzern Unilever pokert weiter um die Konsumgütersparte von Glaxo-Smithkline – und will sich neu ausrichten. Experten sind skeptisch.

Warum Unilever einen Teil von GSK übernehmen will Ben & Jerry's

Eis der Unilever-Marke Ben & Jerry's

Unilever will die Konsumgütersparte des Pharmariesen GSK kaufen.

Düsseldorf, London Es könnte die größte Transaktion seit Ausbruch der Pandemie werden: Der britische Konzern Unilever will die Konsumgütersparte des Pharmariesen Glaxo-Smithkline (GSK) übernehmen. Unilever hatte dafür rund 50 Milliarden Pfund (umgerechnet rund 60 Milliarden Euro) angeboten, GSK hatte die Offerte am Wochenende als zu niedrig zurückgewiesen.

Am Montag ging der Übernahmepoker weiter: Unilever, dessen Markenpalette mit Lebensmitteln (Knorr, Pfanni), Kosmetik (Axe, Dove) und Reinigungsmitteln (Coral, Domestos) das gesamte Spektrum im Konsumgütermarkt abdeckt, signalisierte, sein Angebot zu verbessern. Die Firma soll in Gesprächen mit Banken über die weitere Finanzierung sein. Die Konsumgütersparte von GSK würde „strategisch sehr gut passen“ und könne eine „Wachstumsplattform schaffen“, teilte Unilever mit.

Der Kaufversuch zeigt, wie sehr beide Konzerne unter Druck stehen. Das Wachstum schwächelt, die Vorstandschefs sind umstritten, die Aktienkurse hinken der Konkurrenz hinterher. Unilever könnte durch die Übernahme das margenträchtigere Kosmetikgeschäft stärken und es mit Konzernen wie Estée Lauder oder L’Oréal aufnehmen.

GSK würde mit dem Verkauf dem Druck seiner Investoren nachgeben, die seit einiger Zeit auf eine Abspaltung der Konsumgüterbranche drängen. GSK ist für die Zahnpasta Sensodyne, die Schmerzsalbe Voltaren oder das Nasenspray Otriven bekannt. An der Konsumgütersparte ist der US-Pharmakonzern Pfizer mit 32 Prozent beteiligt. Auch dieser lehnte das bisherige Angebot von Unilever ab.

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    „Bitte nicht“ – Analysten raten Unilever von Zukauf ab

    Ein Deal wäre auf den ersten Blick im Interesse beider Parteien. Doch Analysten raten davon mit ungewöhnlich scharfen Worten ab. „Wir können uns nicht viele Dinge vorstellen, die uns mehr entnerven würden als eine Übernahme der GSK-Konsumgütersparte durch Unilever“, schreibt James Edwardes-Jones von der Investmentbank RBC Capital Markets in einer Notiz, die mit den Worten „Bitte nicht“ überschrieben ist.

    GSK offeriere vor allem medizinische Produkte, die ganz andere regulatorische Hürden mit sich brächten als das Unilever-Portfolio, so der Experte. Unilever habe zudem mit zwei Dritteln der Produkte der betreffenden Sparte keine Überlappungen. Der Plan, diese Marken einfach in neue Märkte auszurollen, gehe nicht auf. Unilever sei „kein Management-Powerhouse“, das die Performance von übernommenen Firmen verbessere. Zudem wäre Unilever nach einer solchen Übernahme „hochverschuldet“.

    Analysten bewerten die Konsumgütersparte von GSK laut Nachrichtenagentur Bloomberg mit rund 48 Milliarden Pfund (57 Milliarden Euro). Um den GSK-Vorstand von einem Deal zu überzeugen, müsste Unilever deutlich mehr zahlen. GSK-Chefin Emma Walmsley schweben laut Berichten 60 Milliarden Pfund (72 Milliarden Euro) vor.

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    Elf von Bloomberg befragte Finanzexperten gehen im Mittel davon aus, dass der Konsumgüterkonzern mindestens 57,3 Milliarden Pfund (68,5 Milliarden Euro) bieten müsse. Das wären zehn Millionen Pfund mehr, als Unilever für das erwartete Wachstum zahlen sollte, sagte Bernstein-Analyst Bruno Monteyne. „Das ist ein sehr schlechter Deal.“ Ähnlich bewerten das auch die Börsianer: Der Aktienkurs von Unilever sank am Montag um bis zu 8,5 Prozent auf ein Zweijahrestief.

    Unilever will sich strategisch neu ausrichten

    Unilever-CEO Alan Jope kündigte am Montag an, noch in diesem Monat eine neue Ausrichtung vorzustellen. Unilever will, wie auch der Übernahmeversuch der GSK-Sparte zeigt, vermehrt auf Gesundheit, Schönheit und Hygiene setzen. Diese Bereiche würden ein höheres und nachhaltigeres Wachstum ermöglichen.

    Unilever plant auch, Bereiche mit geringerem Wachstum zu veräußern. Das könnte den Lebensmittelbereich betreffen. Unilever vertreibt etwa Eiscreme unter den Marken Ben & Jerry’s und Langnese oder Hellmann’s-Mayonnaise. Es gebe aber derzeit keine Pläne, die gesamte Lebensmittelsparte zu verkaufen, sagte Jope. Die Neuorganisation solle auf neues Wachstum zielen und nicht auf Kostensenkungen.

    Der Konsumgüterkonzern will sich neu aufstellen. Reuters

    Unilever-Logo

    Der Konsumgüterkonzern will sich neu aufstellen.

    Ein Branchenbeobachter aus Deutschland bewertet eine Neuausrichtung als grundsätzlich richtigen Schritt. „Eine Fokussierung auf den genauso fragmentierten wie wachstumsstärkeren Bereich Verbrauchergesundheit ergibt allein schon wegen der alternden Gesellschaft durchaus Sinn.“ Die Größenordnung des nun angeschobenen Deals und das zu geringe Synergiepotenzial ließen aber Zweifel daran aufkommen, „ob das ins Auge gefasste Zielobjekt gut gewählt ist“.

    Mit Kosmetika erwirtschaftete Unilever in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres 41 Prozent des gesamten Konzernumsatzes von 39,3 Milliarden Pfund (47 Milliarden Euro). Etwas weniger stammt aus der Lebensmittelsparte. Ein Fünftel machte Unilever mit Reinigungsmitteln.

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    Manager Jope plant nun den größten Umbau seit seinem Amtsantritt vor drei Jahren. Seitdem ist der Aktienkurs gefallen, obwohl die Konsumgüterindustrie traditionell als krisenfest gilt. Während Nestlé-Chef Mark Schneider beim Schweizer Rivalen erfolgreich schlecht laufende Geschäftsteile abstößt, wird Jope Untätigkeit vorgeworfen. Deshalb steht er nun im Verdacht, mit dem GSK-Deal seine bisherigen Mängel kompensieren zu wollen.

    Zuletzt hatte einer der größten Unilever-Investoren, der britische Star-Fondsmanager Terry Smith, Jopes Kurs kritisiert. Das Management konzentriere sich nicht genug auf die Fundamentaldaten, schrieb Smith in einem Anlegerbrief, sondern eher auf Marketingstrategien: „Eine Firma, die meint, den Purpose von Hellmann’s-Mayonnaise definieren zu müssen, hat eindeutig den Verstand verloren.“ Unter „Purpose“ versteht man den Sinn einer Firma. Immer mehr Unternehmen verschreiben sich einen eigenen Zweck, was aber umstritten ist.

    GSK-Chefin Walmsley steht unter Druck

    Marktbeobachter hatten Offerten für die GSK-Sparte erwartet – allerdings eher von den Unilever-Konkurrenten Procter & Gamble (Ariel, Pampers, Gillette) oder Reckitt Benckiser (Calgon, Durex, Sagrotan). GSK-Chefin Walmsley wird von ihrem aktivistischen Investor Elliott Management seit vergangenem Jahr zum Verkauf der Konsumgütersparte gedrängt. Ein Verkauf könne den GSK-Aktienkurs um 45 Prozent in die Höhe treiben, erwartet der New Yorker Hedgefonds.

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    Walmsleys Plan sah bisher vor, die Sparte im Sommer an die Börse zu bringen und einen Anteil zu behalten. Aber die Firma würde wohl auch einem Verkauf zustimmen, wenn der Preis stimmt. Ob Verkauf oder Börsengang: Walmsley will den erwarteten Milliardenerlös in die Entwicklung der eigenen Pharma-Pipeline investieren. Hier hinkt der Konzern seit Jahren dem britischen Rivalen Astra-Zeneca hinterher, was sich auch im Aktienkurs niederschlägt. Auf jenen wirkte sich die Unilever-Offerte allerdings positiv aus: Die GSK-Aktie stieg zwischenzeitlich um bis zu sechs Prozent.

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