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11.06.2018

10:24

Der deutsche Discounter hat nun erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Reuters

Lidl

Der deutsche Discounter hat nun erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt.

Lidl-Nachhaltigkeitsbericht

Warum Discounter ihr grünes Gewissen entdecken

Von: Florian Kolf

Nach Aldi hat nun auch Lidl einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Kein Wunder – denn das Bio-Geschäft der Discounter wächst rasant.

Düsseldorf Nun wagt sich auch Lidl aus der Deckung: An diesem Montag hat der Discounter erstmals in seiner Unternehmensgeschichte einen Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. „Mit unserem ersten Nachhaltigkeitsbericht wollen wir unsere Leistungen, Maßnahmen und Ziele gebündelt messbar und für jeden einsehbar machen“, erklärt Carolyn Hutter, Leiterin CSR/Nachhaltigkeit bei Lidl Deutschland.

Lidl ist unter den großen deutschen Unternehmen einer der Nachzügler in diesem Bereich. Nach einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung hatten bereits im Jahr 2015 von den 150 größten deutschen Unternehmen 72 einen Nachhaltigkeitsbericht oder einen integrierten Geschäftsbericht veröffentlicht. Die größten Lidl-Konkurrenten, Aldi Süd und Aldi Nord, zogen dann 2016 mit eigenen Berichten nach.

Dass Lidl nun auch auf den Trend aufspringt, hat einen einfachen Grund. Immer mehr Kunden lassen sich beim Einkauf von ökologischen Gesichtspunkten leiten. Und nur Unternehmen, die sich zur Nachhaltigkeit bekennen, dürften bei diesen Konsumenten auf Dauer glaubwürdig sein. Auch der demonstrative Verzicht auf Plastiktüten im deutschen Handel soll darauf einzahlen.

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Für Marktforscher ist Bio „der erfolgreichste Trend überhaupt“. Fast 10 Milliarden Euro gaben Deutschen im vergangenen Jahr für ungespritztes Obst und Biofleisch aus. Und das Wachstum hält an.

„Jungen Verbrauchern sind Nachhaltigkeit, Transparenz und Ethik wichtiger als der Generation vor ihnen“, beobachtet Boris Planer, Handelsexperte des Marktforschers Planet Retail. Da junge Menschen immer später Kinder bekommen und länger in Zweierbeziehungen mit doppeltem Einkommen leben, hätten sie außerdem eine hohe Kaufkraft. „Das will auch ein Lidl anziehen“, so Planer.

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Standort erkennen

    Lidl hat in seinem Bericht nicht nur seine ganze Lieferkette nach Nachhaltigkeitskriterien untersucht. Das Unternehmen hat sich auch ganz konkrete Ziele für die Zukunft gesetzt. So soll langfristig das Fleisch der Eigenmarken zu 100 Prozent gentechnikfrei sein.

    Außerdem soll bis 2020 das Detox-Commitment zur Vermeidung gefährlicher Chemikalien in der Textilproduktion umgesetzt sein. Daneben will der Discounter jede neue Filiale mit einer E-Tankstelle ausrüsten und den Zucker- und Salzgehalt in den Eigenmarkenprodukten gesenkt werden.

    Aber es bleibt nicht nur bei Nachhaltigkeitsberichten. Alle Discounter haben in jüngster Zeit zahlreiche Initiativen gestartet, um sich mit einem grünen Gewissen zu schmücken und so die Bio-Klientel zu umwerben.

    Was wirklich hinter den Siegeln steckt

    Bio

    Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.

    Fairtrade

    Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.

    FSC

    Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.

    MSC

    Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.

    PEFC

    Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.

    UTZ

    Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.

    V

    Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

    So hat die Rewe-Tochter Penny jüngst die neue Produktlinie „Naturgut Junior-Helden“ gestartet, mit der sie Landwirte zum Umstieg auf Bio bewegen will. Der Clou: Der Discounter zahlt den Bauern einen Aufpreis für die Produkte in der Zeit, in der sie im Umstieg sind, ihre Waren aber noch nicht „Bio“ nennen dürfen.

    Mit solchen Aktionen wollen die Discounter den Anteil der Bioprodukte in ihrem Sortiment erhöhen. Denn damit können sie sich ein Stück weit dem selbst geschürten Preiswettbewerb entziehen. Denn Verbraucher sind Studien zufolge durchaus bereit, für Biolebensmittel und regionale Produkte tiefer in die Tasche zu greifen.

    Marktführer beim Thema Bio sind unter den Discountern nach den Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung die Aldi-Schwestern. So hat Aldi Süd rund 240 Bio-Produkte im Sortiment, Aldi Nord sogar schon 350. Und beide wollen ihr Angebot in diesem Jahr noch deutlich aufstocken.

    Kein Wunder, wächst das Geschäft mit Bio-Lebensmitteln doch rasant. Gaben die Deutschen nach Berechnungen des Forschungsinstituts für biologischen Landbau im Jahr 2000 noch gerade mal 25 Euro pro Kopf für ökologisch produzierte Lebensmittel aus, waren es 2016 schon mehr als 116 Euro. Damit stieg der Anteil dieses Segments am gesamten Lebensmittelhandel von 1,4 auf 5,1 Prozent.

    Damit geben die Deutschen bereits fast zehn Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel aus. Und mehr als eine Milliarde Euro dieses Umsatzes landet mittlerweile schon bei den Discountern.

    Das kann und will sich auch Lidl natürlich nicht entgehen lassen. „Oft ist vielen nicht bewusst, seit wie vielen Jahren wir uns bereits aktiv für mehr Nachhaltigkeit engagieren“, sagt Nachhaltigkeitsmanagerin Hutter. Das soll der Nachhaltigkeitsbericht nun ändern. Doch ob die Kunden den wirklich lesen – das steht auf einem ganz anderen Blatt.

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