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28.02.2022

03:55

Lieferketten

Gestörte Zugstrecken, Lkw-Engpässe, gesperrter Luftraum: Ukraine-Krieg bedroht deutsche Versorgungswege

Von: Christoph Schlautmann, Jens Koenen

Luftraum gesperrt, „Eiserne Seidenstraße“ und Seefracht unterbrochen, ukrainische Lkw-Fahrer eilen zurück in die Heimat: Deutschland drohen Lieferengpässe.

Der Ukrainekrieg sorgt für massive Störungen auf der Eisernen Seidenstraße. Duisport

Chinazug-Endstation im Duisburger Hafen

Der Ukrainekrieg sorgt für massive Störungen auf der Eisernen Seidenstraße.

Düsseldorf Der Ukrainekrieg sorgt in Deutschland für erste Lieferengpässe. Im Volkswagen-Werk in Zwickau ruht in dieser Woche an vier Tagen die Arbeit. Auch in Dresden müssen die Beschäftigten an drei Tagen zu Hause bleiben. Der Produktionsstopp an den beiden Volkswagen-Standorten geht vor allem auf fehlende Kabelbäume zurück, die bei Zulieferern in der Ukraine gefertigt werden.

Schon nach wenigen Tagen macht sich der Krieg in Europa in der Lieferkette in der deutsche Autobranche bemerkbar. Doch auch andere Industrien dürften bald von ausbleibenden Lieferungen betroffen sein. Ein Überblick über die Problemstellen der Logistik.

Ukraine-Krieg: Deutschland drohen Lieferengpässe

Im Duisburger Hafen soll in wenigen Tagen der erste Spatenstich für den größten Hinterland-Frachtterminal Europas gesetzt werden. Die Aufgabe des „Duisburg Gateway Terminals“, der spätestens 2023 in Betrieb gehen soll: die Abfertigung von wöchentlich 100 Güterzügen aus China.

Ob demnächst überhaupt noch Eisenbahn-Container aus Fernost in die Ruhrgebietsstadt einrollen, ist angesichts des Ukraine-Kriegs ungewiss. Die Schienenverbindung von Chinas Ostküste in den Westen ist seit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine dort unterbrochen.

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    Zugverkehr wegen Krieg in Ukraine gestört

    Über die Nordroute, die unter anderem durch Belarus führt, gibt es derzeit widersprüchliche Meldungen. „Dort fahren noch Züge“, sagt ein Sprecher der Bahn-Tochter DB Schenker, andere berichten von Unterbrechungen. Bei der Far East Land Bridge (FELB), einem Tochterunternehmen der russischen Eisenbahngesellschaft RZD, will man sich auf Anfrage nicht äußern.

    In den vergangenen Monaten hatte die Gleisverbindung einen Boom erlebt. Weil Containerschiffe ihre Reise aus Asien nur noch unregelmäßig antraten und enorme Verspätungen einfuhren, wichen viele Verlader für eilige Sendungen auf Güterzuge aus. Wenn diese nun auch nur zum Teil ausfallen, könnten sich die Lieferengpässe wieder verschärfen.

    „China wird ein Interesse daran haben, dass die Strecke erneut in Betrieb genommen wird“, spricht sich ein Manager im Duisburger Hafen selbst Mut zu. „Peking wird hier sicherlich Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin ausüben.“ Aktuell kämen immer noch Container über die Schiene an.

    Nordroute durch Russland für Zugverkehr angeblich noch intakt

    Noch. Denn eine Umfahrung Russlands und der Ukraine mit dem Zug ist mit aufwendigen Schiffspassagen verbunden. Der sogenannte Mittelkorridor, die „Putin-freie-Strecke“, wie sie Frachtexperten nennen, führt durch das Kaspische und das Schwarze Meer nach Bulgarien. Für Lieferungen aus China nach Südeuropa ist womöglich noch interessant, für eine Verbindung bis ins Ruhrgebiet aber wohl zu umständlich.

    Unklar bleibt, wie lange die bislang angeblich noch in Betrieb befindliche Nordroute der Eisernen Seidenstraße durchhalten wird. Ein im Russlandgeschäft erfahrener Manager berichtet von großen Sorgen russischer Transportfirmen. Zum einen fürchtet man dort Cyberattacken, die etwa Zugverbindungen außer Betrieb setzen können, zum anderen könnte es künftig schwere Hindernisse bei der Bezahlung geben.

    Europäischer Luftraum für Russland gesperrt

    Der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine hat auch immer größere Auswirkungen auf das Luftfrachtgeschäft. Zwar werden die wichtigsten Exportartikel des Landes wie Getreide oder Stahl in der Regel nicht auf dem Luftweg transportiert.

    Da die EU den europäischen Luftraum am Samstagabend für russische Airlines gesperrt hat, waren europäische Fluggesellschaften ihrerseits angehalten, nicht mehr über russisches Gebiet zu fliegen. Lufthansa hat noch am Samstag reagiert und wird den russischen Luftraum in den nächsten sieben Tagen nicht mehr nutzen. Russland reagierte seinerseits mit Luftraumsperrungen.

    Das hat Folgen für den Frachtverkehr. Sowohl die Frachter als auch die Passagiermaschinen, in deren Bäuchen ebenfalls Waren befördert werden, müssen umgeleitet werden. Lufthansa Cargo erarbeitet laut einer Sprecherin Alternativszenarien, um den russischen Luftraum südlich zu umfliegen. „Dadurch sind Anpassungen am Flugplan unvermeidlich.“

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    Sorgen macht man sich auch bei der russischen Luftfracht-Airline Volga-Dnjepr. Die Transportfluggesellschaft, die auch am Flughafen Halle-Leipzig stationiert ist und weltweit durch ihre zeitweise zehn spektakulär großen Antonov-124-Frachter bekannt wurde, dürfte vor erheblichen Herausforderungen stehen. Zwar sind die meisten ihrer übrigen 25 Frachtmaschinen vom Typ Boeing 747, Boeing 737 und Boeing 777, die sie über die Tochterfirma Air Bridge Cargo betreibt, aus steuerlichen Gründen mit der Länderkennung „VQ-B“ auf den Bermudas registriert. Sitz der geschäftsführenden Gesellschaft aber ist Moskau.

    Sie unterliegt deshalb dem Lieferstopp für Flugzeug-Ersatzteile, der als Teil der Sanktionen gegen Russland geplant ist. Die damit verbundenen Flugausfälle wiederum träfen ausgerechnet einen Großkonzern aus China: Amazon-Rivale Alibaba gilt als einer der Hauptkunden von Volga-Dnjepr.

    Lkw-Fahrermangel dehnt sich wegen Ukraine-Krieg aus

    Einschränkungen sind auch auf der Straße zu erwarten. Den ohnehin schon von vielen Transportfirmen beklagten Fahrermangel hat der Ukrainekrieg noch einmal verschärft. Probleme bereiten Subunternehmer und Firmentöchter aus Polen und Litauen, die in Deutschland bislang einen erheblichen Anteil am Warentransport leisten. So steuert der deutsche Lkw-Transporteur Hegelmann einen Großteil seiner 6000 Trucks aus den beiden osteuropäischen Ländern. Einer der größten Lkw-Frachtanbieter in Westeuropa ist darüber hinaus die Unternehmensgruppe Girteka im litauischen Vilnius.

    Den Firmen aber kommen seit der russischen Invasion die Mitarbeiter abhanden. „103.000 ukrainische Fahrer sind bei polnischen Transportunternehmen beschäftigt“, sagt Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Speditionsverbands DSLV. „22.000 weitere stammen aus Weißrussland.“ Zum Vergleich: In ganz Deutschland sind gerade einmal 572.000 Fahrer beschäftigt.

    Grafik

    Thomas Hansche, Sprecher des Bundesverbands Logistik und Verkehr (BLV-pro), fürchtet: „Jetzt im Kriegsfall werden diese Fahrer nach Hause fahren, um ihren Familien beizustehen oder Dienst an der Waffe zu leisten.“ Schon mit den ersten Berichten über Kampfhandlungen hätten viele Fahrer unmittelbar die Arbeit niedergelegt, bestätigt ein Frachtbörsen-Manager.

    Kunden hätten berichtet, dass Fahrer ihre Lastwagen einfach am Straßenrand abgestellt und den Schlüssel an einer Tankstelle abgegeben hätten, um schnellstmöglich zu ihren Familien zurückzukehren. Zudem dürfen erwachsene Ukrainer im arbeitsfähigen Alter derzeit aufgrund der Mobilmachung das Land nicht mehr verlassen.

    Der BLV erwartet in der Folge „englische Verhältnisse“ in Deutschland. Auf der britischen Insel war vor einem Jahr die Versorgung von Supermärkten und Tankstellen zusammengebrochen, nachdem die Regierung in Folge des Brexits osteuropäische Beschäftigte des Landes verwies.

    Schiffsanläufe in die Ukraine gestoppt

    Personalengpässe drohen auch im Schiffsverkehr. Nach Berechnungen der International Chamber of Shipping (ICS) stammen 14,5 Prozent aller Seeleute aus der Ukraine und Russland. Engpässe sind schon deshalb programmiert, weil die Ukraine am Freitag allen Männern bis 60 Jahre aufgrund der Landesverteidigung untersagte, das Land zu verlassen.

    Gleichzeitig stellten die Containerreedereien Hapag-Lloyd, Maersk, CMA CGM und MSC ihre Anläufe ukrainischer Häfen ein. Buchungen für den Zielhafen Odessa seien nicht möglich, teilte etwa der französische Seefahrtkonzern CMA CGM mit. Dort hatte der in Hamburg beheimatete Terminalbetreiber HHLA seine 480 Mitarbeiter zu Kriegsbeginn nach Hause geschickt.

    Die meisten Containerschiffe werden nun in den rumänischen Port Constanza, nach Tripolis oder Piräus umgeleitet. „Vor allem in Griechenland gibt es schon jetzt die ersten Staus“, berichtet DSLV-Experte Huster. Die gute Nachricht dabei: Auf Deutschland habe dies voraussichtlich kaum Auswirkungen.

    Engpässe in der Landwirtschaft wegen Ukraine-Konflikt

    Krieg und Sanktionen könnten auch in der Landwirtschaft zu einschneidenden Engpässen führen. Die Ukraine gilt mit ihren fruchtbaren Ackerböden als „Kornkammer Europas“. Zuletzt fuhr das Land eine Rekordernte von 33 Millionen Tonnen Weizen ein. Das Gros der geplanten Exporte in Höhe von 24 Millionen Tonnen wurde bereits ausgeliefert. Der Krieg droht allerdings Aussaat und Ernte in diesem Jahr massiv zu gefährden.

    „Es ist davon auszugehen, dass diese Lieferungen dramatisch zurückgehen werden – entweder durch politischen Willen Russlands, durch regionale Zerstörung oder auch schlichtweg durch Sanktionen des Westens“, sagt Thomas Böckelmann, Managing Director beim Vermögensverwalter Euroswitch.

    Käme es im Sommer kriegsbedingt zu weitgehenden Ernteausfällen etwa von Weizen aus der Ukraine, könnte dies Hungersnöte vor allem in Afrika auslösen. Viele Länder dort können sich nicht selbst versorgen und sind auf Nahrungsmittelimporte angewiesen. Extrem verteuerte Agrarprodukte können die Ärmsten der Welt nicht bezahlen.

    Mitarbeit: Larissa Holzki, Katrin Terpitz, Bert Fröndhoff, Stefan Menzel

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