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31.03.2022

16:17

Logistik

Jungheinrich erzielt Rekordergebnis – bleibt für 2022 aber vorsichtig

Von: Anja Müller

Der MDax-Konzern hat das beste Geschäftsjahr seiner Geschichte hingelegt, gab kürzlich jedoch eine Gewinnwarnung für 2022 heraus. Der Aktienkurs fällt leicht.

Jungheinrich obs

Produktion eines Elektro-Gabelstaplers im Jungheinrich-Werk Moosburg

Für dieses Jahr rechnet das Management mit einem Rückgang des operativen Ergebnisses.

Düsseldorf Das Geschäftsjahr 2021 war für den Gabelstapler-Hersteller und Intralogistik-Spezialisten Jungheinrich das erfolgreichste seiner Firmengeschichte. Sie hätten sich bei dem Hamburger Familienunternehmen gerne länger darüber gefreut, sagte CEO Lars Brzoska bei der Bilanzpressekonferenz am Donnerstagmorgen.

Die anhaltenden Krisen und der Krieg Russlands gegen die Ukraine verhinderten dies aber: „Die letzten Monate, die letzten Wochen und die letzte Woche speziell haben dazu beigetragen, dass wir die Prognosen nicht mehr halten konnten.“

Jungheinrich hatte bereits vor genau einer Woche eine Gewinnwarnung herausgegeben: Das Unternehmen könne die Markterwartungen nicht erfüllen. Daraufhin war der Aktienkurs deutlich gesunken, um mehr als zehn Prozent auf 27,64 Euro.

Jungheinrich hatte sich nicht auf konkrete Zahlen bei der Prognose für das laufende Jahr festgelegt. Der Auftragseingang würde leicht unter dem von 4,9 Milliarden Euro im Jahr 2021 liegen, der Umsatz leicht darüber. Dieser lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei 4,2 Milliarden Euro und damit elf Prozent über dem im Jahr 2020. Der Betriebsgewinn werde aber deutlich unter dem von 2021 in Höhe von 360 Millionen Euro liegen. Dieser war 2021 um 65 Prozent gestiegen, die Ebit-Marge lag bei 8,5 Prozent.

Brzoska schlug eine Dividende von 0,68 Euro für die Vorzugsaktien vor, was einer Steigerung von 36 Prozent entspricht. Das 1953 gegründete Familienunternehmen wird von den Inhaberfamilien Wolf und Lange bestimmt, die alle Stimmrechtsaktien halten. Nach der Bekanntgabe der Geschäftszahlen war der Aktienkurs von Jungheinrich bis zum Nachmittag um mehr als ein Prozent auf 26,42 Euro gefallen.

Sorgen um den Stahlpreis

Brzoska führte bei der Bilanzvorlage aus, dass nicht der Krieg allein zu den niedrigeren Prognosen führte. Auch deutlich höhere Materialpreise, Beschaffungsrisiken, Lieferkettenprobleme, der Chipmangel und der Lockdown im chinesischen Schanghai trotzen der bislang guten Marktnachfrage. „Schon seit Beginn der Pandemie haben wir eine Taskforce für die Lieferketten“, sagte Brzoska.

Er betonte, wie deutlich auch der Stahlpreis bereits vor Ausbruch des Krieges angezogen habe. Mittlerweile sei sogar eine Vervierfachung des Preises im Vergleich zu Anfang 2021 denkbar. Damals lag dieser bei rund 500 Euro pro Tonne. „Solch dramatische Stahlpreissteigerungen waren natürlich nicht in unseren ursprünglichen Planungen enthalten“, erläuterte der CEO.

Grafik

Einen Tag nach Ausrufen der Frühwarnstufe für die Gasversorgung durch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte Brzoska, man sei sicher nicht so abhängig wie andere energieintensive Industrie. „Aber auch wir haben einen nennenswerten Gasverbrauch“, erklärte er weiter.

Jungheinrich wäre von einer Gasabschaltung damit direkt wie indirekt betroffen. „Wenn beispielsweise unsere Stahllieferanten infolge eines Gasstopps nicht mehr liefern könnten, wäre das für uns natürlich ein herber Einschnitt. Die Weltuntergangsstimmung einiger teile ich aber nicht.“

Der Manager und auch sein Finanzvorstand Volker Hues sind nun extrem vorsichtig. Sie hatten bereits im Jahr 2019 früh die Aktionäre informiert, als sich ein Rückgang der Prognosen abzeichnete. Sie müssten auch schlechte Nachrichten schnell transparent machen, begründeten Hues und Brzoska.

Brzoska bleibt bei Lieferstopp nach Russland

Letzterer hatte sich bereits Anfang März in einem Gespräch mit dem Handelsblatt für einen Stopp russischer Energielieferungen ausgesprochen. Hierzulande sollte die Diskussion über eine werteorientierte Unternehmensführung intensiver geführt werden, ergänzte Brzoska: „Schon allein deswegen, weil wir zwar ein Lieferkettengesetz haben, dieses sich aber bisher nur auf Unternehmen, nicht auf Staaten bezieht. Ob das konsequent ist, stelle ich zur Diskussion.“

Es gebe ganz wenige Unternehmen, die sagen, sie gäben alles in Russland auf. „Ein anderer ebenfalls kleiner Teil sagt, wie wir, dass sie ihr Exportgeschäft stoppen. Beides ist aus meiner Sicht verantwortungsbewusst und richtig. Keine Konsequenzen aus diesem Krieg zu ziehen fände ich jedenfalls falsch.“

Jungheinrich ist sowohl in der Ukraine als auch in Russland aktiv, allerdings nur mit Vertriebseinheiten. Das Unternehmen hatte aber nach Kriegsausbruch alle Lieferungen nach Russland eingestellt. Dabei bleibe es, betonte Brzoska im Gespräch mit dem Handelsblatt, sagte aber auch: „Wir haben ein klares Bekenntnis zu unserem Team abgegeben. Schließlich haben wir auch eine Verantwortung gegenüber den russischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihren Familien.“

Die Mannschaft betreibe das lokale Geschäft mit dem weiter, was schon im Land sei – natürlich unter strikter Einhaltung der Sanktionen, wie der Firmenchef ergänzt.

In der Ukraine beschäftigt Jungheinrich 83 Mitarbeitende. Sie arbeiteten, so gut es gehe, in Regionen, in denen das überhaupt noch möglich sei – vor allem im Westen des Landes. Jungheinrich unterstütze sie in vielerlei Hinsicht. Familienangehörige wurden in Polen, aber auch in anderen Anrainerländern sowie Deutschland aufgenommen. Jungheinrich war im September 2021 nach drei Jahren in den MDax zurückgekehrt.

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