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07.11.2022

15:19

Logistik

Nachhaltiges Liefer-Start-up Liefergrün wirbt Personal von Hermes und Amazon ab

Von: Florian Kolf

Der erfahrene Logistikmanager Nils Fischer soll als neuer Geschäftsführer den Betrieb professionalisieren. Dadurch soll die Expansion noch mal an Tempo zulegen.

Gründer Niklas Tauch (links) hat Nils Fischer als Co-Geschäftsführer geholt.

Liefergrün

Gründer Niklas Tauch (links) hat Nils Fischer als Co-Geschäftsführer geholt.

Düsseldorf Das Liefer-Start-up Liefergrün will mit einem neu formierten Management etablierte Paketdienste angreifen. Der erfahrene Logistikmanager Nils Fischer wird Co-Geschäftsführer und soll als Leiter des operativen Geschäfts die Expansion absichern.

Fischer hatte 2014 das Start-up Liefery gegründet. Nachdem Liefery 2021 vom Mehrheitseigentümer Hermes geschlossen worden war, war Fischer beratend für Liefergrün tätig. Nun übernimmt er operative Verantwortung und hat zusammen mit Gründer Niklas Tauch ambitionierte Pläne.

Während Start-ups aus dem Lieferbereich wie Gorillas Probleme haben, frisches Geld zu bekommen, ist die Expansion von Liefergrün finanziert. Investoren haben gerade weitere zwölf Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das liegt auch daran, dass Liefergrün einen anderen Ansatz hat: Das Unternehmen will nicht immer schneller liefern, sondern eine komplett emissionsfreie Auslieferung anbieten.

Expansion ins Ruhrgebiet, nach Rhein-Main und München geplant

„Viele Kunden verbinden mit dem Kauf im Internet ein schlechtes Gefühl, das wollen wir ändern“, sagt Gründer Tauch. Liefergrün soll die nachhaltige Alternative mit Lastenrädern und Elektro-Vans werden – die Logistik aber nicht neu erfinden. „Wir verbinden das Beste aus allen Welten“, erklärt Neu-Geschäftsführer Fischer.

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Standort erkennen

    Um den Betrieb zu professionalisieren und die Etablierten zu schlagen, haben sie etliche Leute dort abgeworben. So leitet den Vertrieb von Liefergrün Stephan Böhm, der zuvor Regionalvertriebsleiter bei Hermes war. Jüngster Neuzugang ist Dennis Schulz von Amazon Logistics.

    „Wenn man etwas groß machen will, braucht man Leute mit Erfahrung und Netzwerk“, sagt Liefergrün-Chef Tauch. Für Nils Fischer bedeutet der neue Job bei Liefergrün eine komplett andere Rolle als vorher. War er bei Liefery der visionäre Gründer, sieht er sich jetzt als „ordnende Hand“ hinter Gründer Tauch, der weiter die Strategie verantwortet.

    Die Konkurrenz baut die nachhaltige Zustellung ebenfalls aus. dpa

    Neues Amazon-Logistikzentrum in Helmstedt

    Die Konkurrenz baut die nachhaltige Zustellung ebenfalls aus.

    Fischer sagt: „Wir brauchen die richtige operative Struktur, um das rasante Wachstum bewältigen zu können.“ So ist das Unternehmen gerade erst in Österreich gestartet, dem ersten Auslandsmarkt. Auch der Leiter des dortigen Geschäfts, Sascha Sauer, war zuvor bei Hermes Logistik.

    Der nächste Schritt ist, das Geschäft in Deutschland auf weitere Städte auszuweiten. So werden unter anderem das Ruhrgebiet, das Rhein-Main-Gebiet und München dazukommen. „Wir wollen mit unserem Service im kommenden Jahr 30 bis 35 Prozent der Konsumenten abdecken“, erklärt Neu-Geschäftsführer Fischer.

    Die Zeit drängt, weil die Konkurrenz die nachhaltige Zustellung ebenfalls ausbaut. So hat Hermes angekündigt, ab Ende 2023 in ganz Hamburg nur noch vollelektrisch auszuliefern. Und Amazon Logistics will noch dieses Jahr die beim Start-up Rivian bestellten E-Lieferwagen auch in Deutschland einführen.

    Adidas, Dyson und H&M als Kunden gewonnen

    Ein wichtiger Faktor für das Wachstum ist, dass Liefergrün von Anfang an auf die Zusammenarbeit mit großen Marken gesetzt hat. So arbeitet das vor zwei Jahren gegründete Start-up bereits mit Adidas und Dyson zusammen. Als erster großer Modehändler ist jetzt H&M dazugekommen.

    Liefergrün arbeitet bei der Lieferung auch mit dem Dax-Konzern zusammen. imago images/Schöning

    Adidas in Berlin

    Liefergrün arbeitet bei der Lieferung auch mit dem Dax-Konzern zusammen.

    Ein Problem ist, dass die Preise für die emissionsfreie Lieferung von Liefergrün immer noch bis zu 20 Prozent über den Preisen der etablierten Branchengrößen liegen. Das könnte bei den aktuell schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen das Geschäft bremsen.

    Das zeigt eine aktuelle Studie der E-Commerce-Beratung ECC Köln. So gaben 58 Prozent der befragten Verbraucher an, dass eine nachhaltige Lebensweise angesichts der hohen Inflation schwer mit einem hohen Lebensstandard vereinbar sei. Julia Frings vom ECC mahnt: „Händler kommen nicht mehr umhin, Nachhaltigkeit in ihrem Geschäftsmodell aktiv mitzudenken – wer jetzt nicht dabeibleibt, verliert die Konsumentinnen der Zukunft.“

    Fischer sieht genau dieses Bewusstsein bei vielen Marken, mit denen sie zusammenarbeiten. „Viele sind bei den Preisen gesprächsbereit“, beobachtet er. Die Unternehmen seien weiterhin bereit, auch in die Nachhaltigkeit der Lieferung Geld zu investieren.

    Liefergrün will sich aber nicht nur bei der nachhaltigen Zustellung von den Konkurrenten absetzen. Mit neuen Services will das Unternehmen zur Marke bei den Konsumenten werden. So testet das Unternehmen etwa in einem Pilotversuch die Abholung von Retouren direkt beim Kunden – ein Service, der Kunden sehr wichtig ist.

    Gründer Tauch ist sich sicher, dass es für immer mehr Kunden wichtig ist, von wem sie beliefert werden. „Die Lieferung“, prognostiziert er, „wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal im Onlinehandel.“

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