Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

23.03.2022

10:57

Logistik

Spediteure klagen über hohen Dieselpreis: „Überlegen, ob wir die Fahrzeuge nicht einfach stehen lassen“

Von: Christoph Schlautmann

Der Wittenberger Fuhrunternehmer Detlef Benecke sagt: „Wir zahlen bei jedem Auftrag drauf“. Er fürchtet um seine Existenz – wie viele andere.

„Überlegen, ob wir die Fahrzeuge nicht einfach stehen lassen.“ Pressebild

Wittenberger Spediteur Detlef Benecke

„Überlegen, ob wir die Fahrzeuge nicht einfach stehen lassen.“

Düsseldorf Die Fahrt ins Büro versetzte Detlef Benecke, so jedenfalls erzählt es der Spediteur aus dem brandenburgischen Wittenberge, an diesem Morgen unter Schock. 2,34 Euro habe die Tankstelle im Ort an der Dieselzapfsäule pro Liter verlangt, 64 Cent mehr, als er Anfang Januar in seinen Frachtverträgen kalkulierte.

Der kräftige Fuhrunternehmer mit dem weißblonden Haarschopf sitzt an seinem vollbepackten Schreibtisch, hinter sich zwei Grünpflanzen auf dem Fensterbrett, und redet sich in Rage. „Wir haben schon vorher nur 20 bis 60 Euro pro Tag an jedem Lkw verdient“, sagt er. „Jetzt zahlen wir 30 bis 40 Euro drauf.“

Schuld sind der seit dem Ukrainekrieg stark gestiegene Ölpreis, die Spekulation auf den Rohstoffmärkten, aber auch der deutsche Fiskus. Neben der Energiesteuer von 47 Cent, die der Staat auf den Liter Diesel draufschlägt, werden seit Januar rund 7,7 Cent an CO2-Abgabe fällig – 1,5 Cent mehr als im Vorjahr. 19 Prozent Mehrwertsteuer kommen zum Gesamtpreis noch hinzu, sodass das Finanzamt an den gestiegenen Dieselpreisen kräftig mitverdient.

Sorgenvoll blickt Benecke durchs Fenster runter auf den Betriebshof, auf dem seine Firma Debe Transporte erst vor sieben Jahren eine professionelle Werkstatt eingerichtet hat. Jeden Tag produziere der Fuhrpark, eine Lkw-Flotte aus Tiefkühl-, Schüttgut-, Planen- und Tank-Trucks der Marken Iveco und MAN, derzeit rote Zahlen. Oft sei es besser, die Fahrzeuge einfach stehen zu lassen, sagt er. „Wir entscheiden täglich im Einzelfall, ob wir die Tour überhaupt antreten. Sonst sind wir pleite.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der 59-Jährige ist nur einer von deutschlandweit 47.000 Lkw-Transporteuren, die unter den steigenden Dieselpreisen leiden. Wer sein Fahrzeug bewegt, bestätigt Annette Weiss, geschäftsführende Gesellschafterin der Spedition Weiss Transporte auf der Schwäbischen Alb, steuere spätestens bei einem Dieselpreis von 2,50 Euro geradewegs in die Insolvenz.

    Lkw-Streiks bremsen den Autobahnverkehr aus

    Am Mittwoch vergangener Woche gaben Brummifahrer in Nordrhein-Westfalen bereits einen Vorgeschmack, welche Protestwelle auf ganz Deutschland zurollen könnte. Zwar gelang es den Behörden noch rechtzeitig, per „Gefährderansprache“ eine Lkw-Blockade auf der Kölner Stadtautobahn zu verhindern. Anschließend aber kurvte gut ein Dutzend Trucks laut hupend durch die City der Domstadt. „Dieselpreis zu hoch“, hatten sie auf ihre Transparente geschrieben, „Ihr macht uns alle kaputt!“

    Im Ruhrgebiet eskalierte die Situation am selben Tag an gleich zwei Stellen. Auf der A2 bei Dortmund bremsten laut Polizei drei Laster den Verkehr auf Schrittgeschwindigkeit aus, bei Gelsenkirchen versperrten drei Lkws die A42. Durch die verursachten Staus, berichteten die Ordnungshüter, sei es auf den Autobahnen zu drei Unfällen gekommen.

    Die Speditionsbranche leidet derzeit besonders unter den hohen Dieselpreisen. imago/Frank Sorge

    Lkw auf der Autobahn

    Die Speditionsbranche leidet derzeit besonders unter den hohen Dieselpreisen.

    Auch rund um Berlin schafften es erboste Spediteure auf der A10 und A111, den Verkehr durch „Schleichfahrten“ zu verlangsamen. An das gedrosselte Lkw-Tempo, machten zahlreiche Fuhrunternehmen in der vergangenen Woche deutlich, müssten sich Autofahrer auf Deutschlands Straßen nun wohl gewöhnen. Damit versuche man, angesichts der astronomischen Dieselpreise zumindest etwas Sprit zu sparen.

    Mancher Wettbewerber, berichtet der Wittenberger Spediteur Detlef Benecke, habe einen Teil des Fuhrparks schon stillgelegt, eine Spedition im nahen Pritzwalk neulich geschlossen. Dort stünden nun sieben Fahrzeuge still.

    Und auch er selbst denkt laut über das Einstellen bisheriger Fahrrouten nach – mit möglicherweise bitteren Folgen: Für einen Lebensmittelgroßhändler im Nachbarort steuert er im Linienverkehr Gaststätten, Supermärkte und Kantinen in ganz Brandenburg an. Fallen die Touren aus, bleiben Kochtöpfe und Regale leer.

    Preisanpassungsklauseln funktionieren nicht

    Schuld an der Misere ist besonders auch die Geschwindigkeit, in der die Spritpreise zuletzt nach oben schnellten. Zwar arbeitet die Transportbrache üblicherweise mit Preisanpassungsklauseln, den sogenannten „Diesel-Floatern“. Die aber greifen zum Leidwesen der Fuhrunternehmer erst mit wochenlanger Verzögerung.

    Wird der Treibstoff teurer, haben sie sich zunächst sechs bis acht Wochen zu gedulden. Erst wenn das Statistische Bundesamt den Preissprung im Nachgang bestätigt, dürfen die Transporteure ihre Frachtraten nach oben anpassen.

    Mächtige Auftraggeber wie die Post-Speditionstochter DHL zeigen sich von der Misere höchst unbeeindruckt. „Wir behandeln unsere Lieferanten immer fair“, gibt sich Vorstandschef Frank Appel auf Anfrage vage. Die Transsportfirmen müssten einfach nur fehlende Fahrbereitschaft signalisieren, um Preissteigerungen im Markt durchzusetzen. So einfach sei das.

    Mehr zum Thema Logistik:

    Die Krux: Vielen Fuhrunternehmen dürfte angesichts niedriger Umsatzmargen, die in der Vergangenheit die Marke von zwei bis drei Prozent selten überschritten, das Finanzpolster fehlen, einen solchen Druck über längere Zeit aufzubauen.

    „Die Folge ist“, warnt Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr (BGL), „dass den meisten Unternehmen in diesen Tagen vermutlich die Liquidität ausgeht.“ Denn für Preissprünge wie zuletzt seien die Diesel-Floater nicht ausgelegt.

    Auch Adblue wird teurer

    Seit Jahresbeginn hat sich der Lkw-Treibstoff nach Berechnungen des Verbands um 48 Prozent verteuert. Auch der Zusatzstoff „Adblue“, ein Erdgas-Nebenprodukt, ohne das ein Truck irgendwann zum Stehen kommt, sei kaum noch erschwinglich. „Die Gespräche mit unseren Mitgliedern sind dramatisch“, fasst Engelhardt die Lage zusammen.

    Benecke fühlt sich vom Staat verraten. Für das Unheil macht er die „Unfähigkeit der Politiker“ und generell den „Kapitalismus“ verantwortlich – dessen Freiheit er in den vergangenen drei Jahrzehnten freilich geschickt zu nutzen wusste. Vier Monate nach der Wende hatte der gebürtige Ostdeutsche sein Hobby, die Glasbläserei, zum Beruf gemacht. Um das Gewerbe baute er einen Geschenkartikel-Großhandel auf, für den er 1993 den ersten Lkw orderte.

    „Um die Spritkosten zu teilen, habe ich Ladungen aus der Nachbarschaft mitgenommen“, erinnert er sich. Heute ist der Geschenkhandel Geschichte, der Betriebshof mit 25 Trucks und Sattelschleppern belegt.

    Für deren Betrieb hat Benecke einen Dieselkontrakt mit dem Tanklogistiker Hoyer geschlossen, der zumindest die Firmenzentrale in Wittenberge noch mit vergleichsweise günstigem Treibstoff versorgt. „Im Sommer aber ist das Kontingent aufgebraucht“, fürchtet der brandenburgische Spediteur. „Ab dann wird es für uns eng.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×