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01.03.2023

11:29

Luftfahrt

China von Platz zwei verdrängt: Immer mehr Geschäftsreisen gehen nach Indien

Von: Jens Koenen

Die Zahlen des Reise-Dienstleisters Airplus zeigen eine steigende Nachfrage nach Flügen in das asiatische Land. Die Unternehmen suchen neue Märkte – auch in der Luftfahrt.

Lufthansa strebt eine enge Partnerschaft mit Air India an, um vom Wachstum in Indien zu profitieren. Bloomberg

Jet von Air India  setzt zur Landung in Mumbai an

Lufthansa strebt eine enge Partnerschaft mit Air India an, um vom Wachstum in Indien zu profitieren.

Frankfurt Wer im Auftrag seines Unternehmens unterwegs ist, reist immer häufiger nach Indien. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Lufthansa-Tochter Airplus, eines Geschäftsreise-Dienstleisters.

Laut der Analyse verdrängte Indien im vergangenen Jahr China von Platz zwei der beliebtesten Langstreckenziele im Business-Verkehr. Die USA bleiben auf Platz eins.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) war gerade erst in Indien – begleitet von einer Wirtschaftsdelegation. „Wir spüren eine verstärkte Nachfrage nach Indien“, sagte Oliver Wagner, der CEO von Airplus, dem Handelsblatt. Der Reiseexperte führt die neue Rangfolge auch auf die langen und strengen Corona-Maßnahmen in China zurück, die nun erst wieder gelockert wurden.

„Wir werden in den kommenden Wochen einen sprunghaften Anstieg der Reisen nach China sehen“, prognostiziert Wagner. China könne im zweiten Halbjahr bei den Geschäftsreisen wieder 60 Prozent des Vorkrisenniveaus erreichen.

Dennoch steht für den Airplus-Chef fest: „In Asien werden sich die Reiseschwerpunkte nachhaltig verschieben.“ Das passiert offensichtlich relativ schnell. Im Vorkrisenjahr 2019 hatte Indien im jährlichen Airplus-Ranking noch Platz fünf belegt.

Indien hat im vergangenen Jahr mit rund 1,41 Milliarden Menschen China (1,42 Milliarden Menschen) als bevölkerungsreichstes Land der Welt fast eingeholt. Experten gehen davon aus, dass Indien schon bald auf Rang eins stehen wird.

Allein wegen der schieren Größe ist das Land für die exportorientierte deutsche Wirtschaft ein attraktiver Markt. Hinzu kommt: Wachstum in Indien hilft den deutschen Unternehmen dabei, in Asien unabhängiger von China zu werden.

Export nach Indien wächst

Zwar beklagen viele Manager und Unternehmer die großen Hürden, etwa eine zu komplexe Bürokratie, Zollschranken und Handelshemmnisse. Doch wenn die indische Regierung Wort hält und die Hindernisse beseitigt, werden die Investitionen weiter steigen.

So verzeichnete der Maschinenbau-Verband VDMA im vergangenen Jahr für Indien ein Wachstum beim Exportvolumen von 28 Prozent auf knapp vier Milliarden Euro. Indien steht damit auf Platz 14 derjenigen Länder, die die meisten Maschinen und Anlagen aus Deutschland importieren.

Grafik

Siemens hat wiederum vor wenigen Wochen für seine Bahn-Sparte den bisher größten Einzelauftrag für Lokomotiven bekommen. Die staatliche indische Bahngesellschaft Indian Railways bestellte 1200 Elektroloks – Volumen einschließlich Service: rund drei Milliarden Euro.

„Indien entwickelt sich nicht graduell, dort gibt es Technologiesprünge“, sagte Marc Llistosella, der neue Chef von Knorr-Bremse. „Das ist ein permanenter Boom, schauen Sie sich die wachsende Mittelschicht an. Indien ist in der Entwicklungsgeschwindigkeit immer zwischen Europa und China.“

Nicht nur die fertigende Industrie hat deshalb ein Auge auf das Land geworfen, auch die Luftfahrtbranche. So will die Airplus-Mutter Lufthansa die Präsenz in Indien ausbauen. Konzernchef Carsten Spohr will im März mit einem Management-Team nach Mumbai reisen. Es wäre seine zweite Reise nach Indien innerhalb kurzer Zeit.

Bei seinem ersten Trip hat Spohr eine engere Zusammenarbeit mit Air India diskutiert. Die indische Fluggesellschaft soll zum Kern der heimischen Luftfahrt werden. Vor wenigen Tagen bestellte das Unternehmen bei Airbus 250 und beim Rivalen Boeing 220 Passagierflugzeuge, darunter auch einige Langstreckenflugzeuge.

Lufthansa-Chef Spohr will zusammen mit Air India, Singapore Airlines und dem US-Partner United Airlines ein internationales Netzwerk mit Drehkreuzen in Indien, Europa, Nordamerika und Singapur formen – um vom Wachstum in den Zukunftsmärkten Asiens zu profitieren. Wer von hier in Richtung Westen fliegt, soll das idealerweise über die Drehkreuze der Netzwerk-Partner machen und nicht über die der Golf-Airlines wie Emirates, Qatar Airways oder auch Etihad.

Zweite Indienreise innerhalb weniger Monate. IMAGO/HMB-Media

Carsten Spohr

Zweite Indienreise innerhalb weniger Monate.

Der Eigentümer von Air India, die indische Tata-Gruppe, hat die Besitzverhältnisse vor einigen Monaten neu sortiert. Der Billigableger Vistara, an dem Singapore Airlines beteiligt war, wird in Air India integriert. Im Gegenzug übernimmt Singapore Airlines 25,1 Prozent an Air India.

Mit seinem Netzwerk-Plan rund um Air India zielt Konzernchef Spohr auf eine wieder wachsende Zahl von Geschäftsreisenden. Airplus-Chef Wagner liefert dafür die Zahlenbasis und sieht ein Comeback der Dienstreisen. „Für dieses Jahr planen wir mit 90 Prozent des Vorkrisenniveaus. Vieles hängt aber natürlich von der weiteren Entwicklung in China ab.“

Ein spannender Markt wird die südliche Halbkugel werden. In Lateinamerika lag das Dienstreisen-Aufkommen schon im vergangenen Jahr über dem Vorkrisenniveau. Oliver Wagner, CEO von Airplus

Dabei sollte laut Wagner noch eine andere Region nicht aus dem Blick geraten. „Ein spannender Markt wird die südliche Halbkugel werden“, prognostiziert der Airplus-Chef: „In Lateinamerika lag das Dienstreisen-Aufkommen schon im vergangenen Jahr über dem Vorkrisenniveau.“

Die Daten zeigen, dass die Unternehmen im Schnitt wieder mehr Geld für eine Dienstreise ausgeben. „Wir kommen aus einer schwierigen Zeit, in den Unternehmen hat die Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter an Bedeutung gewonnen“, erklärt Wagner. Wer aus Gründen des Infektionsschutzes auf Abstand bedacht sei, fühle sich in der Business-Klasse wohler.

Außerdem haben die Firmen häufig kaum eine andere Chance, als teurere Flüge zu buchen. „Die Preise werden im Vergleich zu Pre-Covid hoch bleiben, auch wenn sich der starke Anstieg, den es 2022 gegeben hat, wahrscheinlich nicht wiederholen wird“, sagt Wagner.

Aber die Kapazitäten bei Flügen blieben knapp, auch weil sich China öffne. „Ein verringertes Angebot trifft auf eine starke Nachfrage, die nicht zuletzt durch die Privatreisenden getrieben wird.“ Da Privatreisen in der Regel früher gebucht würden, bleibe den Unternehmen häufig nur der Kauf teurer Tickets.“

Anders sieht die Entwicklung bei Reisen über kürzere Distanzen aus. Hier zeigen die Daten von Airplus, dass das Volumen noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau liegt. In diesem Segment werde die Erholung als Letztes kommen. Zudem gebe es Alternativen: „Flüge stehen hier in Konkurrenz zur Schiene und zur virtuellen Konferenz.“

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