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04.08.2022

12:44

Luftfahrt

Lufthansa macht plötzlich wieder Gewinn und will 10.000 Mitarbeiter einstellen – Flugprogramm weiter beschränkt

Von: Jens Koenen

Nach dem ersten Nettogewinn seit Corona-Ausbruch rechnet die Airline jetzt auch für das Gesamtjahr mit schwarzen Zahlen. Die Lufthansa-Aktie reagiert mit Gewinnen.

Die krisengeschüttelte Luftfahrtgesellschaft rechnet mit einem operativen Gewinn. Reuters

Lufthansa

Die krisengeschüttelte Luftfahrtgesellschaft rechnet mit einem operativen Gewinn.

Frankfurt Wird Krise für Lufthansa zur neuen Normalität? Das Management von Europas größter Airline-Gruppe scheint davon auszugehen. Man beobachte die Folgen des Kriegs in der Ukraine und die aufziehende Rezessionsgefahr genau, hieß es bei Vorlage der Quartalszahlen am Donnerstag. Doch die Zuversicht soll das nicht bremsen.

Für das Jahr 2022 erwartet das Team um Konzernchef Carsten Spohr ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von mehr als 500 Millionen Euro. Es wäre der erste Jahresgewinn seit Beginn der Pandemie.

„Die Perspektiven für die globale Luftfahrt sind exzellent“, sagte Spohr. „Die Zeit der Überkapazitäten, wie sie bis 2019 herrschten, sind vorbei.“ Gestützt wird die Prognose von guten Zahlen aus dem vergangenen Quartal. An der Börse wurden die Nachrichten positiv aufgenommen. Die Lufthansa-Aktie legte bis zum Donnerstagmittag um mehr als sechs Prozent zu.

Nicht nur die Ergebnisprognose untermauert den Optimismus. Lufthansa will im Rest des laufenden Jahres sowie im kommenden Jahr jeweils 5000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Gesucht wird vor allem Personal für Cockpits und Kabinen von Eurowings und Eurowings Discover sowie die Bodendienste an den Flughäfen. Auch die Wartungstochter Lufthansa Technik sowie der Caterer LSG sollen bei Personalressourcen aufstocken.

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    Damit reagiert das Unternehmen auf die großen personellen Engpässe, die den Flugbetrieb stark behindern. Die Nachfrage nach Flügen ist nach Ostern stärker und schneller angestiegen, als es die Branche erwartet hat. Weil die Personalkapazitäten auch wegen der aktuellen Coronawelle mit dem Wachstum nicht Schritt halten konnten, musste allein Lufthansa in diesem Sommer rund 7000 Flüge aus dem Programm nehmen. Auch die Qualität an Bord hat gelitten, die Beratungsgesellschaft Skytrax nahm Lufthansa kürzlich den fünften Stern, eine Auszeichnung für höchste Standards, weg.

    Wegen der Probleme im Betrieb wird Lufthansa die Kapazität in der Hauptreisezeit bis September etwas weniger stark ausweiten als geplant. Statt 85 Prozent des Vorkrisenniveaus sollen es nun 80 Prozent werden. Im zweiten Quartal nutzten 29 Millionen Fluggäste die Airlines der Lufthansa-Gruppe. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es nur sieben Millionen gewesen.

    Zuversicht des Managements überrascht

    Die Zuversicht des Managements überrascht angesichts des Ausblicks auf die kommenden Monate. Neben den betrieblichen Problemen belasten geopolitische Krisen und deren Folgen sowie die steigende Rezessionsgefahr die Weltwirtschaft. Hinzu kommen höhere Treibstoffpreise. Nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) ist Flugbenzin derzeit etwa doppelt so teuer wie vor der Pandemie. Für Fluggesellschaften war das in der Vergangenheit stets eine toxische Mischung.

    Doch die Lufthansa-Spitze verweist auf mehrere positive Entwicklungen. Zum einen bleibe die Nachfrage nach Flugtickets hoch. Aktuell lägen die Buchungen für die Monate August bis Dezember auf rund 83 Prozent des Vorkrisenniveaus. Zum anderen buchen die Kunden verstärkt Premiumsitze. Laut Lufthansa lag die Auslastung der Premiumklassen im zweiten Quartal bei 80 Prozent und damit über dem Wert von 2019. Auch Privatreisende gönnen sich offenbar mehr Komfort.

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    Insgesamt werden alle Tickets teurer. Die sogenannten Durchschnittserlöse stiegen im zweiten Quartal um 24 Prozent. Sie lagen damit sogar um rund zehn Prozent höher als 2019.

    Rückenwind geben auch die jüngsten Quartalszahlen. Zwar kostete das Flugchaos zwischen April und Juni 158 Millionen Euro an Entschädigungszahlungen. Finanzvorstand Remco Steenbergen geht davon aus, dass im laufenden dritten Quartal eine ähnliche hohe Sonderbelastung anfallen wird. Auch schrieben die Passagier-Airlines der Gruppe bis auf die Schweizer Tochter Swiss weiterhin Verluste.

    Doch weil Luftfracht boomt und Lufthansa Technik erneut einen positiven Ergebnisbeitrag lieferte, konnte der Konzern im zweiten Quartal ein bereinigtes Betriebsergebnis von 393 Millionen Euro erzielen, nach einem Betriebsverlust von 827 Millionen Euro Verlust ein Jahr zuvor.

    Gleichzeitig fühlt sich die Konzernleitung bilanziell ausreichend für schwierigere Tage gerüstet. So sank die Nettoverschuldung von Dezember 2021 bis Ende Juni dieses Jahres von neun Milliarden auf 6,4 Milliarden Euro. Ende Juni hatte das Unternehmen eine Liquidität von 11,4 Milliarden Euro. Auch die Eigenkapitalquote ist mit 17 Prozent wieder auf einem besseren Niveau. Ende vergangenen Jahres hatte sie noch gut zehn Prozent betragen.

    Lufthansa-Chef Carsten Spohr verspricht seinen Kunden, sich wieder stärker um die Qualität zu kümmern. Die Airline hat durch die Pandemie und den Personalmangel stark gelitten. Bloomberg

    Lounge von Lufthansa

    Lufthansa-Chef Carsten Spohr verspricht seinen Kunden, sich wieder stärker um die Qualität zu kümmern. Die Airline hat durch die Pandemie und den Personalmangel stark gelitten.

    Das alles reicht der Lufthansa-Spitze, um den Investoren erstmals wieder eine konkretere Prognose zu liefern – trotz „unverändert großer Unsicherheit unter anderem im Hinblick auf weltwirtschaftliche und geopolitische Entwicklungen sowie den Fortgang der Coronapandemie“. Dennoch gibt es warnende Stimmen. „Die Winter-Nachfrage bleibt sehr unsicher“, schrieb Alex Irving von Bernstein Research diese Woche in einer Branchenanalyse.

    Unklar ist unter anderem, wie die Verbraucher damit umgehen, dass die hohe Inflation die Einkommen auffrisst. Gleichzeitig werden die Personalkosten steigen. Lufthansa verhandelt derzeit mit mehreren Gewerkschaften, die teils bis zu zehn Prozent mehr Lohn fordern. Mit Verdi hofft das Management noch am Donnerstag zu einer Einigung zu kommen. Lufthansa habe beim Thema Personal größere Herausforderungen als andere Airlines, warnt Irving von Bernstein.

    Und die engen Personalkapazitäten werden weiterhin den Flugbetrieb behindern. Der Amsterdamer Flughafen Schiphol etwa hat diese Woche bereits angekündigt, die Zahl der abfliegenden Passagiere in den Monaten September und Oktober stark begrenzen zu wollen.

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