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01.09.2022

11:50

Luftfahrt

Lufthansa streicht 800 Flüge wegen des Pilotenstreiks am Freitag

Von: Jens Koenen

Die Vereinigung Cockpit will am Freitag alle von Deutschland abgehenden Flüge bestreiken. In Frankfurt und München fallen 800 Flüge aus, 130.000 Passagiere sind betroffen.

Die Lufthansa-Piloten wollen am Freitag streiken Getty Images; Per-Anders Pettersson

Lufthansa-Pilot

Die Kapitäne der Airline wollen in den Streik treten.

Frankfurt Die Lufthansa streicht wegen des angekündigten Pilotenstreiks am Freitag nahezu ihr komplettes Programm. 800 Flüge fallen aus, die meisten davon an den beiden wichtigsten Flughäfen München und Frankfurt. Betroffen davon werden voraussichtlich 130.000 Passagiere sein, teilte das Unternehmen am Donnerstag mit.

Die Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit (VC) hatte in der Nacht zu Donnerstag einen Streik bei der Kernmarke Lufthansa und der Frachttochter LH Cargo angekündigt. Der Arbeitgeber habe in dieser Woche kein verbessertes Angebot vorgelegt, sodass die Verhandlungen gescheitert seien, erklärte die Gewerkschaft: „Daher bleibt uns nur, mit einem Arbeitskampf unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen.“

„Um Arbeitskämpfe abzuwenden, muss Lufthansa ein deutlich verbessertes Angebot vorlegen“, sagte Marcel Gröls, bei der VC für Tarifpolitik zuständig. Die Lufthansa sieht allerdings kaum noch Spielraum, den Forderungen weiter entgegenzukommen. Die lägen „außerhalb des Vertretbaren“, heißt es in einer Mitteilung. Entsprechend laufen nun auch auf Unternehmensseite die Vorbereitungen auf den Arbeitskampf.

Wahrscheinlich würde auch ein kurzfristig an einigen Stellen nachgebessertes Angebot einen Ausstand nicht mehr verhindern. Zwar sind sich die Flugzeugführer darüber im Klaren, dass ein Streik einer Berufsgruppe, die zu den Bestbezahlten im Konzern zählt, deutliche Kritik auslösen wird. Doch der Frust bei den Piloten ist groß. Sie fürchten, dass die Kernmarke zugunsten anderer Plattformen wie Eurowings weiter geschrumpft werden soll. Deshalb dürfte die Streikbeteiligung sehr hoch sein.

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    Streik der Lufthansa-Piloten am Freitag betrifft vor allem Frankfurt und München

    Es ist gegen Ende der Pandemie der zweite große Streik, den Lufthansa verkraften muss. Beim Arbeitskampf des Bodenpersonals, zu dem Verdi Ende Juli aufgerufen hatte, mussten Tausende Flüge abgesagt werden. Auch hier bekamen rund 130.000 Passagiere die Folgen zu spüren.

    Der Streik am Freitag trifft vor allem den Verkehr an den Drehkreuzen Frankfurt und München mitsamt den Langstreckenverbindungen, denn hier ist die Premiummarke Lufthansa aktiv. Tochtergesellschaften wie Eurowings oder Eurowings Discover sind nicht betroffen. Allerdings hat sich die VC mit einer erfolgreichen Urabstimmung auch bei Eurowings bereits streikbereit gemacht.

    Lufthansa: 40 Prozent höhere Lohnkosten nicht verkraftbar

    Die VC pocht auf Reallohnsicherung in Zeiten hoher Inflation und Verbesserungen in der Vergütungsstruktur. Lufthansa hält diese Forderung für nicht umsetzbar. Und der Konzern macht eine detaillierte Rechnung auf. Die Forderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn bis Ende des Jahres sowie nach einem Ausgleich oberhalb der Inflation ab Januar 2023 bedeute bei einer Laufzeit von zwei Jahren 16 Prozent höhere Lohnkosten.

    Dazu wolle die VC eine neue sogenannte Gehaltstabelle mit höheren Grundvergütungen und mehr Geld zum Beispiel für Krankheitstage, Urlaub oder Schulungen. Das werde die Kosten aufseiten des Cockpitpersonals um weitere 25 Prozentpunkte erhöhen. Aktuell beziffert das Management die Cockpitpersonalkosten auf 2,2 Milliarden Euro. Dieser Wert würde dann in Summe um mehr 40 Prozent oder 900 Millionen Euro über die kommenden zwei Jahre steigen.

    Grafik

    Lufthansa habe ein gutes Angebot vorgelegt, „trotz der nachwirkenden Lasten der Coronakrise und unsicheren Aussichten für die Weltwirtschaft“, sagte Personalvorstand Michael Niggemann. Das Management strebt einen Abschluss über 18 Monate an, bei dem die Pilotinnen und Piloten in zwei Stufen insgesamt 900 Euro mehr Grundvergütung pro Monat bekommen.

    Dabei sollen die Einstiegsgehälter stärker profitieren. So würde ein Berufseinsteiger als Copilot 18 Prozent mehr Grundvergütung über die Laufzeit bekommen, bei einem Kapitän läge das Plus in der Endstufe bei fünf Prozent.

    Lufthansa bietet Piloten neue Perspektivvereinbarung an

    Zudem hat die Lufthansa-Führung angeboten, eine neue Perspektivvereinbarung abzuschließen. Diese hatte Lufthansa Ende vergangenen Jahres gekündigt. In der Vereinbarung sichert das Management den Piloten eine Mindestflotte zu und garantiert diesen damit eine Jobsicherheit sowie planbare Aufstiegschancen.

    Das Thema überlagert die aktuellen Tarifgespräche. Denn die Konzernführung um Vorstandschef Carsten Spohr will Zubringerverkehre an den Drehkreuzen Frankfurt und München an die geplante Airline Cityline 2.0 übergeben, sollte es zu keiner Einigung mit der VC kommen.

    „Der Frust bei den Pilotinnen und Piloten ist groß. Dennoch ist dieser Streik in der aktuell schwierigen Situation völlig übertrieben“, sagt Gerald Wissel vom Luftfahrtberatungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg: „Wichtig ist jetzt erst einmal, dass die unteren Lohngruppen wie etwa das Bodenpersonal zum Zuge kommen, wie das durch den Verdi-Abschluss ja auch erreicht wurde.“

    Vereinigung Cockpit bleibt trotz Kritik hart

    Trotz der Offerten und der Kritik bleibt die Gewerkschaft VC bisher hart. Sie pocht vor allem auf eine neue Struktur bei der Grundvergütung. „Aktuell liegen wir zu weit auseinander“, sagte Tarifexperte Gröls: „Neben dem Ausgleich des Reallohnverlustes brauchen wir jetzt vor allem eine zukunftsfähige Lösung für die Vergütungsstruktur in allen Berufsgruppen.“

    Doch das lehnt das Management bisher ab. Das Unternehmen argumentiert, angesichts hoher Schulden nach der Coronakrise dürften die Kosten nicht stark steigen. Gleichzeitig weiß aber auch das Management, dass es bei den Löhnen drauflegen muss, will Lufthansa ein attraktiver Arbeitgeber bleiben.

    Das zeigt der jüngst erzielte Abschluss mit Verdi fürs Bodenpersonal. Je nach Berufsgruppe und Job wurde eine Tariferhöhung ausgehandelt, die über 18 Monate ein Plus von bis zu 19 Prozent bedeutet. Gerade bei den nicht so gut bezahlten Jobs sieht die Lufthansa-Führung Handlungsbedarf. Bei den Piloten wird sich die Konzernspitze dagegen wohl kaum zu solchen Zugeständnissen drängen lassen.

    Ob deshalb eine längere Streikwelle droht, bleibt offen. Vor vielen Jahren hatten die Piloten den Konzern über Jahre immer wieder mit Arbeitskämpfen lahmgelegt. Gleichzeitig laufen auch noch Gespräche mit der Kabinengewerkschaft UFO. Passagiere sollten sich also darauf einstellen, dass sie noch länger die Folgen der aktuellen Tarifrunden zu spüren bekommen werden.

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