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25.06.2021

14:14

Luftfahrt

Mehr als 800 Jets „entparkt“: Am Himmel wird es wieder voll – doch parallel dazu das Personal knapp

Von: Jens Koenen

Die Luftfahrt könnte sich schneller von der Krise erholen als erwartet. In den USA gibt es aber bereits ein Problem, das auch europaweit das Durchstarten ausbremsen könnte: Personalknappheit.

In der Luftfahrt kehrt der Optimismus zurück. So strebt etwa die Lufthansa im August selbst auf der Langstrecke nahezu die Vorkrisen-Kapazität an. Reuters

Lufthansa-Maschinen in Frankfurt

In der Luftfahrt kehrt der Optimismus zurück. So strebt etwa die Lufthansa im August selbst auf der Langstrecke nahezu die Vorkrisen-Kapazität an.

Frankfurt Es ist eine Zahl, die Hoffnung macht: Seit Anfang Mai wurden mehr als 800 geparkte Flugzeuge „aufgeweckt“ und wieder in Betrieb genommen, zeigen Berechnungen der Flugsicherungsorganisation Eurocontrol. Die seit über einem Jahr mehr oder weniger zu Boden gezwungene Luftfahrt scheint überraschend kräftig wieder in Schwung zu kommen.

Sei die Pandemie einmal vorbei, werde wieder wie bisher geflogen, zeigte sich Airbus-Chef Guillaume Faury kürzlich überzeugt. Lufthansa-CEO Carsten Spohr kann mittlerweile auch für die am stärksten gebeutelte Langstrecke eine steigende Nachfrage erkennen. „Im Transatlantikverkehr stehen alle Zeichen auf eine schnelle Erholung“, sagte der oberste Lufthanseat vor einigen Tagen.

Zwar bleibt die Situation fragil. Die Delta-Variante des Coronavirus sorgt in der Branche für eine gewisse Unruhe. Doch in Summe stocken die Airlines ihr Angebot fast täglich auf. Lufthansa etwa will im Juli die Zahl der Flüge in Richtung USA deutlich steigern. Im August will die Gruppe schon wieder 90 Prozent der Vorkrisen-Kapazität über den Atlantik anbieten.

Das Problem: Airlines, Flughäfen und Bodendienstleister könnten wegen der sprunghaft steigenden Nachfrage schon bald vor einem personellen Engpass stehen. Mira Neumaier, die Fachgruppenleiterin für den Luftverkehr bei Verdi, warnte vor einigen Tagen, mit der dünnen Besetzung beim Personal sei der Neustart kaum leistbar – selbst bei einer Kapazität von nur 50 Prozent.

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    Zwar können die Unternehmen Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen. Doch es ist fraglich, ob das ausreicht. Viele Beschäftigte haben sich nach der monatelangen Krise endgültig aus der Luftfahrtbranche verabschiedet und beruflich umgesattelt. Das zeigen Zahlen der „European Transport Workers Federation“ (ETF), auf die auch Verdi hinweist.

    Viele Luftfahrtbeschäftigte haben in der Krise den Beruf gewechselt

    Demnach haben insgesamt 16 Prozent der Luftfahrtbeschäftigten in Europa ihren Beruf gewechselt. Besonders groß ist der Aderlass bei den Bodendienstleistern, wo sich laut ETF 44 Prozent der Mitarbeiter verabschiedet haben. Der Job, bei Wind und Wetter auf dem Vorfeld die Koffer aus- und einzuladen, gilt seit jeher als anstrengend und schlecht bezahlt. Ist aber keiner mehr da, der ihn erledigt, wird auch kein Jet abheben.

    „Es reicht nicht, Konzerne zu retten“, mahnt Stefan Herth, der Präsident der Piloten-Vertretung Vereinigung Cockpit (VC). Das Kurzarbeitergeld sei in der akuten Krise zwar eine wichtige Maßnahme gewesen. „Was wir aber nun brauchen, ist die nachhaltige Sicherung der Arbeitsplätze. Hier hat die Politik in den zurückliegenden eineinhalb Jahren zu wenig Engagement gezeigt.“

    Einen Vorgeschmack auf das, was droht, liefern die USA. So musste American Airlines für Juli etwa tausend Flüge streichen, weil das Personal knapp ist. Die Fluggesellschaft hatte im vergangenen Oktober 19.000 Mitarbeiter in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt – in den USA eine gängige Praxis.

    Nun kann das Airline-Management die Kollegen nicht schnell genug wieder zurückholen und mit Trainings fit machen. Delta Airlines sucht mittlerweile sogar 1000 neue Piloten. Wie Lufthansa hoffen auch die Delta-Manager, dass Europäer bald wieder in die USA reisen dürfen.

    Grafik

    Zwar hinkt der europäische Luftfahrt-Markt bei der Erholung etwas hinterher. Die Airlines in den USA profitieren vom großen inländischen Geschäft. In Europa blockierten dagegen die nationalen Reisevorgaben große Teile des Kurz- und Mittelstreckenverkehrs.

    Doch auch in Europa müssen erste Fluggesellschaften wieder auf Personalsuche gehen. So hat die Lufthansa-Tochter Eurowings aktuell 250 Stellen für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter ausgeschrieben. Das Unternehmen will Kabinenpersonal bevorzugen, das während der Krise in der gesamten Lufthansa-Gruppe den Job verloren hat. Das Personalmanagement schaut allerdings auch extern nach Kandidaten. Eurowings selbst hatte rund 800 Stellen gestrichen, die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte auf 2500. Mittlerweile hat die Airline schon wieder 3000 Beschäftigte.

    Lufthansa-Tochter Eurowings Discover steuert Langstreckenziele an

    Getrieben wird der frische Schwung vor allem von den Privatreisenden. „Die Erholung wird im touristischen Segment eine schnellere Entwicklung nehmen als im Geschäftsreisemarkt“, sagt Lufthansa-Chef Spohr. Deshalb will er den neuen Touristik-Ableger Eurowings Discover auch möglichst schnell auf die Langstrecke schicken.

    Die intern durchaus umstrittene neue Tochter soll am 24. Juli von Frankfurt erstmals zu einem Fernziel aufbrechen. Es geht nach Mombasa, danach weiter nach Sansibar. Im August stehen dann Ziele wie Punta Cana und Windhoek auf dem Plan. Für Oktober sind US-Ziele wie Las Vegas vorgesehen. Mitte kommenden Jahres sollen elf Langstreckenjets vom Typ Airbus A330 zur Flotte des jüngsten Sprosses in der Lufthansa-Familie gehören.

    Die Lufthansa-Tochter hat derzeit 250 Stellen für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter ausgeschrieben. Reuters

    Flugbegleiterinnen von Eurowings

    Die Lufthansa-Tochter hat derzeit 250 Stellen für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter ausgeschrieben.

    Auch im Geschäftsreisesegment steigt bei den Top-Managern der Fluggesellschaften die Zuversicht. Bislang hatte Lufthansa-Chef Spohr prognostiziert, dass zwischen zehn und 20 Prozent dieser Vielflieger dauerhaft wegbleiben werden. Inzwischen hat der oberste Lufthanseat seine eigene Prognose korrigiert: auf ein Minus, das eher bei zehn als bei 20 Prozent liegen wird.

    Buchungszahlen der Geschäftsreise-Plattform TravelPerk bestätigen den positiven Trend. Diese hat die Werte der Monate April und Mai 2021 mit denen von Januar und Februar 2020 verglichen. Dabei zeigte sich ein Anstieg der Geschäftsreise-Buchungen in allen Ländern. Im dritten Quartal werde die Ticketnachfrage seitens der Topkunden weiter ansteigen, erwartet Spohr: „Die Leute haben genug von Begegnungen per Videokonferenz. Sie wollen und müssen sich wieder persönlich sehen.“

    Gleichzeitig erwartet der Lufthansa-Chef, dass diese Kunden wie früher verstärkt auf Premiumangebote zurückgreifen werden. Das müsse nicht in jedem Fall die Business-Klasse sein, sondern womöglich auch Premium Economy.

    Eine Einschätzung, die Airbus-Chef Faury teilt. Er geht davon aus, dass das Bedürfnis der Menschen, mit mehr Komfort zu reisen, nach der Pandemie steigen wird – und damit auch die Nachfrage nach Sitzen der Business-Klasse und Premium Economy.

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