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31.08.2022

15:10

Luftfahrt

„Mehr Staatseinfluss, weniger Privatisierung“ – Lufthansa beklagt Niederlage im Bieterkampf um ITA

Von: Jens Koenen, Christian Wermke

Rückschlag für die Lufthansa: Die italienische Regierung erteilt einem Konsortium um Air France-KLM und Delta den Zuschlag für die Airline. Das sichert Rom mehr Einfluss.

Die Lufthansa kommt bei der Alitalia-Nachfolgerin nicht zum Zuge. Reuters

ITA Airways

Die Lufthansa kommt bei der Alitalia-Nachfolgerin nicht zum Zuge.

Frankfurt, Rom Die Lufthansa geht bei der Privatisierung der italienischen Staatsairline ITA Airways leer aus. Die Regierung wolle exklusive Verhandlungen über einen Mehrheitsanteil an der Nachfolgeairline der insolventen Alitalia mit dem US-Finanzinvestor Certares führen, teilte das italienische Finanzministerium am Mittwoch mit. Hinter Certares stehen Air France-KLM und Delta Air Lines aus den USA.

Die Entscheidung überrascht, zuletzt hatte die Lufthansa als aussichtsreichster Kandidat gegolten. Der Konzern hatte sich mit der Schweizer Reederei MSC zusammengetan, die in einem ersten Schritt mit 60 Prozent die Mehrheit an ITA übernehmen sollte. Lufthansa hätte ihren Anteil von 20 Prozent dann später aufstocken sollen, der italienische Staat 20 Prozent behalten. So weit der Plan.

Allerdings waren die Hoffnungen auf einen Zuschlag in der Frankfurter Konzernzentrale schon in den zurückliegenden Tagen gesunken, ist aus Führungskreisen zu hören. Der Grund: Bei den bevorstehenden Neuwahlen am 25. September hat die postfaschistische Partei Fratelli d’Italia von Giorgia Meloni gute Chancen, stärkste Partei zu werden. Die 45-Jährige gilt als deutschlandskeptisch.

Der geschäftsführende Ministerpräsident Mario Draghi selbst soll zwar Lufthansa und MSC präferiert haben. Und auch in der italienischen Luftfahrt hatte Lufthansa viele Unterstützer. ITA-Verwaltungsratschef Alfredo Altavilla warb genauso für das Bündnis wie Roms Flughafenchef Marco Troncone. „Die Wahl der Lufthansa scheint mir für Italien sehr überzeugend zu sein, weil sie mit Airlines wie Swiss und Brussels bewiesen hat, dass das Konzept funktioniert“, erklärte dieser im Handelsblatt-Interview.

Doch in Draghis Vielparteien-Regierung sollen nicht alle für diese Lösung gewesen sein, ist aus Luftfahrtkreisen zu hören. Im Finanzministerium soll es mächtige Stimmen geben, die für eine dauerhafte Mitsprache der Regierung bei der ITA plädieren.

Und genau diese Möglichkeit bietet Certares. Das Angebot sieht vor, dass der Staat mit mindestens 40 Prozent beteiligt bleibt. Damit hätte er doppelt so viele Anteile wie in dem MSC-Lufthansa-Angebot vorgesehen. Das Lufthansa-Konsortium hat nach Informationen aus Branchenkreisen für 80 Prozent rund 850 Millionen Euro geboten, Certares für 60 Prozent rund 600 Millionen Euro.

Selbst bei einem 20-Prozent-Anteil des Staats hätte die Lufthansa-Führung um Vorstandschef Carsten Spohr aber fürchten müssen, dass künftig Vertreter einer nationalistischen Regierung bei ITA mitmischen. „Das hat den Wert eines solchen Deals deutlich gedrückt“, sagte eine Führungskraft.

Wie es für Lufthansa in Italien nun weitergeht

„Wir sind weiter der Überzeugung, unser Angebot mit MSC wäre die bessere Lösung gewesen“, erklärte die Lufthansa am Mittwoch. „Aber offenbar geht man den Weg mit mehr Staatseinfluss und keiner vollständigen Privatisierung.“ ITA Airways äußerte sich auf Nachfrage nicht zur Entscheidung. „Der Privatisierungsprozess geht weiter“, hieß es von einem Sprecher.

Die Absage ist ein Rückschlag für den Konzern. Sowohl Spohr als auch Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley sind große Italienfans. Beide haben in der Vergangenheit immer wieder die große Bedeutung des Marktes betont. Italien sei der wichtigste europäische Auslandsmarkt, hatte Spohr das große Interesse an der ITA begründet.

Spohr will einen Streifen als Heimatmarkt definieren, der von Skandinavien über Deutschland, Österreich, die Schweiz, Tschechien bis hinunter nach Italien reicht. Dort will das Management mit einem möglichst dichten Netz punkten und zugleich versuchen, Wettbewerber fernzuhalten.

Das ITA-Drehkreuz Rom-Fiumicino hätte neben Wien und Brüssel zum sogenannten kleineren Hub von Lufthansa werden können. Dort setzt Lufthansa nicht ganz so stark auf den komplexen und teuren Umsteigeverkehr wie in Frankfurt und München, bindet diese Flughäfen dennoch eng in das Langstreckennetz der Gruppe ein.

Der CEO von Europas größter Airline-Gruppe sieht in Italien viel Potential. Nach der Absage bei der ITA-Übernahme wird er wohl stärker auf die eigene Air Dolomiti setzen. Reuters

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Der CEO von Europas größter Airline-Gruppe sieht in Italien viel Potential. Nach der Absage bei der ITA-Übernahme wird er wohl stärker auf die eigene Air Dolomiti setzen.

Lufthansa wird in Italien wohl doch wieder stärker auf die eigene Air Dolomiti setzen. Den Ableger betreiben die Deutschen schon seit einigen Jahren. Doch bisherige Versuche, die Präsenz auszubauen, schlugen fehl. Schon länger gibt es Überlegungen, die Flotte des Ablegers auszubauen.

Auf der anderen Seite gibt es zwischen Italien und Frankreich eine traditionell enge Verbindung in der Luftfahrt. Air France-KLM, der Partner von Certares, war mehrere Jahre an Alitalia beteiligt und hatte immer wieder großes Interesse an dem Nachfolger ITA bekundet.

Doch direkt durfte der Konzern nicht für ITA bieten. Die in der Pandemie gewährten Staatshilfen sind noch nicht zurückgezahlt, deshalb verbietet die EU-Kommission große Übernahmen. Wohl auch deshalb wurde das spezielle Konstrukt mit einem Finanzinvestor gewählt.

Offen ist, wie es nun bei ITA weitergehen wird. Denn Certares hat ein Problem: Während Lufthansa ITA sofort in den eigenen Flugbetrieb hätte integrieren können, braucht Certares dazu einen operativen Partner. Das soll Air France-KLM sein. Doch die Frage ist, ob die EU-Kommission Bedenken anmeldet, sollte das französisch-niederländische Unternehmen ITA trotz noch bestehender Staatshilfen einbinden.

Grafik

Andererseits könnte Air France-KLM die italienische Fluggesellschaft zunächst über das sogenannte Code-Sharing enger an sich binden. Dabei arbeiten Airlines beim Vertrieb zusammen, agieren aber eigenständig. Der US-Partner Delta wiederum hat bereits klargemacht, dass er lediglich unterstützen will, an einer Beteiligung an ITA habe man kein Interesse.

Eine weitere Herausforderung: Die Dauerkrise von Alitalia haben die Billiganbieter Ryanair und Easyjet dazu genutzt, sich auf der Kurz- und Mittelstrecke große Marktanteile zu sichern. Der Wettbewerb ist also sehr hart und wird stark über die Ticketpreise geführt.

Reserven von ITA sind offenbar knapp

Draghi will bis zum 10. September eine Verkaufsvereinbarung erreichen. Ob eine solche nach einem Sieg der Postfaschisten Bestand hätte, weiß derzeit keiner. Und die Zeit drängt. Zwar konnte ITA im Sommer wieder schwarze Zahlen erreichen, wie italienische Medien berichteten. Das Management konnte die höheren Treibstoffkosten auf die Ticketpreise umlegen.

Doch der Winter steht vor der Tür, in dem Airlines in der Regel Geld verbrennen. Die Reserven von ITA sind knapp, wie zu hören ist. ITA-Verwaltungsratschef Altavilla hat mehrmals betont, dass die Airline schnell einen starken Partner brauche. Ohne den sei die Airline kaum überlebensfähig.

ITA hatte sich kürzlich vom Staat eine weitere Finanzspritze in Höhe von 400 Millionen Euro gewünscht, um durch die Wintersaison zu kommen und die steigenden Kerosinkosten abzufedern – zusätzlich zur bereits gezahlten Starthilfe von 720 Millionen Euro im vergangenen Herbst.

Kommentare (1)

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31.08.2022, 14:13 Uhr

Gar nicht so dumm vom ital. Staat größere Kontrolle über die nationale Fluggesellschaft beizubehalten. Deutschland hat zwar keinen Flag Carrier mehr, aber dennoch springt der deutsche Steuerzahler im Fall des Falles finanziell ein; das gesamte Flugchaos inklusive. Dann doch lieber eine teil-staatliche Airline. Nicht nur bei Etihad, Emirates oder Qatar ist der Staat beteiligt, sondern auch in Europa: Air France, KLM (NL), Turkish oder SAS Scandinavian. Man hat sich ja nicht gegen die Lufthansa entschieden, sondern für ein größeres Mitspracherecht. Lufthansa+MSC hätten also auch ein Angebot mit höherem Staatsanteil ausarbeiten können. Gezockt, und am Ende verloren.

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