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23.03.2022

10:50

Luftfahrt

Ölpreisrally belastet die Airlines: Wie teuer wird künftig das Fliegen?

Von: Jens Koenen

Der rasant steigende Ölpreis und Klimavorhaben treiben in der Luftfahrt die Kosten. Aber der harte Wettbewerb schützt die Kunden vor Preisschocks.

Fliegen wird teurer. dpa

Flugzeug beim Start

Fliegen wird teurer.

Frankfurt Der Trend scheint klar: Fliegen wird teurer, da sind sich Luftfahrtmanager einig. Lufthansa-Finanzchef Remco Steenbergen hat jüngst steigende Ticketpreise angekündigt. Auch Ed Bastian, CEO von Delta Airlines aus den USA, erwartet, dass Fliegen wegen des stark gestiegenen Ölpreises um bis zu zehn Prozent teurer wird. Selbst Eddie Wilson, Chef der Billigmarke Ryanair, geht von teureren Tickets aus.

Die Fakten lassen auch gar keinen anderen Schluss zu. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Preis für Rohöl deutlich gestiegen. Die Treibstoffrechnung ist in der Regel der zweitgrößte Kostenblock einer Airline. Hinzu kommen mittelfristig immer strengere Klimaauflagen, etwa die Beimischung von deutlich teurerem synthetischem Kerosin. Die Preise für Flugticktes dürften im Schnitt steigen.

Doch die gute Nachricht für Passagiere: Anders als an den Tankstellen wird es wohl keinen Preisschock geben. „Die Preise für Flugtickets werden erst mit einiger Verzögerung steigen“, sagt Gerald Wissel von der auf Luftfahrt spezialisierten Beratungsfirma Airborne Consulting. „Im Sommer werden die Passagiere hier wohl noch nichts spüren, aber vielleicht im Herbst.“

Stefan Schulte, Chef des Flughafenbetreibers Fraport, machte kürzlich folgende Rechnung auf: Auf der Kurzstrecke könnten bis zu 50 Euro mehr fällig werden, auf der Langstrecke bis zu 150 Euro.

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    Selbst diese überschaubaren Mehrkosten sind aber noch nicht sicher. Denn Preiserhöhungen sind in der Luftfahrt schwierig durchzusetzen. Zwar gilt für Flugtickets wie in allen Branchen das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Doch Berater Wissel schränkt ein: „Hier gibt es derzeit aber eine Reihe von Variablen, die schwer einzuschätzen sind.“

    Airlines geben viel Angebot in den Markt

    Zunächst zur Angebotsseite: Die Fluggesellschaften fahren ihre Kapazität langsam wieder hoch. Gleichzeitig ist die Reiselust nach zwei Jahren der Beschränkung groß. Angebot und Nachfrage könnten sich also eigentlich die Waage halten. Doch in der Luftfahrt geht es für die Airlines immer auch darum, die Schwächen anderer zu nutzen und kurzfristig Marktanteile zu gewinnen. Wer an einem Flughafen die Nummer eins oder zwei ist, kann die Preise bestimmen. Schon der Drittplatzierte muss sich deren Preisdiktat unterordnen.

    Vor allem Billiganbieter wie die ungarische Wizz Air oder die irische Ryanair haben deshalb erklärt, ihr Angebot in den nächsten Monaten massiv auszuweiten, teilweise sogar über das Vorkrisenniveau hinaus. Nur über günstige Ticketpreise könne die Nachfrage schnell wieder den Status von vor der Pandemie erreichen, hatte Ryanair-Holdings-Chef Michael O’Leary die Strategie schon Ende vergangenen Jahres erklärt.

    „Billiganbieter wie Ryanair werden weiter versuchen, günstige Preise anzubieten. Und sie können das auch eher als die etablierten Airlines“, sagt Berater Wissel. „Denn sie fliegen mit modernen und sehr effizienten Flugzeugen. Teurere Kerosinpreise treffen sie weniger.“

    Zusätzlich befeuert wird diese Strategie von dem in der Luftfahrt üblichen Geschäftsmodell, Tickets sofort bei der Buchung bezahlen zu müssen, nicht erst bei Antritt des Fluges. Das verleitet Airlines dazu, viel Kapazität auf den Markt zu bringen. Den kurzfristigen Geldstrom können sie für ihre pandemiebedingt angeschlagenen Bilanzen gut gebrauchen.

    Für eine im deutschen Heimatmarkt eigentlich mächtige Lufthansa bedeutet das weniger Freiheit in der Preisgestaltung – auch wenn das Management die radikalen Preiskämpfe mancher Rivalen nicht mitmacht. Man werde den Wettbewerb genau beobachten und bei Bedarf entsprechende Anpassungen vornehmen, heißt es in der Konzernzentrale am Frankfurter Flughafen.

    Grafik

    Etwas Spielraum bei den Preisen hat die „Hansa“, denn bei ihr kommen die hohen Treibstoffpreise noch nicht voll an. Für das laufende Jahr hat das Management den Ölpreis für 63 Prozent des Bedarfs durch Sicherungsgeschäfte (Hedging) gedeckelt – auf 74 Dollar pro Barrel. Bleibt der Ölpreis jedoch zu lange auf seinem aktuellen Niveau, wird es auch für Europas größte Airlinegruppe teuer. Im kommenden Jahr sind nur noch 25 Prozent des kalkulierten Bedarfs preislich gesichert.

    Wie lange Kerosin teuer bleiben wird, kann aktuell niemand prognostizieren. „Die weitere Ölpreisentwicklung hängt davon ab, wie lange der Ukrainekonflikt und der Krieg noch dauern“, sagt Berater Wissel. Sollte es zu einer Befriedung kommen, sei zudem die Frage, wie lange die Sanktionen gegen Russland aufrechterhalten würden.

    Krieg schürt Unsicherheit bei den Fluggästen

    Auch könnte der zuletzt starke Anstieg der Flugbuchungen abebben. Denn der Krieg hat eine Entwicklung befeuert, die es lange nicht gab: Die Preise steigen immer weiter. „Wichtiger Faktor ist die Inflation. Die Reisebudgets der Kunden werden dadurch schmaler. Betroffen dürften zunächst die unteren und mittleren Einkommen sein“, sagt Wissel.

    Die Frage ist, wie potenzielle Luftfahrtkunden mit dieser Situation umgehen. Sie könnten zum Beispiel von Lufthansa zu Ryanair wechseln. Allerdings: „Hier könnten Kundenbindungsprogramme wie Miles and More eine starke Abwanderung verhindern“, glaubt Berater Wissel. Zudem sind es eher die einkommensschwächeren Kundenschichten, die Billiganbieter für ihre Reisen nutzen. Wenn die sich nun weniger Reisen leisten können, würde das vor allem Ryanair treffen.

    Auch die Erholung bei den Dienstreisen ist gefährdet. „Viele Prognosen wackeln wegen des Kriegs. Erneut ist Sparen angesagt. Das könnte Unternehmen wie Lufthansa treffen“, warnt Wissel.

    Die Menschen verändern ihr Reiseverhalten wegen des Kriegs, wenn auch bislang nicht dramatisch. Das zeigen Daten des Welt-Airlineverbands IATA. In der Woche ab dem 24. Februar, dem Tag des Einmarsches Russlands in die Ukraine, sank die Zahl der Buchungen weltweit um acht Prozent. In Europa betrug das Minus sogar 14 Prozent.

    Vieles spricht also für ein Szenario: Die Airline-Manager setzen darauf, dass sich ihr Geschäft nach über zwei Jahren Pandemie endlich wieder erholen wird, und bauen ihr Angebot kräftig aus. Die potenziellen Kunden sind wegen der Belastungen aber zurückhaltender als erwartet. Durch das daraus entstehende Überangebot könnten die Airlines höhere Ticketpreise nur begrenzt durchsetzen.

    Der wettbewerbsintensive Markt wird große Preissprünge kaum zulassen.

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