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09.05.2022

10:24

Matthias Rucker

Ein Ultraläufer soll Sportscheck wieder auf Tempo bringen

Von: Florian Kolf, Axel Höpner

Seitdem der Sporthändler zur Gruppe von René Benko gehört, setzt er sich ehrgeizige Ziele: Unter dem neuen Chef Matthias Rucker investiert er ins Filialnetz und die digitale Plattform.

Sportcheck-Chef Matthias Rucker SportScheck

Matthias Rucker

Der Sportscheck-Chef hat in seinen ersten 100 Tagen im Amt alle 34 Filialen besucht.

Düsseldorf, München Nach seinem Start als Chef von Sportscheck im vergangenen Oktober war Matthias Rucker erst mal viel unterwegs. In seinen ersten 100 Tagen hat er sämtliche 34 Filialen besucht. Der Tag begann jeweils mit einer Joggingrunde mit der Belegschaft, dann folgten intensive Gespräche auf der Verkaufsfläche. In der Regel machte er dann noch einen Spaziergang durch die Nachbarschaft, um zu sehen, was die Konkurrenz vor Ort so macht.

Rucker hat nicht viel Zeit zu verlieren. Denn er muss eine doppelte Herausforderung bewältigen: Er muss nicht nur den führenden deutschen Sportfachhändler in die digitale Zukunft führen. Er muss zugleich die Filialen von Karstadt Sports unter seine Marke integrieren, die wie Sportscheck zur Signa-Gruppe des österreichischen Milliardärs René Benko gehören.

Auch wenn Rucker zuvor für die Boston Consulting Group gearbeitet hat, ist er keiner, der ein Unternehmen mit theoretischen Konzepten aus dem Elfenbeinturm führt. „Mir war wichtig zu wissen, was die Mitarbeiter auf der Fläche antreibt, wo sind die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten“, erzählt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Da bekommt man ein Gespür für die Menschen.“

Bei Sportscheck gibt es jetzt viel öfter als früher Townhall-Meetings mit der Belegschaft, in regelmäßigen Videobotschaften erklärt Rucker außerdem den Mitarbeitern, wo der Umbau des Unternehmens steht und was schon gemeinsam erreicht wurde. Das Unternehmen erlebe einen „starken Kulturwandel“, sagt er. Und da muss der Chef viel erklären.

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    Einen Vorteil hat Rucker dabei: Er ist leidenschaftlicher Ultraläufer, der mal eben an einem Sonntag einen Hundert-Kilometer-Lauf rund um den Tegernsee in neun Stunden absolviert, um pünktlich zum Kaffeetrinken wieder zu Hause bei der Familie zu sein. „Man kann seine Ideen auch gegenüber den Mitarbeitern viel glaubwürdiger rüberbringen, wenn man eine Passion dafür hat“, sagt er.

    Eigentümer René Benko sieht Sport als Wachstumsmarkt

    Gerade in einem Unternehmen wie Sportscheck, das so viele Sportler unter den Mitarbeitern hat, sei es wichtig, diese Dinge auch vorzuleben, betont er. „Wir werden unsere Ziele nur erreichen, wenn unsere Mitarbeiter das auch leben“, sagt Rucker.

    Den Umbau von Sportscheck geht er allerdings nicht als Ultramarathon, sondern eher im Sprint an. Schon einen Monat nach seinem Dienstantritt ließ Rucker sich in einer Gesellschafterversammlung die neue Strategie absegnen. 25 Projekte hat er aufgesetzt, die die Neupositionierung antreiben sollen. „Seitdem sind wir im wöchentlichen Tracking, schauen uns den Fortschritt an, bei zwei Projekten jeweils im Deep Dive“, berichtet Rucker.

    Als René Benkos Signa-Holding im März 2020 Sportscheck von der Otto-Group übernahm, war das Erstaunen in der Branche groß. Während sein deutsches Flaggschiff Galeria Karstadt Kaufhof ums Überleben kämpfte, sammelte er einen weiteren stationären Händler ein, der seit Jahren Verluste macht.

    Doch Signa betonte damals, man sehe große Zukunftschancen im Wachstumsmarkt Sport, für die es sich lohne, alle Kräfte zu bündeln. Anfangs war noch geplant, Sportscheck und Karstadt Sports als eigene Gesellschaften weiterzuführen. Schnell aber war klar, dass nur ein radikaler Neustart mit einer kompletten Zusammenlegung die Wende bringen kann.

    Rucker bekommt dafür vom Eigentümer Benko viele Freiheiten. „Innerhalb der Signa-Gruppe wird das Unternehmertum sehr stark gelebt, man fühlt sich nicht wie in einem Konzern“, berichtet der Sportscheck-Chef. „Als Geschäftsführung bekommen wir die Möglichkeit, sehr unternehmerisch zu handeln.“

    Flagship-Filiale in Stuttgart soll im September eröffnen

    In der Branche wird das sehr aufmerksam beobachtet. „Sportscheck war lange die Benchmark im deutschen Sportfachhandel“, sagt ein Branchenkenner. „Der Katalog von denen war die Blaupause für viele Einzelhändler.“ Doch habe das Unternehmen irgendwann den Fokus verloren und sei wirtschaftlich „nach wie vor in einer schwierigen Situation“.

    Daher sei es gut, sagte der Branchenkenner, wenn Sportscheck nun mithilfe von Benko wieder investieren könne. Es müsse aber abgewartet werden, ob eine Fokussierung auch auf den teilweise sehr großen Flächen funktioniere.

    Den Beweis dafür will Rucker im September antreten. Dann eröffnet in Stuttgart auf vier Etagen die erste komplett umgebaute Flagship-Filiale nach einem neuen Konzept. „Die Konzeptionsphase ist durch, wir beginnen jetzt mit dem Umbau“, sagt der Sportscheck-Chef.

    Jedes der vier Stockwerke soll wie ein eigener Fachhändler sein, das Erdgeschoss beispielsweise konzentriert sich voll auf Running, auch Outdoor und Fitness sollen eigene Etagen bekommen. „Wir wollen damit Klarheit für unsere Kunden schaffen.“

    Abgerundet werden soll das Ganze mit gezielten Kooperationen. So wird es eine Physiotherapiepraxis direkt nebenan geben. Im Obergeschoss finden die Kunden Werkstätten für die Reparatur von Skiern und Fahrrädern. Mit Duschen und Spinden für lokale Laufgruppen soll der Laden ein Treffpunkt für die Community werden.

    Umsatz soll deutlich mehr als 400 Millionen Euro steigen

    Stuttgart soll dann zu einer Blaupause für das ganze Filialnetz werden. Die umfangreichen Investitionen wurden bereits genehmigt. „Wir wollen das neue Konzept auf sämtliche Läden ausrollen“, so Rucker. Entwickelt werden soll ein modulares Modell, das an die anderen Standorte angepasst werden kann.

    Die Partner aus der Industrie setzen große Hoffnungen auf das Konzept. Der Neueröffnung des Hauses in Stuttgart blicke man gespannt entgegen, sagte Puma-Manager Daniel Pustina dem Handelsblatt. „Den Konsumenten nicht nur mit Produkten, sondern darüber hinaus mit einem breiten Serviceangebot wie Lauf- und Ernährungsberatung sowie Physiotherapie stationär zu begeistern ist in unseren Augen der absolut richtige Weg“, sagt er.

    Doch die Konkurrenz ist hart: Auch bei den wichtigsten Konkurrenten, den Verbundgruppen Sport 2000 und Intersport, gibt es zahlreiche Händler, die sich auf Trendsportarten fokussieren und ihre Filialen entsprechend aufmöbeln. Intersport beispielsweise hat 2022 zum Jahr der Expansion und Modernisierung ausgerufen.

    Doch Sportscheck verlässt sich nicht allein auf die modernisierten Filialen. Rucker will ein digitales Ökosystem schaffen, das weit über den reinen Handel hinausgeht. Über eine Plattform sollen unter der Marke Sportscheck Events und die eigene Laufschule beworben werden. „Der Kunde kann das Event buchen, das Training dazu und gleich passende Produkte wie Laufschuhe und Kleidung – alles in einem Einkaufskorb“, so Rucker.

    Das soll die Relevanz des Händlers beim Kunden steigern – und damit auch wieder den Umsatz. Im vergangenen Jahr machte Sportscheck 317 Millionen Euro Umsatz, inklusive von Karstadt Sports, die Hälfte davon online. „In 2025 wollen wir beim Umsatz deutlich über die 400 Millionen Euro kommen“, kündigt Rucker an. Das sei ein sehr realistisches Ziel.

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