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20.01.2022

15:31

Mobilität

Flixtrain plant Milliarden-Investition in neue Züge

Von: Arno Schütze, Daniel Delhaes, Jens Koenen

PremiumNach dem Kauf des US-Buslinienbetreibers Greyhound will Flixmobility in seine Fernzug-Sparte investieren. Ob bestellt wird, hängt auch von der Politik ab.

Um den Deal stemmen zu können, setzt das Unternehmen auf Investoren, die sich mit Eigenkapital am Kauf beteiligen. imago images/RŸdiger Wšlk

Flixtrain im Berliner Hauptbahnhof

Um den Deal stemmen zu können, setzt das Unternehmen auf Investoren, die sich mit Eigenkapital am Kauf beteiligen.

Frankfurt, Berlin Das Mobilitäts-Start-up Flixmobility bereitet Finanzkreisen zufolge den Kauf neuer Züge im Wert von rund einer Milliarde Euro vor. Das Unternehmen befinde sich in frühen Gesprächen mit Banken und Finanzierungspartnern, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, es gebe zudem noch Vorbehalte, heißt es im Umfeld von Flixmobility. Ein Sprecher des Unternehmens wollte sich zu den Informationen nicht äußern.

Eine Hürde sind die Trassenpreise, die Gebühr für die Nutzung des Schienennetzes. In der Pandemie wurde diese zwar auf nahezu null gesenkt, doch seit Januar müssen Bahnunternehmen wieder 57 Prozent der Trassengebühren selbst zahlen. Ab Sommer gilt der volle Satz. Neben Frankreich erhebt Deutschland mit rund acht Euro je Kilometer den höchsten Satz in Europa.

Flixmobility startete 2012 zunächst mit Fernbussen. Seit 2017 tritt das Unternehmen mit Flixtrain auch gegen die Deutsche Bahn an. Schon länger beklagt das Gründer-Trio um CEO André Schwämmlein die Trassenpreise. Sie verweisen dabei auf die Bedeutung der Bahnen für die Verkehrswende.

„Wir wollen den Wettbewerb stärker nutzen. Er ist ein Schlüssel zur Lösung großer Probleme“, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing kürzlich zu seinen Plänen rund um die Bahn. Doch beim Thema Trassenpreise ist man bisher zurückhaltend. Das Verkehrsministerium verweist auf den Koalitionsvertrag. Dort heißt, die Trassenpreise könnten dann ein Thema werden, wenn es der Haushalt zulässt.

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    Flixmobility-Chef Schwämmlein kann also noch hoffen. „Wir sollten die Trassenpreise dort senken, wo wir neuen Fernverkehr erzeugen wollen“, sagte Matthias Gastel, Bahnexperte der Grünen im Bundestag, dem Handelsblatt.

    Grafik

    Für Bundesverkehrsminister Volker Wissing ist die Sache klar: „Die Menschen müssen Lust haben, Bahn zu fahren“, sagte der FDP-Politiker auf dem Handelsblatt-Energiegipfel. Ihre Ziele haben SPD, Grüne und FPD im Koalitionsvertrag klar formuliert und dabei an die Vorarbeiten der vergangenen Koalition angeknüpft: Bis 2030 sollen die Bahnen ein Viertel aller Güter im Land transportieren. Und sie sollen doppelt so viele Menschen wie vor der Pandemie befördern – das wären 280 Millionen Fahrgäste jährlich.

    Das alles kostet viele Milliarden, allein um die Bahn zu digitalisieren, Bahnstrecken weiter zu elektrifizieren oder den sogenannten Deutschlandtakt einzuführen. Mit ihm sollen Züge im Halbstundentakt zwischen den großen Metropolen hin und her fahren.
    Es erfordert aber vor allem mehr Angebot. André Schwämmlein, Mitgründer und Chef von Flixmobility, ist bereit, dafür zu investieren. Das zeigt der Plan, bis zu 100 Züge für rund eine Milliarde Euro zu kaufen. Um den Deal stemmen zu können, setzt das Unternehmen auf Investoren, die sich mit Eigenkapital am Kauf beteiligen.

    Infrastrukturinvestoren haben Züge als Anlageklasse entdeckt, die im Niedrigzinsumfeld gute Renditen abwirft. Der Hamburger Schienenlogistikkonzern VTG etwa wird derzeit für einen möglichen Verkauf vorbereitet und könnte mit sechs bis sieben Milliarden Euro bewertet werden. Die Interessen dieser Investoren sind andere als die jener Wagniskapitalgeber, die auf Technologiefirmen fokussiert sind und die bisher Geld in Flixmobility gesteckt haben. Zuletzt geschah dies bei einer 650-Millionen-Dollar-Finanzierungsrunde im Juni 2021.

    Flixmobility wurde 2012 gegründet und ist mit einer Bewertung von drei Milliarden Euro eines der seltenen deutschen Einhörner – Jungunternehmen mit einer Bewertung über der Schwelle von einer Milliarde Euro. Das Unternehmen ist die Dachgesellschaft von Flixbus und Flixtrain, den jeweiligen Sparten für Fernbusse und Fernzüge. Kerngeschäft ist eine Technologieplattform, über die zum Beispiel die Tickets vermarktet werden.

    Die bisherige Strategie wird in Teilen aufgegeben

    Der Kauf von eigenen Zügen ist in Teilen eine Abkehr von der bisherigen Strategie. In den meisten Fällen überlässt Flixmobility den Kauf und Betrieb der Transportfahrzeuge anderen Unternehmen. Diese sogenannte „Asset Light“-Strategie entlastet die Bilanz, was Investoren gern sehen. Wohl auch deshalb setzt Flixmobility bei einer potenziellen Bestellung von neuen Zügen auf den Umweg, diese über externe Finanzpartner zu finanzieren. Dann müssten die Schienenfahrzeuge nicht in voller Höhe bilanziert werden.

    Es wäre nicht das erste Mal, dass das Jungunternehmen auch in „Assets“ investiert. Vor wenigen Monaten übernahm Flixmobility den bekannten US-Buslinienbetreiber Greyhound mitsamt 1200 Bussen sowie deren Fahrern. Erfahrungen mit der Integration solcher Sachwerte hat die Führung: 2019 übernahm das Unternehmen in der Türkei den Busanbieter Kamil Koc und überführt ihn seitdem erfolgreich in das bestehende Geschäftsmodell.

    Dennoch sei die geplante Bestellung von den Bestandsinvestoren noch nicht freigegeben worden, ist aus dem Unternehmensumfeld zu hören. Knapp mehr als 25 Prozent an Flixmobility gehören den Gründern André Schwämmlein, Jochen Engert und Daniel Krauss. Die restlichen Anteile halten Geldgeber wie General Atlantic, Permira, TCV, HV Capital, Blackrock, Baillie Gifford und Canyon Partners.

    Mit den neuen Zügen könnte Flixmobility den Wettbewerb in Europa kräftig anheizen. Zwar ist Flixtrain mit zuletzt rund 40 deutschen Zielen gegenüber der Deutschen Bahn mit allein 140 ICE-Bahnhöfen und mehr als 300 ICE-Zügen verhältnismäßig klein. Aber der erst 2017 in Deutschland gestartete Anbieter will bereits im Sommer 70 Ziele mit seinen grünen Fernzügen ansteuern. Seit Mai 2021 ist das Unternehmen zudem in Schweden aktiv.

    Es ist allerdings offen, ob die neuen Züge auch in Deutschland zum Einsatz kämen. In den Augen des Teams um CEO Schwämmlein gibt es eine große Hürde: die Trassenpreise. Jeder, der auf Schienen der Bahn-Tochter DB Netz fährt, muss diese Nutzungsgebühr zahlen, auch die Bahn selbst. Das Geld gibt die DB Netz über die Dividende weiter an den Bund, der gibt es zurück an die DB Netz, damit diese damit das Netz modernisiert. Der komplizierte Kreislauf hat auch steuerliche Gründe.

    Weil die neue Bundesregierung die Verkehrswende beschleunigen will, hatten viele in der Branche damit gerechnet, dass die Trassenpreise dauerhaft gesenkt würden. Doch die Koalitionäre haben sich nur auf eine wachsweiche Formulierung geeinigt. Zwar wollen sie die DB Netz sowie die DB Station und Service „innerhalb des Konzerns zu einer neuen, gemeinwohlorientierten Infrastruktursparte“ zusammenlegen. Auch sollen die Gewinne nicht mehr an den Bund ausgeschüttet werden. Doch die Nutzung der Schiene soll nur billiger werden, wenn es der Bundeshaushalt zulässt.

    Ideen für eine Neugestaltung der Trassenpreise gibt es. So wurde in den Koalitionsverhandlungen diskutiert, ob die Unternehmen zu Vollkosten oder zu Grenzkosten zur Kasse gebeten werden. Grenzkosten bedeutet, dass nur die Kosten für die eigentliche Nutzung des jeweiligen Gleisabschnitts in Rechnung gestellt werden. Bisher werden in Deutschland aber Vollkosten erhoben, also der Aufwand, der für die gesamte Bewirtschaftung des Netzes entsteht.

    Die Gründer des Mobilitäts-Start-ups wollen das Unternehmen zum globalen Marktführer für umweltfreundliche Mobilität machen. imago/Reiner Zensen

    Flixmobility-Chef André Schwämmlein

    Die Gründer des Mobilitäts-Start-ups wollen das Unternehmen zum globalen Marktführer für umweltfreundliche Mobilität machen.

    Doch in der Ampelkoalition ist man hier uneinig. Die Koalition habe verabredet, „perspektivisch zu überprüfen“, wie die Trassenpreise am besten gestaltet werden, erklärte Dorothee Martin, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Nur noch die Grenzkosten zu berücksichtigen, sei verbunden „mit erheblichen finanziellen Auswirkungen für den Bund“. Das könne nicht von heute auf morgen passieren, sondern müsse sorgfältig geprüft werden. „Die Trassenpreise gelten im Übrigen für alle, einen direkten Wettbewerbsnachteil sehe ich insofern nicht.“

    „Wir als Grüne stehen für das Grenzkostenprinzip bei den Trassenpreisen“, sagte dagegen Matthias Gastel, Bahnexperte der Grünen im Bundestag. Die Preise seien im europäischen Vergleich bereits hoch und beeinträchtigten die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn gegenüber der Straße. Gastel plädiert für eine differenzierte Herangehensweise. Auf hochfrequentierten Strecken seien keine niedrigen Trassenpreise nötig. Indes könnten mit niedrigen Preisen Städte wie Chemnitz oder Heilbronn endlich ans Fernverkehrsnetz angeschlossen werden.

    Sollte Flixmobility trotz der bisher unklaren Situation an der Gebührenfront die Züge bestellen, wäre das ein weiterer großer Schritt. Das noch recht junge Unternehmen hat das ehrgeizige Ziel, umweltfreundliche und erschwingliche Mobilität für so viele Menschen wie möglich verfügbar zu machen. Nicht weniger als die Position des Weltmarktführers soll es werden. Der Ausbau auf der Schiene wäre die logische Konsequenz nach dem Kauf von Greyhound. Der hat das Unternehmen zur Nummer eins im amerikanischen Fernbusmarkt gemacht mit bis zur Pandemie jährlich rund 62 Millionen Fahrgästen im Jahr.

    In großen Teilen Europas wurde die Marktführerschaft schon erreicht. Flixmobility ist im deutschen Fernbusgeschäft mit einem Marktanteil von 90 Prozent quasi Monopolist. Das Unternehmen ist zudem in Großbritannien, Frankreich, der Türkei, in Osteuropa sowie seit 2018 auch in den USA aktiv. Eine Präsenz in Brasilien wird derzeit aufgebaut.

    Zudem wird seit Längerem über einen möglichen Börsengang des Jungunternehmens spekuliert. Zuletzt hatte Schwämmlein gegenüber dem Handelsblatt zwar erklärt, dass er dafür keine Notwendigkeit sieht: „Wir sind gut finanziert, das habe ich immer gesagt“, erläuterte er im Oktober 2021. Doch Transaktionen wie der Kauf von Greyhound und die geplante Großbestellung von Zügen sind Munition für eine Equity-Story, die künftige Aktionäre überzeugt.

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