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24.06.2021

16:04

Nach Tod von Karl-Erivan

Ende des Erbstreits: Christian Haub ist nun Mehrheitseigner bei Tengelmann

Von: Anja Müller, Hans-Jürgen Jakobs, Volker Votsmeier

PremiumDie Erben von Karl-Erivan verkaufen ihre Anteile an den alleinigen Tengelmann-Chef und Bruder Christian. Für die Beteiligten und das Unternehmen beginnt nun eine neue Ära.

Nach der grundsätzlichen Einigung mit der Familie seines Bruders im April erfolgte nun die notarielle Beurkundung. Tengelmann

Christian Haub

Nach der grundsätzlichen Einigung mit der Familie seines Bruders im April erfolgte nun die notarielle Beurkundung.

Düsseldorf, München Die Mitteilung umfasst nur wenige Sätze – doch die Bedeutung ist gewaltig. Die Anteile des früheren und inzwischen für tot erklärten Tengelmann-Chefs Karl-Erivan Haub sind an seinen Bruder Christian übertragen worden.

Folglich gehören Christian Haub fortan 68,67 Prozent an der Unternehmensgruppe Tengelmann. Zuvor hatte sich dieser Anteil hälftig auf die beiden Brüder verteilt. Die restlichen 31,33 Prozent der Anteile gehören weiterhin dem dritten Bruder Georg, der nicht im Unternehmen aktiv ist.

Karl-Erivan Haub war am 7. April 2018 zu einer Skitour am Klein Matterhorn aufgebrochen – und nie wieder zurückgekehrt. Auch die aufwendige Suchaktion im Anschluss blieb ergebnislos. Seit der Nacht auf Mittwoch ist die Todeserklärung auch juristisch offiziell.

Das Problem: Der damals 58-Jährige hatte keine Vorsorge getroffen für den Fall, dass er als Unternehmer aus dem Leben gerissen wird. Seither musste die Familie nicht nur mit der Unsicherheit leben, sondern auch mit der Frage, wie die Erbschaftsteuer – immerhin ein hoher dreistelliger Millionen-Euro-Betrag – bezahlt werden kann. Darüber war ein Streit entbrannt, der die Familien und das Unternehmen stark beschäftigte.

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    Christian Haub hatte der Familie des Verschollenen angeboten, die Anteile für 1,1 Milliarden Euro übernehmen zu wollen. Bereits im April hatten sich die beiden Parteien unter der Führung der jeweiligen Anwälte Mark Binz (Christian) und Peter Gauweiler (Familie von Karl-Erivan) auf ein entsprechendes Memorandum of Understanding geeinigt.

    Nun, „nach langwierigen und harten, aber auf Fairness und einem gesteigerten gegenseitigen Verständnis fußenden Verhandlungen“, wie es in der Mitteilung vom Donnerstag heißt, habe dieser Vorvertrag „seine finale Fassung gefunden“. Zum Kaufpreis sei Stillschweigen vereinbart worden. Mehrere Quellen aus dem Umfeld nennen eine Summe, die sich um die Marke von 1,3 Milliarden Euro bewegt.

    Erben von Karl-Erivan sind auch in den USA erbschaftsteuerpflichtig

    Nach der grundsätzlichen Einigung im April war erwartet worden, dass der Anteilsverkauf noch vor der endgültigen Rechtskraft der Todeserklärung stattfinden würde. Danach hätte die Einkommensteuer, die auf den Veräußerungsgewinn der Anteile von Karl-Erivan anfallen würde, die Erbschaftsteuerlast mindern können. Das ist nun offenbar nicht der Fall. Welche Gründe diesem Vorgehen zugrunde liegen, sagen die Beteiligten nicht.

    Erbrechtsexperten, die aber nicht namentlich genannt werden wollen, vermuten steuerliche Gründe. Schließlich ist die Gesamtsituation äußerst kompliziert: Da die Erben Karl-Erivans nicht nur deutsche, sondern auch US-Staatsbürger sind, sind sie in beiden Ländern erbschaftsteuerpflichtig. So musste eine Lösung her, damit die Erbschaftsteuer des einen Landes auf die des anderen angerechnet werden kann.

    Noch nicht bekannt ist, wie der neue Hauptgesellschafter Christian Haub den stattlichen Kaufpreis finanziert. Üblich in solchen Fällen, dass die Summe entweder aus der Firma kommt oder eine Bank als Kreditgeber tätig wird – mit den Firmenanteilen als Sicherheit. In beiden Fällen müsste der ältere Bruder Georg sein Einverständnis geben.

    Grafik

    Immer wieder waren in der Vergangenheit Medienberichte aufgetaucht, wonach der Verschollene gar nicht tot sei, sondern in Russland leben könne. Bestätigt wurden sie aber nie. Offensichtlich reichten die Mutmaßungen nicht aus.

    Denn, so heißt es in der Todeserklärung des Gerichts vom 14. Mai: „Die belegten Umstände begründen ernstliche Zweifel an seinem Fortleben.“ Im Wortlaut heißt es weiter: „Zur Akte vorgetragene anderslautende Meinungen fußen auf Möglichkeiten, Vermutungen und nicht prüfbaren Unterlagen. Sie waren nicht ausreichend, die ernstlichen Zweifel am Fortleben des Verschollenen zu beseitigen.“

    Das Verschollenheitsgesetz schreibt nach der Veröffentlichung einer Todeserklärung noch einen Monat Beschwerdefrist vor. Die Erklärung war am 22. Mai publiziert worden, eine Beschwerde bis 0 Uhr am 22. Juni jedoch blieb aus, wie das Amtsgericht Köln am Mittwoch mitteilte. Damit war der Tod juristisch eingetreten – und somit auch der Erbfall.

    Christian Haub kann bei Tengelmann nun durchregieren

    Mit der notariellen Beurkundung des Anteilsübergangs schlägt die Tengelmann-Gruppe nun ein neues Kapitel auf. Zu ihr gehören neben zahlreichen Beteiligungen, unter anderem bei Zalando und weiteren Start-ups, die Mehrheit an der Baumarktkette Obi, der Textildiscounter Kik, Babymarkt sowie die Immobiliengesellschaft Trei.

    Mit seiner Zweidrittelmehrheit wird Christian Haub nun durchregieren können. Er hat aber auch nach dem Verschwinden seines Bruders bereits vieles verändert, seit er im April 2018 die alleinige Führung des inzwischen rund acht Milliarden Euro schweren Unternehmens mit nach eigenen Angaben rund 90.000 Mitarbeitern übernommen hatte.

    So verkleinerte er die Holding radikal, verkaufte den ursprünglichen Firmensitz und vollzog einen Anteilstausch mit dem Unternehmer Stefan Heinig. Seitdem gehört Kik komplett zu Tengelmann und der Händler Tedi komplett zu Heinig.

    Im Zuge des Streits zwischen den Familien hatte es auch Unstimmigkeiten um die Besetzung des Tengelmann-Beirats gegeben. Schlussendlich einigten sich die Parteien auf den Vorsitzenden Thomas Ingelfinger, Vorstand bei Beiersdorf, Astrid Hamker, Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrats, und den Investor Carl-Thomas Epping, der auf Vorschlag der Familie von Karl-Erivan Haub ins Gremium kam. -----------

    Die Lösung B findet das Plazet der Witwe des Alt-Patrons Erivan Haub

    In der Geschichte des Hauses Tengelmann hat insbesondere der Amerika-Fan Erivan Haub (1932 – 2018) eine maßgebliche Rolle gespielt. Er vertraute seinem ältesten Sohn Karl-Erivan.

    Seine in Wiesbaden lebende Witwe Helga Haub hat keine Anteile mehr, aber Einfluss. Es gilt als sicher, dass sie es bevorzugt hätte, wenn alle drei Stämme bei Tengelmann geblieben wären. In der Schar von zehn Enkeln, acht in den USA geboren, sah sie gerade in Viktoria und Erivan-Karl aus Köln – die Kinder des verschollenen Karl-Erivan – offenbar Vertreter der „Next Generation“. Das war ihr „Big Picture“ für den Übergang von der fünften zur sechsten Generation.

    Auch die jetzt gefundene Lösung B finde das Plazet von Helga Haub, heißt es: Hauptsache, der in der Öffentlichkeit und in der Presse über Monate brutal ausgetragene Familienstreit sei vorbei. Einer müsse das Unternehmen ja führen. Und Alt-Patron Erivan Haub hätte wohl ohnehin gesagt: „Spart euch das viele Geld für die Anwälte, redet miteinander“, merkt ein Vertrauter an.

    Offen ist noch, was mit der familieneigenen „Bison Ranch“ im US-Staat Wyoming geschieht, wo die Haubs regelmäßig im Sommer einige Wochen zusammen verbrachten. Die Immobilie gehört der Gesellschaft CL Bar Properties. Die Anteile wiederum sollten gemäß eines Nachlassplans an alle drei Söhne von Erivan Haub – „Charly“, Georg und Christian – fallen. Genaues aber war auch hier bei „Charly“ Haub nicht geregelt.

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