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18.01.2022

13:00

Nachhaltigkeit

„Macht mehr mit weniger”: Ikea hat ehrgeizige Klimaziele – verfehlt sie aber

Von: Florian Kolf

Langfristig sieht sich der Möbelhändler auf Kurs bei den Nachhaltigkeitszielen. Doch kurzfristig macht ausgerechnet der wieder steigende Umsatz Probleme.

Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist auch für den Möbelriesen schwierig. IKEA

Ikea-Filiale

Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit ist auch für den Möbelriesen schwierig.

Düsseldorf Ikea hat sich hohe Ziele auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit gesetzt. So will der Möbelriese bis zum Jahr 2030 klimapositiv werden. In absoluten Zahlen wollen die Schweden ihre CO2-Emissionen bis dahin im Vergleich zu 2016 um 15 Prozent senken – bei deutlich steigendem Umsatz.

Doch das abgelaufene Jahr hat gezeigt, wie schwierig der Weg dahin ist. Nachdem Ikea seinen Klima-Fußabdruck, also den absoluten CO2-Ausstoß weltweit, 2020 das zweite Jahr in Folge senken konnte, ist er 2021 wieder gestiegen: von 24,7 auf 26,2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.

Jon Abrahamsson Ring, Vorstandschef der Vertriebsgesellschaft Inter Ikea, räumte bei der Vorstellung des Nachhaltigkeitsberichts für das Jahr 2021 ein: „Unser Fußabdruck hat sich erhöht, weil unsere Umsätze wieder gestiegen sind.“ Denn der deutliche Rückgang 2020 war auch eine Folge der Coronapandemie: Viele Filialen mussten schließen, das Geschäft schrumpfte – und damit die Auswirkungen auf das Klima.

„Wir haben noch eine große Herausforderung vor uns“, bekennt Abrahamsson Ring. Doch er ist überzeugt: „Wir haben langfristig die Chance, diesen Trend zu brechen.“ Durch die effizientere Nutzung der Ressourcen sei es möglich, die Emissionen noch stärker vom Umsatzwachstum zu entkoppeln.

Was ihm Mut macht: Im Vergleich zum internen Referenzjahr 2016 sind die Emissionen um 5,8 Prozent zurückgegangen. Das bedeutet eine Verringerung um 1,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Dabei ist der Umsatz im gleichen Zeitraum von 36,4 auf 41,9 Milliarden Euro gestiegen.

Carbon Disclosure Project bescheinigt Fortschritte

Bei allen Schwierigkeiten bescheinigen Umweltschutzorganisationen wie das Carbon Disclosure Project (CDP) Ikea deshalb immerhin, auf einem guten Weg zu sein. Im jüngsten veröffentlichten Ranking für das Jahr 2020 bekommt Ikea beim Klimaschutz mit „A“ die Bestnote. Bei der Bewertung 2017 hatte der Konzern schon ein „A–“ erhalten.

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Maxfield Weiss, Direktor für Corporate Engagement bei CDP in Europa, bescheinigte Ikea deutliche Fortschritte. Das Unternehmen habe sich mehr geöffnet und werde transparenter. „Bei Ikea haben wir noch mal eine deutliche Verbesserung gesehen, das ist ermutigend“, berichtete er, „das Unternehmen zählt im Klimaschutz zu den Vorreitern.“

Doch ein Unternehmen wie Ikea hat schon durch seine schiere Größe und sein Geschäftsmodell einen riesigen Einfluss auf das Klima. So entfällt beispielsweise ein Prozent des kompletten weltweiten Holzverbrauchs auf Ikea.

Der schwierigste Punkt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit sei das verwendete Material, sagt entsprechend auch Andreas Ahrens, der bei Ikea das Klimaprogramm leitet. Es seien viele Initiativen auf den Weg gebracht worden, wie die Einsparung von Material durch neue Produktionsmethoden oder die Umstellung auf nachhaltige Holzwirtschaft. So seien schon mehr als 99 Prozent des Holzes, das für Ikea-Produkte verwendet wird, FSC-zertifiziert oder recycelt.

Steigender Materialeinsatz verdirbt die Bilanz

Doch es dauere noch, bis diese Maßnahmen ihre volle Wirkung entfalteten. „Das Thema Material ist sehr komplex“, sagt er. Mehr als die Hälfte des Klima-Fußabdrucks wird bei Ikea durch das Material für die Produkte verursacht.

In vielen anderen Bereichen hat Ikea große Fortschritte gemacht. So sind die Emissionen in der Produktion im Vergleich zu 2016 um 29,6 Prozent gesunken. Bei den verwendeten Lebensmitteln in den Restaurants konnte das Unternehmen die Emissionen um 27,5 Prozent senken – beispielsweise durch die Ergänzung der beliebten Hackfleischklöpse Köttbullar durch vegane Gemüsebällchen.

Doch ein großer Teil dieser Erfolge wird durch den steigenden Materialverbrauch bei wachsendem Umsatz wieder aufgefressen. So verursachten die Gewinnung und Verarbeitung der Rohmaterialien im vergangenen Jahr Emissionen in Höhe von 13,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten – rund 13 Prozent mehr als noch 2016.

Trotzdem ist Lena Pripp-Kovac, Chief Sustainability Officer von Inter Ikea, überzeugt, dass das Unternehmen die selbst gesetzten Ziele erreichen kann. „Mit Blick auf 2030 sind wir auf Kurs und haben bereits ein Drittel unserer geplanten Emissionsreduzierung durch viele kurz- und mittelfristige Maßnahmen erreicht“, betont sie.

Ikea-Gründer Ingvar Kamprad gab die Leitlinie vor

So sind bereits alle eigenen Produktionsstätten auf die ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energien umgestellt. Zusätzlich hat Ikea jetzt ein Programm aufgelegt, das den Umstieg von 1600 Lieferanten auf erneuerbare Energien beschleunigen soll.

Eins ist Pripp-Kovac besonders wichtig: „Wir müssen sehr transparent sein bei allem, was wir auf dem Weg zu mehr Klimaschutz tun.“ So nutze Ikea keine Kompensationsmaßnahmen, um den Klima-Fußabdruck zu schönen. Die Kompensation von Klimafolgen könne ein gutes Instrument sein, aber man dürfe es nicht mit dem Fußabdruck vermischen. „Das ist dann so, als ob man auf Kredit lebt“, sagt sie.

Der Ikea-Chef betont: „Wir wollen Nachhaltigkeit für jeden erschwinglich machen.“ IKEA

Jon Abrahamsson Ring

Der Ikea-Chef betont: „Wir wollen Nachhaltigkeit für jeden erschwinglich machen.“

„Wir müssen noch mehr tun“, erklärt auch Inter-Ikea-Vorstandschef Abrahamsson Ring, „denn wir wollen wirklich einen Effekt erzielen.“ Dass Ikea trotz der für dieses Jahr angekündigten Preiserhöhungen auf keinen Fall seinen Status als preiswerter Anbieter verlieren will, macht diese Aufgabe zusätzlich schwieriger. „Wir wollen Nachhaltigkeit für jeden erschwinglich machen“, gibt der Ikea-Chef die Richtung vor.

Dabei beruft er sich auf den vor vier Jahren verstorbenen Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, dessen persönlicher Assistent er zwei Jahre lang war. „Ingvar hat uns immer gesagt: Macht mehr mit weniger“, erinnert sich Abrahamsson Ring.

Dieser Appell zur Verringerung der verwendeten Ressourcen sei auch heute noch die beste Leitlinie.

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