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10.05.2022

16:53

Nahrungsmittelindustrie

Warum der Pasta-Riese Barilla am Russlandgeschäft festhält

Von: Christian Wermke

Der Krieg stoppt die Wachstumspläne der Nudel-Dynastie. Die Produktion nahe Moskau läuft trotzdem weiter – gleichzeitig spenden die Barillas tonnenweise Pasta an die ukrainische Flüchtlingshilfe.

Die vierte Generation führt das Unternehmen seit 1993, als ihr Vater Pietro starb.

Paolo, Luca und Guido Barilla (v.l.)

Die vierte Generation führt das Unternehmen seit 1993, als ihr Vater Pietro starb.

Parma Russland war für den italienischen Nudelhersteller Barilla lange Zeit vor allem eins: ein riesiger Wachstumstreiber: Der Absatz wuchs hier zuletzt zweistellig, die blauen Boxen des Familienunternehmens waren landesweit die drittmeistverkaufte Pastamarke. In den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg lagen die Barillas sogar auf Platz zwei.

Erst vor einem Jahr nahm eine vierte Fertigungslinie den Betrieb in Barillas russischem Werk auf. Der Weltmarktführer kündigte obendrein ein neues Investment von 130 Millionen Euro an: Eine zweite Fabrik und eine Getreidemühle sollten entstehen, 2023 war die Eröffnung geplant.

Doch dann begann der Ukrainekrieg. Und die Familie Barilla, der das Nudelimperium mit knapp 8600 Mitarbeitern und 30 Werken in vierter Generation gehört, stand plötzlich wie so viele andere Unternehmen vor einem Dilemma: das Geschäft abziehen – oder weitermachen?

Seit mehr als 20 Jahren verkauft Barilla seine Produkte in Russland, seit 2015 produziert die Firma vor Ort. Mehr als 70.000 Tonnen Pasta verlassen jedes Jahr das Werk in Solnetschnogorsk, rund 65 Kilometer nordwestlich von Moskau.

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    Das wird auch vorerst so bleiben: Ende Februar entschied die Gruppe zwar, keine neuen Investitionen mehr zu tätigen – und die Werbung in Russland auszusetzen. Die Produktion läuft trotzdem weiter, wird seitdem aber „auf Grundnahrungsmittel beschränkt“, wie es vom Konzern heißt, also auf Nudeln und Brot. Auf sozialen Netzwerken gab es trotzdem teils harsche Kritik.

    „Wir beliefern damit nur den lokalen Markt“, erklärt ein Barilla-Sprecher beim Rundgang durch das Stammwerk im norditalienischen Parma. „Wir sind der Meinung, dass es Nahrungsmittel weiter braucht.“ Er erinnert auch an die Verantwortung für die gut 300 Mitarbeiter vor Ort, allesamt Russen, die unter der derzeitigen Situation leiden würden.

    Nudeln und Brot für ukrainische Flüchtlinge

    Mehr als 170 Tonnen Nudeln und Brote habe man bis heute an humanitäre Vereinigungen verschenkt, die Aufnahmezentren für Flüchtlinge in Polen, Rumänien, Moldawien und der Ukraine versorgen. Obendrein spendete Barilla eine Million Euro an die Flüchtlingshilfe.

    Die Familie, angeführt von den Brüdern Guido, Luca und Paolo, steht mit ihrer Entscheidung für den Verbleib in Russland nicht allein: Knapp 500 italienische Firmen sind im Land aktiv. Rund zwei Drittel von ihnen wollen vorerst weiter vor Ort bleiben, hat der Thinktank Ispi vor Kurzem errechnet.

    Anders als viele andere Branchen in Italien, die während der Coronakrise einbrachen, profitierte die Nahrungsmittelindustrie: Im vergangenen Jahr exportierte sie Waren im Wert von 52 Milliarden Euro – ein neuer Rekord. „Made in Italy“ ist weltweit gefragt, das zeigt ein Blick in die jüngsten Zahlen von Barilla. Im Geschäftsjahr 2020 betrug der konsolidierte Umsatz 3,89 Milliarden Euro, ein Plus von sieben Prozent im Jahresvergleich. Der Gewinn sprang von 227 auf nun 351 Millionen Euro.

    Vor 145 Jahren eröffnete Bäckermeister Pietro Barilla im Herzen Parmas eine kleine Bottega. Im Obergeschoss wohnt die Familie, im Untergeschoss verkaufen sie Brot aus Körben und Pasta aus gläsernen Vasen. 50 Kilogramm Nudeln waren es am Tag.

    Heute werden allein im größten Werk in Parma täglich 1500 Tonnen Getreide gemahlen. 20 Marken gehören zum Barilla-Imperium, darunter schwedisches Knäckebrot (Wasa), französisches Toastbrot (Harrys) oder italienische Frühstückskekse (Mulino Bianco). Der Konzern macht nur noch rund 55 Prozent seines Umsatzes mit Pasta, Pesto und Soßen – der Rest entfällt auf Backwaren.

    Schon 2016 wurde Palmöl aus den Produkten verbannt

    Italien ist nach wie vor der größte Markt für Barilla. 15 der 30 Werke produzieren im Inland, mehr als 42 Prozent des Umsatzes macht die Familie in der Heimat. Danach folgen die USA, Frankreich, Griechenland und Deutschland.

    Die Produktion neben der Firmenzentrale ist eine Kleinstadt für sich: Mehr als 23 Hektar umfasst das gesamte Gelände, 20 Produktionslinien fahren hier im Dauerbetrieb, 102 verschiedene Nudelformate werden hergestellt.

    Die Maschinen für die Pastafertigung stammen noch aus dem Jahr 1969, erklärt Werksleiter Alessandro Spadini, während er an Tagliatelle und Pastine-Nudeln vorbeiführt, die gerade über Laufbänder zur Verpackungsstraße rattern. Hier läuft alles automatisch: 140 Roboter-Gabelstapler rollen durch die Halle, holen sich fertig verpackte Kisten und stapeln sie auf Paletten. Nur ein paar Mitarbeiter patrouillieren auf Fahrrädern hin und her. Mehr als 220 Millionen Euro hat Barilla sich die Modernisierung vor vier Jahren kosten lassen.

    „Al Bronzo“ ist eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit: Die Nudeln werden durch eine Matrize aus Bronze gepresst, das soll sie gröber und weniger glatt machen. Barilla

    Neue Produktlinie von Barilla

    „Al Bronzo“ ist eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit: Die Nudeln werden durch eine Matrize aus Bronze gepresst, das soll sie gröber und weniger glatt machen.

    Das war nicht die einzige Investition ins Stammwerk: 2015 kam der erste Güterzug mit Hartweizen aufs Gelände gefahren. Von dort wird das Rohmaterial in 16 Silos gepumpt. 80 Prozent der benötigten Rohstoffe kommen mittlerweile per Schiene, der neue Bahnanschluss spart laut Barilla 5000 Lkw jährlich.

    Das Unternehmen arbeitet nicht nur an seiner Umweltbilanz: In den vergangenen zwölf Jahren hat Barilla 476 seiner Produkte abgeändert, um Fette, Salz und Zucker zu verringern. Schon seit 2016 benutzt die Gruppe kein Palmöl mehr – eine wegen der Regenwaldabholzungen umstrittene Zutat. „Wer Nahrung industriell herstellt, hat eine riesige Verantwortung“, erklärte Guido Barilla schon vor Jahren im Handelsblatt.

    Um keine Tech-Trends zu verpassen, gründete der studierte Philosoph 2018 eine Wagniskapitalfirma, die Start-ups im Lebensmittelbereich fördern soll. Vor Kurzem wurde eine Produktlinie mit Nudeln aus Linsen und Kichererbsen aufgenommen. Und selbst Pasta aus dem 3D-Drucker haben sie dank des Spin-offs „Blue Rhapsody“ im Angebot.

    Die vierte Generation machte Barilla weltweit bekannt

    Guido Barilla übernahm 1993 die Führung – damals starb Vater Pietro. In den 1980er-Jahren trat er ins Familiengeschäft ein, anfangs bei der französischen Tochtergesellschaft. Heute führt der 63-Jährige den Verwaltungsrat, seine Brüder Luca und Paolo sind Stellvertreter. Das Trio steht für die größte Expansion der Firmengeschichte: Sie brachten die Marke in die USA, nach Brasilien, in den Nahen Osten – und nach Russland.

    „Die Pandemie und der Krieg haben uns mit der Verwundbarkeit unseres Ernährungssystems konfrontiert“, erklärte Ivano Vacondio, Präsident des Verbands Federalimentare, vergangene Woche auf Italiens größter Lebensmittelmesse. Er plädierte für ein „neues Modell der Ernährungsdiplomatie“. Das Ziel müsse es sein, den Planeten zu ernähren und den Staaten „soziale Stabilität zu verleihen“.

    Seit dem Einmarsch in die Ukraine haben sich die Barillas nicht öffentlich geäußert, die Familie gibt derzeit keine Interviews. „Seit 145 Jahren ist es unsere Mission, Menschen zu ernähren“, heißt es in einem Statement. Man werde weiterhin alles tun, „um die Löhne und Beschäftigungskontinuität für unsere lokalen Mitarbeiter zu gewährleisten“.

    Zu Lieferengpässen durch den Krieg komme es derzeit nicht. Aus der Ukraine oder Russland habe man bisher kein Getreide importiert, erklärt ein Sprecher auf Nachfrage.

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