Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

22.06.2022

11:32

Neun-Euro-Ticket

Bahn-Chaos: Das sind die Fahrgastrechte bei überfüllten oder ausgefallenen Zügen

Von: Jens Koenen

Erstattung oder Umstieg auf den Fernverkehr: Wer seine Reise mit dem Zug nicht wie geplant antreten kann, muss das nicht in jedem Fall hinnehmen.

Vor allem touristische Strecken sind wegen des Neun-Euro-Tickets häufig überlastet. dpa

Fahrgäste steigen am Bahnhof Norddeich-Mole aus

Vor allem touristische Strecken sind wegen des Neun-Euro-Tickets häufig überlastet.

Frankfurt Auch wenn das von vielen befürchtete Chaos im Bahnverkehr wegen des Neun-Euro-Tickets bisher weitgehend ausgeblieben ist – auf einzelnen Strecken kommt es immer wieder zu Problemen. Viele Menschen, die bisher einen Bogen um den Nahverkehr gemacht haben, finden Gefallen an der Möglichkeit, im Juni, Juli und August für jeweils neun Euro im Monat den Nahverkehr bundesweit zu nutzen.

Nach Berechnungen der Bahn wuchs die Zahl der Fahrgäste in den S-Bahnen und Regionalzügen seit Beginn des Juni um etwa ein Viertel. In den kommenden Wochen dürfte der Andrang weiter zunehmen, denn in den ersten Bundesländern beginnen die Sommerferien. Politiker etwa von den Linken oder den Grünen fordern bereits, ein solches Angebot wie das Neun-Euro-Ticket über den August hinaus zu verlängern.

Die Züge werden also vorerst voll bleiben, Fahrgäste müssen mit Problemen bei ihrer Reise rechnen. Doch sie sind diesen nicht machtlos ausgeliefert. Welche Rechte hat der Fahrgast? Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wann darf ich mit dem Neun-Euro-Ticket einen Fernzug nehmen?

Entscheidend ist die geplante Ankunftszeit am Ziel. Wird diese voraussichtlich um 20 Minuten und mehr überschritten, dürfen Fahrgäste nach Angaben der Stiftung Warentest auch Fernzüge nutzen, also einen ICE, IC oder EC. Es gibt allerdings einen Haken: Sie müssen das Fernverkehrsticket vor der Fahrt lösen und es dabei auch erst einmal bezahlen. Die Zusatzkosten werden dann im Anschluss erstattet. Diese Alternative ist also mit einem gewissen Aufwand verbunden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Außerdem ist zu beachten, dass die Deutsche Bahn jeden einzelnen Fall bei der Erstattung prüft. So ist zum Beispiel nicht klar geregelt, ob ein Kunde auch schon umsteigen darf, wenn sein Nahverkehrszug offensichtlich überfüllt sein wird.

    Darf ich bei Problemen auch die gesamte Strecke mit dem Fernzug fahren?

    Hier ist das Gesetz bisher lückenhaft. Aber die Deutsche Bahn hat zugesagt, in solchen Fällen pragmatisch vorzugehen. Das heißt: Ein Kunde will eine längere Strecke mit verschiedenen Nahverkehrszügen bewältigen und stellt fest, dass schon der erste oder ein nachfolgender Zug derart verspätet ist, dass er den nächsten Anschluss verpasst. Die Folge: Er wird mit mehr als 20 Minuten Verspätung am Ziel eintreffen.

    In dem Fall darf er sofort einen Fernzug für die gesamte Strecke nehmen, muss also nicht erst noch weitere Etappen mit dem Nahverkehr fahren. Noch ein Tipp: Gerade wer längere Strecken mit dem Neun-Euro-Ticket fährt, sollte die App „DB Navigator“ nutzen. Dann kann er als Beleg für seine absehbare Verspätung einen Screenshot von seiner App machen, wo die Verzögerung angezeigt wird.

    Darf ich bei einem überfüllten Zug die erste Klasse nutzen?

    Das ist grundsätzlich nicht erlaubt. Das Neun-Euro-Ticket ist ein Fahrschein für die zweite Klasse. Wer erste Klasse reisen will, muss dafür einen normalen und in der Regel deutlich teureren Fahrschein kaufen. Wer das macht, erwirbt damit auch eine Sitzplatzgarantie. Die wäre kaum zu erfüllen, würden Fahrgäste mit Neun-Euro-Tickets die erste Klasse stürmen.

    Allerdings kann es sein, dass ein Zugchef oder eine Zugchefin die erste Klasse freigibt, wenn diese kaum benutzt wird und der Zug zum Bersten voll ist. Hier muss man aber auf eine entsprechende Ansage des Zugpersonals warten.

    Wegen vieler Baustellen und Störungen im Schienennetz fallen immer wieder Züge aus. Die Rechte der Fahrgäste sind aber recht eindeutig geregelt. imago images/Reichwein

    Anzeigetafel an einem Bahnhof

    Wegen vieler Baustellen und Störungen im Schienennetz fallen immer wieder Züge aus. Die Rechte der Fahrgäste sind aber recht eindeutig geregelt.

    Was passiert, wenn ich strande?

    Es kann passieren, dass Fahrgäste etwa wegen einer Störung oder der völligen Überlastung einer Strecke ihr Ziel nicht mehr am gleichen Tag erreichen können. In dem Fall greift die europäische Fahrgastrechteverordnung. Danach steht dem Fahrgast eine kostenlose Übernachtung in einem Hotel zu, die das Bahnunternehmen bezahlt. Das ist allerdings an kleineren Bahnhöfen ohne Personal nicht immer einfach zu regeln.

    In diesen Fällen dürfen sich Fahrgäste selbst ein Quartier suchen, müssen dieses aber auch zunächst selbst bezahlen. Das Geld können sie sich hinterher vom Bahnunternehmen zurückholen. Aber es gilt die Regel: Es muss ein angemessenes Quartier sein, ein Luxushotel finanziert die Bahn nicht. In vielen Fällen stellt die Bahn für die verbleibende Strecke auch ein Taxi zur Verfügung.

    Wann wird ein Ticket erstattet?

    Grundsätzlich gilt: Ab einer Verspätung von 60 Minuten gibt es 25 Prozent vom Fahrpreis zurück, ab 120 Minuten sind es 50 Prozent. Gleichzeitig ist in den Regeln vermerkt, dass kleinere Beträge bis zu vier Euro nicht erstattet werden.

    Das Neun-Euro-Ticket selbst können sich Fahrgäste deshalb nur unter bestimmten Bedingungen erstatten lassen. Kommen sie 60 Minuten zu spät, stünden ihnen rechnerisch 2,25 Euro zu – also zu wenig. Erst bei Verspätungen von mindestens 120 Minuten können sie von der Bahn die Hälfte, also 4,50 Euro, einfordern.

    Kann ich eine Reise auch komplett abbrechen?

    Das geht, wenn sich abzeichnet, dass der Zug mindestens 60 Minuten zu spät am Ziel ankommt. In einem solchen Fall kann der Fahrgast das Ticket zurückgeben und sich den vollen Preis erstatten lassen. Wurde ein Teil der Strecke bereits gefahren, können sich Kunden auch den bisher nicht genutzten Teil erstatten lassen. Auch die Kosten für eine Reservierung, die nicht genutzt werden konnte, sind erstattungsfähig.

    Wie bekomme ich mein Geld zurück?

    Am besten wendet man sich an das „Servicecenter Fahrgastrechte“. Formulare für Erstattungen gibt es auch an der DB-Information, im DB-Reisezentrum, oder sie können online von der Website der Bahn heruntergeladen werden. Zurzeit weist die Bahn aber darauf hin, dass es aktuell länger dauern kann, bis der Kunde Nachricht bekommt: „Aktuell verzeichnen wir im Servicecenter Fahrgastrechte ein deutlich erhöhtes Antragsaufkommen“, heißt es auf der Website.

    Wurde ein Ticket online über ein eigenes Kundenkonto gekauft, kann eine Erstattung auch online beantragt werden – entweder über die Website der Bahn oder über die „DB Navigator“-App.

    Was kann ich machen, wenn es Probleme mit der Bahn gibt?

    Es kommt immer vor, dass sich Kunden ungerecht behandelt fühlen, etwa wenn sie nachzahlen müssen oder eine Erstattung verweigert wird. In solchen Fällen können sich Fahrgäste an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr – kurz SÖP – in Berlin wenden. Dort befassen sich dann Juristen mit dem Fall und unterbreiten einen Schlichtungsvorschlag – alles kostenlos. In der Regel akzeptiert die Bahn diesen Vorschlag. Ist der Fahrgast nicht damit einverstanden, kann er vor Gericht ziehen.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×