Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.04.2021

09:37

Onlinehandel

Marktplatzhändler stellen Amazon vernichtendes Zeugnis aus

Von: Florian Kolf

In einer Umfrage machen fast 1000 kleine Händler ihrem Ärger über den Onlineriesen Luft: Ihre Artikel würden leichtfertig gesperrt – mit hohen Schäden.

Händler, die über die Plattform des Onlineriesen verkaufen, klagen über wenig partnerschaftliches Verhalten von Amazon. Funke Foto Services

Amazon-Logistikzentrum

Händler, die über die Plattform des Onlineriesen verkaufen, klagen über wenig partnerschaftliches Verhalten von Amazon.

Düsseldorf Amazon betont gern, wie wichtig der Plattform kleine Händler sind, die über ihren Marketplace verkaufen. Immerhin stehen sie für rund 60 Prozent der verkauften Artikel auf der Plattform. „Die Kundinnen und Kunden von Amazon profitieren von der Vielfalt, die durch die Kreativität und die Energie unserer Verkaufspartner zur Auswahl steht“, schwärmt Markus Schöberl, der bei Amazon für den Marketplace verantwortlich ist.

Doch in der Praxis sieht das offenbar anders aus als in den Sonntagsreden. Eine Umfrage unter knapp 1000 Marketplace-Händlern, die dem Handelsblatt vorab und exklusiv vorliegt, zeigt, dass ein Großteil dieser Händler extrem unzufrieden mit Amazon ist. So antworten auf die Frage, wie partnerschaftlich sie die Zusammenarbeit mit Amazon einstufen, 60 Prozent der Befragten, von Partnerschaft könne keine Rede sein.

„Die Grundstimmung der Händler gegenüber Amazon ist desaströs“, resümiert Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverbands Onlinehandel (BVOH), der die Umfrage durchgeführt hat. Und das hat auch Auswirkungen für die Kunden.

Dass sie trotzdem noch auf der Plattform sind, hat einen einfachen Grund. „Viele der Händler sind wirtschaftlich abhängig vom Verkauf über Amazon, deshalb nehmen sie alle Probleme notgedrungen in Kauf“, erklärt Prothmann. Auch das belegt die Umfrage: Im Schnitt machen die befragten Händler 52,1 Prozent ihres Umsatzes über die Plattform.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Genau wegen dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit schaut auch das Bundeskartellamt sehr genau darauf, wie Amazon mit den Händlern umgeht. Zumal Amazon ja nicht nur Plattformbetreiber ist, sondern als Verkäufer auch direkter Konkurrent der Marktplatzhändler. „Die Umfrage und die zugrunde liegenden Daten werden wir uns sehr genau ansehen und prüfen“, sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt dem Handelsblatt.

    Grafik

    Bei so vielen Zehntausenden von Händlern mit unterschiedlichsten Interessen, Produkten, Strategien und Preisen auf der einen und einem marktstarken Unternehmen auf der anderen Seite sei Streit programmiert, so Mundt. „Deswegen stehen wir in diesen Fragen nach wie vor im engen Austausch mit Händlern und Handelsorganisationen, auch mit Amazon selbst.“

    Amazon widerspricht den Umfrageergebnissen

    Ein Amazon-Sprecher sagte auf Nachfrage, das Unternehmen sei nur dann erfolgreich, wenn auch die Verkaufspartner erfolgreich sind. „Aus diesem Grund hören wir immer auf Feedback, um unseren Service zu verbessern, und daher berücksichtigen wir auch diese Einblicke und werden uns in diesem Zusammenhang auch an den BVOH wenden“, erklärte der Sprecher.

    Zugleich betonte der Amazon-Sprecher, dass diese Umfrage nicht repräsentativ sei. „Die Ergebnisse zeichnen kein zuverlässiges und richtiges Bild unseres Geschäfts“, sagte er. Amazon habe eigene Prozesse, über die die Verkaufspartner Feedback geben können. „Diese Rückmeldungen widersprechen den Umfrageergebnissen des BVOH“, sagte er.

    Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass Streit zwischen Amazon und den Marktplatzhändlern aktenkundig wird. Vor knapp zwei Jahren hatte das Kartellamt nach massiven Beschwerden von Händlern Amazon bereits gezwungen, seine Geschäftsbedingungen für die Zusammenarbeit zugunsten der Dritthändler zu ändern. Seitdem steht Amazon praktisch unter Beobachtung. Aktuell führt das Amt noch zwei Verfahren gegen Amazon. In einem davon geht es um die Frage, ob Amazon unrechtmäßige Preiskontrollen auf der Plattform durchführt.

    Grafik

    Auch da zeigt die Händlerumfrage brisante Ergebnisse. So gaben 68 Prozent an, dass bei ihnen Amazon in den vergangenen zwölf Monaten Angebote deaktiviert habe, weil die Preise angeblich zu hoch oder zu niedrig gewesen seien. Durchschnittlich wurden bei den Händlern 230 Artikel wegen angeblicher Preisfehler deaktiviert.

    „Amazon wirkt kartellrechtswidrig auf die Freiheit der Preisgestaltung des Händlers ein“, sagt BVOH-Präsident Prothmann. Ohne die Kenntnis etwa von Einkaufskonditionen, Kostenstruktur und Verfügbarkeit, die den Verkaufspreis beim Händler bestimmen, meine Amazon vorgeben zu können, wie hoch der Verkaufspreis sein soll. „Dieser weitere Eingriff seitens Amazons in die Freiheit des Handels muss aufhören“, fordert Prothmann.

    Einem Viertel der Händler wurde das Konto gesperrt

    Für Christian Pietsch ist das fast tägliches Ärgernis. Der Inhaber des Onlinehändlers Gusti Leder schimpft: „Amazon gibt uns nicht die Hoheit, unsere Preise selbst zu setzen.“ Aktuell seien rund 60 seiner Bestseller auf Amazon de facto blockiert, weil er die Preise für die Produkte angehoben habe.

    So seien diese Artikel jetzt nicht mehr in der sogenannten Buybox verfügbar, über die ein Kunde direkt den Preis angezeigt bekommt und den Artikel mit einem Klick in den Warenkorb legen kann. Dabei sei er der einzige Anbieter für diese Produkte, die er selbst anfertigen lasse. Einen günstigeren Anbieter gebe es nicht. Trotzdem seien die Produkte dann nur noch über Umwege erreichbar, wodurch der Umsatz über den Amazon-Marketplace sofort fast auf null einbreche.

    Grafik

    Noch heftiger ist es, wenn einem Händler gleich das ganze Verkaufskonto gesperrt wird. „Das sollte das allerletzte Mittel sein, wenn ein Händler die Verbraucher betrügt“, stellt Verbandspräsident Prothmann klar. Und auch Amazon betont immer wieder, dass dies nur aus triftigen Gründen geschehe.

    Die Verkaufspartner erleben das offensichtlich anders. So gab knapp ein Viertel der befragten Händler an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten eine Kontosperrung auf dem Amazon Marketplace erlebt hätten. Und nur ein Drittel von ihnen sei von Amazon direkt über den Grund für die Sperrung informiert worden.

    Was viele Händler besonders aufregt: Teilweise dauert es lange, bis die Sperrungen wieder aufgehoben werden. Nur in 25 dieser Fälle sei das Konto innerhalb einer Woche reaktiviert worden. In Ausnahmefällen dauerte es sogar länger als ein Jahr. Im Schnitt gaben die Händler an, 115.000 Euro an Umsatz durch die Sperrung verloren zu haben.

    Leder-Händler Pietsch hat daraus schon vor fünf Jahren seine Konsequenz gezogen. Er hat eigene stationäre Läden aufgemacht und den Verkauf über den eigenen Webshop sowie über die Marktplätze von Zalando und About You forciert. Heute macht er nur noch 25 Prozent seines Umsatzes über Amazon – und da tun ihm Blockaden seiner Bestseller wegen angeblicher Preisfehler nur noch halb so weh.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×