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14.10.2020

13:00

Pflanzliche Proteine

Wie Livekindly den veganen Lebensmittelmarkt revolutionieren will

Von: Katrin Terpitz

Livekindly will Fleischalternativen für den globalen Massenmarkt produzieren. Der Newcomer kooperiert dabei auch mit Fleischproduzenten.

Drei Hersteller bilden die Ausgangsbasis von Livekindly: Like Meat aus Deutschland, The Fry Family Foods aus Südafrika und Oumph aus Schweden. LikeMeat

Veganer Döner von Like Meat

Drei Hersteller bilden die Ausgangsbasis von Livekindly: Like Meat aus Deutschland, The Fry Family Foods aus Südafrika und Oumph aus Schweden.

Düsseldorf Es war ein Angebot, das er eigentlich nicht ablehnen konnte. Eine Million Dollar für einen wohltätigen Zweck wurde Papst Franziskus im Februar 2019 geboten. Bedingung: Er sollte sich in der Fastenzeit 40 Tage vegan ernähren. Ausgelobt hatte die Summe die Initiative „Million Dollar vegan“.

Die Aktion unterstützen Tierwohl-Aktivisten, Ernährungswissenschaftler und Promis wie Paul McCartney. Die Summe stellte die Blue Horizon International Foundation zur Verfügung. Der Papst ließ dankend abwinken. Doch das Echo in den sozialen Medien für die vegane Sache war groß.

Die Blue-Horizon-Stiftung wurde von Roger Lienhard gegründet, ebenso wie die Blue-Horizon-Gruppe, die bislang weitgehend unter dem öffentlichen Radar agierte. Der Schweizer IT-Seriengründer, der sein Geld im Onlinemarketing machte, gilt als veganer Visionär: Er will mit Blue Horizon tierisches Protein aus der Lebensmittelkette nehmen.

Seit 2016 hat er mit Blue Horizon in fast 50 Start-ups weltweit investiert – von Beyond Meat und Impossible Food bis Mosa Meat. Seit 2018 sammelt Blue Horizon für seine Investments auch externe Gelder ein. „Bisher haben wir über 500 Millionen Euro eingesammelt und investiert, zum Jahresende soll es eine Milliarde sein“, sagt Björn Witte, CEO und Managing Partner von Blue Horizon.

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    Investitionen in andere Firmen reichten den fünf Partnern von Blue Horizon aber irgendwann nicht mehr: Seit einem knappen Jahr baut Blue Horizon sein eigenes Unternehmen für tierfreie Kost auf. Livekindly hat ein ehrgeiziges Ziel: Durch Vernetzung von innovativen Firmen mit Marktführern der Fleischindustrie will es eines der größten pflanzenbasierten Lebensmittelunternehmen der Welt formen.

    Grafik

    „Alternative Proteine sind ein riesiger Zukunftsmarkt“, konstatiert Carsten Gerhardt, Partner der Beratung AT Kearney. Bereits 2040 werden nur noch 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren stammen, zeigt seine Studie. Zugleich wachse der globale Fleischmarkt von jährlich 1000 Milliarden auf rund 1800 Milliarden Dollar. „Da die Karten jedoch völlig neu gemischt werden, verwundert es nicht, dass viele Investoren massiv in neue Ansätze investieren“, sagt Gerhardt.

    Drei Hersteller bilden die Ausgangsbasis von Livekindly: Like Meat aus Deutschland, The Fry Family Foods aus Südafrika und Oumph aus Schweden. Alle produzieren Fleischalternativen aus Pflanzen. Dazu gehört die digitale Medienplattform Livekindly aus Kanada, die die Community verbindet. Zudem ist Livekindly an Puris beteiligt. Der gentechnikfreie Erbsenproduzent aus den USA beliefert auch Beyond Meat. „Schon heute bilden wir für pflanzenbasierte Lebensmittel die gesamte Wertschöpfungskette ab“, sagt Witte.

    Raus aus der überteuerten Öko-Nische

    Im September übernahm Livekindly den Hersteller Like Meat. Das Start-up, 2013 von Timo Recker gegründet, produziert Currywurst, Schnitzel oder Döner aus Biosoja und Erbsen. Mit 120 Mitarbeitern machte Like Meat zuletzt mehr als 20 Millionen Euro Umsatz. Für Gründer Recker ist Roger Lienhard ein leidenschaftlicher Visionär: „Blue Horizon versteht die Branche wie kein anderer Investor.“ Like Meat arbeite profitabel und werde nun von Livekindly global ausgerollt.

    Das Ziel von Livekindly: „Fleischlose Burger oder Nuggets sollen aus der überteuerten Öko-Nische heraus. Pflanzenbasierte Produkte müssen noch tauglicher für den Massenmarkt werden – vom Preis und Geschmack“, sagt Witte. Er rechnet vor: Die weltweit günstigste Geflügelbrust wird in Brasilien oder Thailand für rund 2,60 Dollar das Kilo produziert. „Geflügelersatz wird durch Skalierung und bessere Maschinen in zwölf bis 18 Monaten deutlich darunter liegen.“

    Schaffen will Livekindly das, indem es seine Firmen mit erfahrenen Branchengrößen vernetzt, die bereit sind, ihr Vertriebs- und Produktionswissen zu teilen. So kooperiert PHW, Deutschlands größter Geflügelproduzent (Wiesenhof), unter anderem mit Like Meat im Vertrieb. Für Witte ist das kein Widerspruch. „PHW ist extrem progressiv in Sachen alternative Proteine und unter anderem mit uns bei Supermeat in Israel investiert, das Geflügelfleisch aus Zellkulturen züchtet.“ PHW ist auch europäischer Vertriebspartner des gehypten Beyond-Burgers.

    „Die Partnerschaft mit Livekindly schafft den Zugang zu neuartigen Möglichkeiten einer nachhaltigen Ernährung aus pflanzenbasierten Produkten“, sagt Marcus Keitzer, PHW-Vorstand für alternative Proteinquellen. PHW ist in Livekindly investiert, ebenso wie der südafrikanische Geflügelproduzent RCL.

    135 Millionen Dollar Kapital hat Livekindly diesen Mittwoch eingesammelt – von einem asiatischen Syndikat, EQT sowie den bisherigen Investoren: Dazu gehören große Family Offices und Branchenpartner. Insgesamt hat sich Livekindly bisher 335 Millionen Dollar für seine Expansion beschafft. Denn Like Meat, Fry Family und Oumph sollen nicht die einzigen Firmen bleiben, die zu globalen Marken aufgebaut werden. „Wir sind dicht dran, weitere drei bis sechs innovative Vegan-Firmen zu kaufen“, sagt Witte. Livekindly will Marken weltweit für verschiedene Zielgruppen positionieren: etwa eine Marke für Familien, eine für Preisbewusste oder für Gesundheitsbewusste.

    Like Meat, Fry Family und Oumph sollen nicht die einzigen Firmen bleiben, die zu globalen Marken aufgebaut werden. LikeMeat

    Produktion bei Like Meat

    Like Meat, Fry Family und Oumph sollen nicht die einzigen Firmen bleiben, die zu globalen Marken aufgebaut werden.

    „Beyond Meat zeigt, dass man kein Konzern sein muss, um in dem Markt erfolgreich zu sein“, sagt Witte. Er ist überzeugt, dass vegane Innovationen vor allem abseits der Multis entstehen. Konzerne wie Nestlé, Unilever oder Tyson Foods haben – beflügelt vom Börsenhype um Beyond Meat – allerdings vegan kräftig aufgerüstet. Bei Nestlé tüfteln etwa 300 Experten an pflanzlichen Alternativen für Fleisch, Fisch oder Milch. Kürzlich wurde der vegane „Thun-Visch“ vorgestellt.

    Topmanager von Unilever und Kraft Heinz

    Dabei machten die Schweizer 2019 gerade mal 200 Millionen Franken Umsatz mit Vegan-Marken wie Garden Gourmet. Insgesamt setzte Nestlé 92,6 Milliarden Franken um. Doch im ersten Halbjahr wuchs das Geschäft mit pflanzlichen Ersatzprodukten um 40 Prozent.

    Blue Horizon sieht sich auf Augenhöhe mit solchen Konzernen. Livekindly hat so einige ranghohe Manager der Lebensmittelmultis für sich gewonnen. CEO ist Kees Kruythoff, früher Präsident von Unilever Nordamerika. David Knopf ist Finanzchef, bis 2019 CFO des Multis Kraft Heinz.

    Ein Börsengang von Livekindly ist für die Zukunft durchaus eine Option. Witte kann sich vorstellen, nach dem Modell von Livekindly weitere Vegan-Plattformen aufzubauen – etwa für Alternativen zu Milch, Fisch und Meeresfrüchten. „Das sind riesige unerschlossene Märkte – vor allem in den USA und Asien“, so Witte.

    Auch in Europa ist die Ernährung gewaltig im Umbruch. Witte ist überzeugt: „Irgendwann wird es im Supermarkt keine Fleisch- oder Fischtheke mehr geben, sondern eine Proteintheke.“

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