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09.05.2022

15:15

Rasier-Start-up

Nach der „Höhle der Löwen“: Wie Shavent den Einmalerfolg zum Dauerbrenner machen will

Von: Axel Höpner

Romy Lindenberg und ihr Vater Armin Seidel haben einen nachhaltigen Rasierer auf den Markt gebracht. Nun folgt der nächste Schritt.

Tochter und Vater wollen das Rasier-Start-up als Familienunternehmen weiter führen. Shavent

Romy Lindenberg und Armin Seidel

Tochter und Vater wollen das Rasier-Start-up als Familienunternehmen weiter führen.

München Ein Auftritt in der Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“ beschert vielen Unternehmen eine Sonderkonjunktur. „Wir hatten eine regelrechte Nachfrage-Explosion“, sagt Romy Lindenberg, Mitgründerin von Shavent. Nach der TV-Sendung im vergangenen Herbst verkauften sie und ihr Vater Armin Seidel binnen Wochen eine fünfstellige Zahl ihrer recht teuren, aber nachhaltigen Rasierer, die ohne Plastik auskommen. So viel war eigentlich für das gesamte Jahr 2022 geplant gewesen.

Bei manchen Produkten erweist sich der Verkaufserfolg nach der Sendung allerdings als Strohfeuer. Discounter nutzten den Werbeeffekt für eine Verkaufsaktion, danach verschwanden die Erfindungen schnell wieder aus den Regalen. Auch die Ausweitung auf weitere Produkte misslang bei manchen Start-ups, die nicht nur von einem Verkaufshit abhängig sein wollten.

Bei Shavent sind sie überzeugt, dass die Nachfrage nachhaltig bleiben wird. „Wir sind ja nicht in die Supermärkte gegangen“, sagt Romy Lindenberg. Wenn man ein Produkt in großen Mengen „in den Einzelhandel kippe“, verliere man die Kontrolle.

Dafür seien die Shavent-Geräte mit rund 100 Euro ohnehin zu teuer. Die Sendung habe geholfen, das Thema Plastikabfall durch den Austausch von Wechselköpfen überhaupt erst ins Bewusstsein der Kunden zu bringen. Zwar sei die Nachfrage im Onlineshop nach Weihnachten erwartungsgemäß wieder etwas gesunken. Doch wachse man nun von einem höheren Niveau aus.

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    Bei der Sendung gewann Shavent die Unternehmerin Judith Williams und Ex-Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg als Investoren. Gemeinsam mit ihnen soll nun die nächste Stufe der Unternehmensentwicklung eingeläutet werden: Shavent bringt in diesen Tagen einen festen Rasierschaum und ein Gel auf den Markt.

    Bislang gibt es in der Branche vor allem ein beliebtes Geschäftsmodell: Die Hersteller von Nassrasierern verkaufen die Griffe oft günstig – das Geld wird dann mit den Wechselköpfen verdient. Besonders nachhaltig ist das in der Regel nicht. „Allein in Deutschland landet jedes Jahr etwa eine halbe Milliarde Rasierer-Wechselköpfe aus Plastik im Müll“, sagt Armin Seidel. Das entspreche 3000 Tonnen Abfall, der nicht getrennt werden könne.

    Große Anbieter beherrschen den Markt

    Beherrscht wird der Nassrasierer-Markt von Procter & Gamble mit der Marke Gillette und Edgewell mit der Marke Wilkinson. Beide Firmen verkaufen sowohl die Halter als auch Rasierklingen. Als Newcomer drängt zudem die US-Marke Harry's in den Markt. Das 2013 von Andy Katz-Mayfield und Jeff Raider gegründete Unternehmen verkauft die Rasierer vor allem online und dazu auch im Abo-Modell. Vor Kurzem startete das Unternehmen in Deutschland.

    Die Idee für die Alternative zu den etablierten Playern kam dem Maschinenbauingenieur Seidel nach eigenen Angaben unter der Dusche. Er entwickelte einen plastikfreien Schwingkopfrasierer für Männer und Frauen, die ersten Prototypen fertigte er auf dem 3D-Drucker. „Ich fand die Idee genial“, sagt Tochter Lindenberg, die zuvor schon unter anderem als Geschäftsführerin bei Hello Fresh viel Start-up-Erfahrung gesammelt hatte. Mit einer Crowdfunding-Kampagne wurden die ersten paar Hundert Exemplare produziert.

    Der Rasierer besteht aus einem Zink-Druckguss, der Schwingkopf soll besonders sanft und wendig sein und damit deutlich funktionaler als zum Beispiel starre Rasierhobel, erklären die Gründer. Ersatzteile wie die Federn sollen auch nach Jahren noch austauschbar sein. „Das ist ein Rasierer fürs ganze Leben“, sagt Lindenberg. Die Kunden können Standard-Halbrasierklingen nutzen.

    Ersatzteile wie die Federn sollen auch nach Jahren noch austauschbar sein. Shavent

    Shavent-Rasierer

    Ersatzteile wie die Federn sollen auch nach Jahren noch austauschbar sein.

    Beim Marketing setzt Shavent stark auf Social Media. Auch andere Start-ups wie zum Beispiel Everdrop, das Putzmittel ohne Plastikverpackung verkauft, werben mit Influencern auf Instagram und Co. um eine an Nachhaltigkeit interessierte Kundschaft. Zielgruppe von Shavent sind Männer wie Frauen.

    Bei der „Höhle der Löwen“ sicherten sich Rosberg und Williams 15 Prozent der Anteile. „Shavent zeigt auf, dass auch vermeintlich kleine Produkte wie Nassrasierer als Wegwerfartikel unsere Umwelt massiv belasten“, sagte Rosberg. Der frühere Rennfahrer investiert seit einigen Jahren in nachhaltige Start-ups.

    Behutsame Ausweitung der Produktpalette

    Im vergangenen Jahr konnte Shavent bereits Millionenumsätze erzielen. „Das Marktpotenzial ist riesig“, sagt Lindenberg. 40 bis 60 Prozent in Deutschland rasierten sich immer oder gelegentlich nass. Bei den Frauen nutze gar jede dritte besonders umweltbelastende Einwegrasierer. Wenn man den Menschen erkläre, dass sich ein in der Anschaffung teurer Schwingkopfrasierer auch finanziell schon nach anderthalb Jahren lohne, seien viele zum Kauf bereit.

    Lindenberg und ihr Vater wollen nun mit der Erweiterung auf Rasurpflegeprodukte behutsam expandieren. „Wir verstehen uns als Familienunternehmen und wollen die Palette nicht überdehnen“, sagt Lindenberg. Der Rasierschaum sei gemeinsam mit Judith Williams entwickelt worden, die viel Erfahrung in der Kosmetikbranche hat. Die Verpackung ist plastikfrei, das Produkt für Männer und Frauen und alle Hauttypen geeignet.

    Die Ausweitung der Produktpalette ist für junge Unternehmen heikel. Von Floerke zum Beispiel geriet in Schwierigkeiten, als es nach der „Höhle der Löwen“ nicht nur Maßanzüge, sondern auch Spirituosen vertreiben wollte.

    Andere wie Ankerkraut blieben enger am Kerngeschäft und hatten Erfolg. Das Hamburger Gewürz-Start-up, an dem sich „Höhle der Löwen"-Juror Frank Thelen beteiligt hatte, wurde kürzlich vom Lebensmittelriesen Nestlé übernommen.

    Für die Firmen ist die TV-Sendung nach Einschätzung von Experten Chance und Risiko zugleich. „Es ist für Start-ups toll, welche hohe Aufmerksamkeit durch Auftritte im Fernsehen oder auch Medienberichte für die Produkte bei Verbrauchern generiert werden“, sagte Carsten Rudolph, Geschäftsführer des Investorennetzwerks BayStartup, dem Handelsblatt.

    Wichtig seien aber zwei Dinge: „Zum einen muss das Start-up mit seiner Logistik auf den Ansturm vorbereitet sein, denn nichts ist – für beide Seiten – frustrierender, als länger ausverkauft zu sein“. Zudem müssten die Vertriebskanäle für die nachfolgende Zeit breit aufgestellt werden. „Hier spielt der Einzelhandel sicher nach wie vor eine große Rolle, wie die erfolgreichen Beispiele wie etwa Little Lunch gezeigt haben.“

    Bei Shavent wollen sie ihre Firma als Familienunternehmen selbst weiterentwickeln. Als unternehmerisches Team funktionieren Lindenberg und Seidel bislang gut. „Wir haben eine 37 Jahre alte Streitkultur“, sagt die Tochter. Sie könne sich keinen besseren Mitgründer vorstellen. Und der Vater betont: „Ich habe noch nie ein Problem mit starken Menschen gehabt.“

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