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13.04.2022

04:00

Recycling

Konsumgüterfirmen drohen ihre Plastikziele zu verfehlen – nun wird der Ölpreis zur Kostenfalle

Von: Florian Kolf, Michael Scheppe

Henkel, Beiersdorf oder L’Oréal wollen Neuplastik in Verpackungen vermeiden. Aktuelle Zahlen zeigen: Es wird schwer, die Ziele zu erreichen. Der Ukrainekrieg erhöht den Druck.

Plastik-Verpackungen von Henkel Henkel

Verpackungen von Henkel

Die Konsumgüterhersteller haben große Plastikziele. Experten zweifeln, ob sie diese erreichen.

Düsseldorf Die Ziele sind ehrgeizig: Konsumgüterriesen wie Henkel, Beiersdorf oder Unilever planen, den Anteil von Neuplastik in ihren Verpackungen von Deos, Cremes oder Parfum drastisch zu verringern und so Zehntausende Tonnen CO2 einzusparen. Bis 2025 wollen viele Markenartikler in ihre Verpackungen 25 bis 30 Prozent Rezyklat, also recyceltes Plastik, beimischen.

Doch die neuen Nachhaltigkeitsberichte der Firmen zeigen: Die meisten sind davon weit entfernt. Der Nivea-Produzent Beiersdorf kommt gerade mal auf einen Anteil von sieben Prozent. Unilever (Dove, Langnese) oder Henkel (Persil, Pril) liegen immerhin bei 17 beziehungsweise 18 Prozent.

Die Firmen betonen zwar unisono, im Zeitplan zu liegen, doch Experten sind skeptisch: „Die Ziele sind sehr ambitioniert. Einige Hersteller haben das Thema Rezyklat verschlafen und sich zu lange darauf ausgeruht, Neuplastik einzusetzen“, sagt der Ingenieur Roman Maletz, der an der Technischen Universität Dresden Abfall- und Kreislaufwirtschaft lehrt.

Die Politik erhöht nun den Druck: Die Europäische Union (EU) plant, noch in den nächsten Monaten eine überarbeitete Verpackungsrichtlinie vorzulegen. Diese dürfte Firmen dazu verpflichten, Rezyklate in Verpackungen einzusetzen. Bislang gibt es in der EU nur verbindliche Quoten für PET-Plastikflaschen.

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    Und: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, Hersteller an der Plastikabgabe zu beteiligen. Seit 2021 müssen EU-Mitglieder für nichtrecycelten Kunststoffabfall Geld nach Brüssel überweisen. Helmut Maurer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der EU-Kommission, sagt: „Ohne politischen Druck liefert die Industrie in Sachen Rezyklat zu langsam.“

    Das Zögern könnte sich rächen, denn nun steigt auch noch der Ölpreis infolge des Ukrainekriegs – und damit auch der Preis von Neuplastik. Für Hersteller wird es so attraktiver, Rezyklat zu nutzen. Doch das ist knapp, zumindest in der erforderlichen Qualität. Teilweise haben Recyclingbetriebe ihr Rezyklat schon bis Ende 2023 verkauft, berichtet Maletz.

    Nivea-Hersteller Beiersdorf liegt weit zurück

    Entsprechend teuer ist das Rezyklat immer noch. Für eine Tonne Neuplastik zahlen Hersteller je nach Sorte 1100 bis 1400 Euro, Rezyklat kostet teils mehrere Hundert Euro mehr, heißt es in Branchenkreisen. Denn Altplastik muss umfangreich sortiert, gereinigt und aufgearbeitet werden.

    Am weitesten von seinem Ziel entfernt ist Beiersdorf. Ende 2025 will der Nivea-Hersteller 30 Prozent Altplastik einsetzen, Ende 2021 lag der Anteil nur bei sieben Prozent. „Wir hatten in der Tat eine etwas längere Anlaufphase“, räumt man in Hamburg ein. Die Gründe dafür seien vielfältig. Man begründet das auch mit Sicherheitsanforderungen, recyceltes Plastik solle nicht die Kosmetika kontaminieren.

    Grafik

    Wie Beiersdorf forschen mittlerweile alle Hersteller an Rezyklaten, es gibt vermehrt Allianzen mit Entsorgern und Händlern. Die Markenartikler gestalten Tuben und Flaschen aus weniger Kunststoff, setzen auf Nachfüllkonzepte oder versuchen Plastik mithilfe von Papierverpackungen zu vermeiden.

    Während Beiersdorf und Henkel 2025 mindestens 30 Prozent Altplastik beimischen wollen, peilt Unilever nur 25 Prozent an. „Wir erwirtschaften einen unverändert großen Anteil unseres Umsatzes mit Lebensmitteln“, teilt der britische Konzern mit. In dieser Kategorie sei die Verwendung von Rezyklaten deutlicher schwieriger, zum Teil gesetzlich gar nicht zugelassen.

    Procter & Gamble (Head & Shoulders, Gillette) setzt sich erst gar kein Rezyklat-Ziel. „Wir sind der Auffassung, dass die Verringerung des Neukunststoffanteils in Kombination mit der Erhöhung des Anteils an wiederverwendbaren Verpackungen dem übergeordneten Ziel der Reduzierung von Kunststoffabfällen dient“, heißt es. P&G will bis 2030 rund 300.000 Tonnen Neukunststoff einsparen, vergangenes Jahr fielen 780.000 Tonnen Plastikverpackungen an. Der Rezyklatanteil liegt bei gerade mal neun Prozent.

    Frosch-Hersteller setzt auf Plastik aus dem Gelben Sack

    Deutlich weiter ist der Mainzer Mittelständler Werner & Mertz. Der Hersteller des Reinigungsmittels Frosch und des Schuhreinigers Erdal mischt in seine Verpackungen 58 Prozent Altplastik. Für 2025 peilt Inhaber Reinhard Schneider 100 Prozent an. „Die Konzerne verkünden, dass sie auf Rezyklat umsteigen wollen, aber tatsächlich versuchen sie an ihren bereits abgeschriebenen Produktionsanlagen möglichst lange festzuhalten“, kritisiert er. „Für die ist das eine Lizenz zum Gelddrucken.“

    Allerdings hat es Schneider, der hauptsächlich in Deutschland produziert, einfacher als weltweit agierende Konzerne, die zudem deutlich mehr Plastik benötigen. Thomas Müller-Kirschbaum, ein früherer Henkel-Manager, der nun als Beirat die Industrie bei der Transformation in eine zirkuläre Wirtschaft unterstützt, erklärt: „In Europa und Nordamerika sind mehr hochwertige Rezyklate verfügbar als in anderen Teilen der Welt, weil es in diesen häufig noch gar keine Sammelsysteme gibt.“ So mischt etwa Henkel in seinen Verpackungen weltweit 18 Prozent Rezyklat bei, in Europa liegt der Anteil bei Wasch- und Reinigungsmitteln schon bei 32 Prozent.

    Plastikmüll dpa

    Sortieranlage für Verpackungsabfälle

    Hersteller schmieden vermehrt Allianzen mit Entsorgern.

    Doch Werner & Mertz hat das Thema auch besonders früh adressiert. Schon seit 2015 bestehen die Flaschen der Marke Frosch ausschließlich aus Rezyklat. Seinerzeit hatten viele Konzerne nicht einmal Vorhaben formuliert. So stelle Henkel erst 2018 konkrete Verpackungsziele vor, Beiersdorf 2019 und der Kosmetikhersteller L’Oréal braucht gar bis 2020, um ehrgeizigere Vorhaben zu veröffentlichen.

    Lesen Sie weitere Handelsblatt-Analysen zur Kreislaufwirtschaft:

    Während Konzerne über fehlendes Rezyklat klagen, nutzt Werner & Mertz Plastik aus dem Gelben Sack. Die Hälfte des Rezyklats bezieht die Firma aus dieser Quelle – so weit ist keiner in der Branche. „Was hindert die Konzerne daran, das auch zu machen?“, fragt Schneider. „Es ist nur eine Frage des Wollens.“ Bereits vor einem Jahr habe man dem Markt ein neues Verfahren vorgestellt, um mehr Plastik aus dem Gelben Sack in Verpackungen einzusetzen.

    Darauf setzt mittlerweile auch Henkel bei seinem Reinigungsmittel Pril. Seit Anfang April bestehen die Flaschenkörper zu 100 Prozent aus recyceltem Plastik, 50 Prozent davon stammen aus dem Gelben Sack. Künftig werde man das auch bei anderen Produkten nutzen, sagt Thorsten Leopold, der bei Henkel die globale Verpackungsentwicklung der Reinigungsmittel leitet. „Wir investieren mit unseren Partnern in die Recycling-Infrastruktur und bauen gemeinsam Kapazitäten auf.“ Der Umstieg auf Rezyklat dauere, weil man nur hochwertiges Material einsetzen wolle, damit die Produkte sicher seien.

    Umstieg kostet die Industrie dreistellige Millionensummen

    Damit die Hersteller ihre Ziele erreichen, sind sie auf die Mitwirkung aller Akteure im Kreislauf angewiesen. Recyclingbetriebe müssen in bessere Sortier- und Aufbereitungsanlagen investieren, Kunden den Müll besser trennen – das erhöht die Menge des wiederverwertbaren Plastiks. Laut EU-Kreislaufexperte Maurer liegt die Wiedereinsatzquote von Rezyklaten in Plastikverpackungen in Deutschland nur bei sieben Prozent. Fachleute halten es für denkbar, dass künftig 70 Prozent der Verpackungskunststoffe im Kreislauf geführt werden.

    Recycling ddp

    Rezyklat

    Das Altplastik ist knapp.

    So weit es bis dahin ist, so ambitioniert sind die Ziele von L’Oréal. Der Kosmetikhersteller will seine Verpackungen bis 2025 zu 50 Prozent aus Altplastik gestalten, 2030 sollen es 100 Prozent sein. Bisher sind es 21 Prozent. L’Oréal verweist darauf, die Werte mit Wissenschaftlern abgesprochen zu haben. Experte Maurer ist dennoch skeptisch: „Das ist technisch schon sehr herausfordernd.“ Zudem erfordere das im Herstellungsprozess viel Aufwand, der auch mit hohen Kosten verbunden sei.

    Nicht nur für L’Oréal gilt: Der Umstieg auf Verpackungen mit weniger Neuplastik wird teuer. Kreislaufexperte Maletz geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft für jede Erhöhung des Rezyklatanteils um ein Prozent mindestens 100 Millionen Euro investieren muss, der Großteil davon entfalle auf die Hersteller. Am Ende könnte mehr Verpackung aus Altplastik auch zu höheren Preisen für die Verbraucher führen. Das sagt auch Frosch-Fabrikant Schneider: „Jede Innovation erzwingt erst mal höhere Stückkosten.“

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