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06.07.2022

16:30

Sondersitzung des Aufsichtsrats

Flugchaos sorgt für hitzige Debatte im Lufthansa-Vorstand

Von: Jens Koenen

Vor dem Aufsichtsratstreffen wackelte nach einer emotionalen Diskussion mit Schuldzuweisungen kurzzeitig die Einheit in der Führungsspitze. In der Sitzung räumte das Management dann Fehler ein.

Auf einer Sondersitzung diskutierte der Aufsichtsrat die aktuellen Probleme bei der Airline. Bloomberg

Lufthansa-Flaggen

Auf einer Sondersitzung diskutierte der Aufsichtsrat die aktuellen Probleme bei der Airline.

Frankfurt Unmittelbar vor der Sondersitzung des Lufthansa-Aufsichtsrats wegen des aktuellen Flugchaos hat es am Dienstag eine hitzige Debatte zwischen einzelnen Vorstandsmitgliedern gegeben. Das erfuhr das Handelsblatt aus dem Umfeld des Top-Managements.

Bei der emotionalen Diskussion habe es gegenseitige Schuldzuweisungen gegeben, heißt es. Vor allem Lufthansa-Chef Carsten Spohr, Chief Commercial Officer Harry Hohmeister und Chief Operations Officer Detlef Kayser hätten im Mittelpunkt gestanden. Auch Christina Foerster, Chief Customer Officer, habe Kritik einstecken müssen.

Am Ende sei es Aufsichtsrats-Chef Karl-Ludwig Kley allerdings gelungen, die Einheit in der Führung wiederherzustellen, wird weiter berichtet. Eine offene Front gegenüber den Arbeitnehmervertretern wollte sich die Konzernführung unmittelbar vor der Sondersitzung wohl nicht leisten.

Die Gewerkschaft Verdi hatte die Sitzung beantragt. Die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium fühlen sich nur mangelhaft über die großen aktuellen Probleme informiert. Auch wollten sie die hohe Belastung der Mitarbeiter zum Thema der Sitzung machen. Lufthansa äußerte sich auf Anfrage nicht.

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    Die Lufthansa-Führung sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, den Neustart gegen Ende der pandemiebedingten Reisebeschränkungen vergeigt zu haben. Lufthansa hat bereits in den Monaten Juli und August rund 3100 Flüge aus dem Programm genommen, um das angespannte Luftfahrtsystem zu entlasten. Dennoch kommt es immer wieder zu kurzfristigen Flugstreichungen.

    Zum chronischen Personalmangel kommen viele Ausfälle durch Coronainfektionen. Unternehmen wie Lufthansa oder der Flughafenbetreiber Fraport hatten in der Krise viele Stellen abgebaut.

    Lufthansa-Chef Carsten Spohr dpa

    Lufthansa-Chef Carsten Spohr

    Der Vorstandschef von Europas größter Airline-Gruppe muss sich am Mittwoch den Fragen des Aufsichtsrats zum aktuellen Flugchaos stellen.

    Personelle Konsequenzen habe der Aufsichtsrat am Mittwoch nicht beschlossen, war am späten Nachmittag aus dem Umfeld des Gremiums zu hören. Das Management habe Fehler eingeräumt sowie Maßnahmen vorgestellt, um das Chaos besser in den Griff zu bekommen. Auch habe man Entgegenkommen in den aktuellen Lohnrunden signalisiert.

    Vor der Sitzung hatte ein Brandbrief von Belegschaftsvertretern für Zündstoff gesorgt. Die Personalvertretungen von Lufthansa, Lufthansa Cargo, Lufthansa City Line, Germanwings und der Flugschule in Bremen formulierten in einem Schreiben an alle Kontrolleure eine eindringliche Warnung: „Wir verspielen unseren guten Ruf, und auf Dauer wird Lowcost-Service und -zuverlässigkeit zu Premiumpreisen sicher nicht funktionieren.“

    Belegschaft fühlt sich überlastet

    Anstatt die Krise der gesamten Luftfahrtbranche als Chance zu sehen, mit vereinten Kräften einen gemeinsamen Weg durch die Pandemie zu finden, habe der Konzernvorstand darin offensichtlich vielmehr die Gelegenheit gesehen, langfristig tarifliche und betriebliche (Kosten-) Strukturen abzusenken, kritisieren die Personalvertreter.

    Das Lufthansa-Personal wirft dem Konzernvorstand vor, in der Pandemie eine Gelegenheit zur langfristigen Kostensenkung gesehen zu haben. IMAGO/UPI Photo

    Ein Airbus A330-300 der Lufthansa wird beladen

    Das Lufthansa-Personal wirft dem Konzernvorstand vor, in der Pandemie eine Gelegenheit zur langfristigen Kostensenkung gesehen zu haben.

    In den folgenden Zeilen wird eine verheerende Situation im täglichen Flugbetrieb geschildert. In vielen Bereichen würde Personal fehlen, die Kollegen seien an der physischen und psychischen Belastungsgrenze. „Viel zu lange wurde an den Kündigungsdrohungen festgehalten, um die gewünschten Zugeständnisse doch noch zu erzielen, und in der Folge viel zu spät davon abgerückt.“

    Der Belegschaft sei vom Konzernvorstand noch bis Februar 2022 suggeriert worden, Lufthansa müsse massiv redimensionieren und Personal freistellen, weil dieses viel zu teuer sei. „Bereits zu diesem Zeitpunkt war eine spürbare Buchungsnachfrage für die Sommermonate 2022 erkennbar“, kritisieren die Arbeitnehmervertreter das Vorgehen des Managements.

    Die Unterzeichner nennen als Beispiel für die aktuellen Probleme das Fehlen von Leitenden Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern: „Weil nach zwei Freiwilligenprogrammen keine ausreichende Anzahl an Pursern und Purserinnen mehr für die Abdeckung von Krankheitsausfällen zur Verfügung stehen, sollen andere Flugbegleiter einspringen.“

    Mittlerweile würden die Kolleginnen und Kollegen am Flughafen mit Polizeischutz vom Gate geführt, ein Kollege sei niedergeschlagen worden. „Monitore werden herausgerissen und den Kollegen und Kolleginnen nachgeworfen“, heißt es.

    Das wenige Personal solle nun Überstunden leisten, um einer Krankheitsquote von 20 bis 30 Prozent Herr zu werden. „Doch täglich sehen wir, dass dies nicht reicht.“ Die Belegschaft sehe sich vor dem Hintergrund des Umgangs des Konzernvorstandes mit seinem Personal nicht mehr in der Lage, die bestehenden Mängel dauerhaft auszugleichen.

    Gleichzeitig sehen die Unterzeichner des Briefes nicht, dass es gelingen wird, ausreichend neues Personal zu rekrutieren. „Die Arbeitsbedingungen sind in vielen Bereichen so, dass es uns an Bewerbern fehlt. Die Vergütungen starten in manchen Gesellschaften unter den nun kommenden Mindestlohnanforderungen.“ Der Aufsichtsrat müsse auf eine „konstruktive und positive Personalführung“ hinwirken.

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