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10.06.2021

16:18

Start-up

Wilde Streiks in Berlin: Fahrer gefährden das Image des App-Supermarkts Gorillas

Von: Christoph Kapalschinski

Mitarbeiter von Gorillas blockieren ein Auslieferlager in Berlin. Die Bilder davon gehen viral – und torpedieren die aktuelle Markenkampagne.

Auf Twitter hat die Gruppe „Gorillas Workers Collective“ dieses Foto der Aktion veröffentlicht. Screenshot Twitter

Protestaktion vor Gorillas-Lager

Auf Twitter hat die Gruppe „Gorillas Workers Collective“ dieses Foto der Aktion veröffentlicht.

Hamburg Dem jungen, superschnellen App-Supermarkt Gorillas droht ein Imageschaden – befeuert von den eigenen Mitarbeitern. Am Mittwochabend ist in Berlin eine Protestaktion von Fahrern eskaliert. Videos in den sozialen Medien zeigen einen Polizeieinsatz vor einem blockierten Auslieferlager im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Auslöser war offenbar die Entlassung eines Mitarbeiters.

Lieferdienste stehen seit Jahren im Zentrum von Aktionen von gewerkschaftsnahen Gruppen. Bei Amazon versucht die Gewerkschaft Verdi seit vielen Jahren, das Unternehmen mit Streikaktionen in den Einzelhandels-Tarifvertrag zu drängen. Auch gegen Lieferando machen Aktivisten seit Jahren mobil.

Jetzt gerät Gorillas als bekanntester der neuen, schnellen Lieferdienste ins Visier. Organisator der Proteste ist offenbar die Gruppe „Gorillas Workers Collective“, die mit der Gastro-Gewerkschaft NGG und der anarchistischen Gewerkschaft FAU kooperiert.

Dabei wollte sich der Gorillas-Gründer Kagan Sümer offensiv von anderen Arbeitgebern in der Branche absetzen. Er versprach, die Fahrradkuriere zu einer „Community“ zu machen – über Dinge wie eine einheitliche schwarze Ausrüstung und Technomusik in einzelnen Lagern.

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    Bei der Bezahlung agiert Gorillas allerdings wie die anderen Anbieter bei einem Stundensatz etwas über dem Mindestlohn. Beliebt ist der Job in Berlin offenbar bei Expats, da die Kommunikation weitgehend auf Englisch läuft – und die Anstellung in Teilzeit Raum für weitere Projekte oder Sprachkurse lässt.

    Streit um Betriebsräte

    Doch das reicht nicht, um Konflikte zu vermeiden. In den vergangenen Wochen brachten die Aktivisten bereits Auseinandersetzungen um die Gründung von Betriebsräten in die sozialen Medien. Offenbar gab es einen Konflikt darüber, ob auch leitende Mitarbeiter mit abstimmen dürfen. Gorillas erklärte, im Grundsatz mit der – gesetzlich vorgesehenen – Einrichtung von Betriebsräten einverstanden zu sein. Der Konflikt erinnert an die jüngste Auseinandersetzung um Betriebsräte bei N26, die die junge Bank Sympathien kostete.

    Bei der aktuellen Auseinandersetzung geht es dagegen um die Entlassung eines Fahrers. In einer Fahrergruppe beim Messenger Telegram, die sonst etwa zum Tauschen von Schichten genutzt wird, gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Diejenigen, die zum Streik aufrufen, behaupten, der Fahrer sei ein einziges Mal zu spät zur Arbeit gekommen. Andere verweisen auf angebliche Angaben des Managements, der Fahrer habe dreimal Schichten ohne Ankündigung ausfallen lassen und sei zuletzt über eine Stunde zu spät gewesen.

    Als Reaktion blockierten rund 50 Fahrer das Lager mit den E-Bikes des Unternehmens und provozierten so einen Polizeieinsatz. Das Lager wurde am Mittwochabend vorübergehend geschlossen. Auch am Donnerstag blockieren Fahrer ein Lager. Unter den Fahrern kursieren Gerüchte, am Protest Beteiligte sollten anhand von Fotos identifiziert und entlassen werden. Auf Twitter ist „Gorillas“ in den Trends, zahlreiche Videos kursieren.

    Auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) schaltete sich via Twitter ein und erklärte seine „volle Unterstützung“: Die Streikenden zeigten, wie Solidarität gemeinsam gelebt werde. „Wenn dieses Unternehmen eine Zukunft in Berlin haben möchte, dann muss es umgehend die Mindeststandards eines fairen Umgangs mit Beschäftigten beachten“, forderte der Politiker.

    Ein Gorillas-Sprecher bestätigte auf Anfrage, Anlass für den Protest sei die Kündigung eines Mitarbeiters innerhalb der Probezeit wegen „Fällen groben Fehlverhaltens“: „Gorillas kümmert sich aktiv um einen sachlichen Dialog mit der Mitarbeitergruppe und eine Deeskalation der Lage vor Ort.“ Das Unternehmen beschäftige alle Mitarbeiter in regulären, sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverträgen.

    Finanzierungsrunde läuft

    Für Gorillas kommen die Proteste zu einem heiklen Zeitpunkt: Nach einer Finanzierung über 245 Millionen Euro im März ist das Unternehmen laut mehreren Berichten erneut dabei, Geld einzusammeln. Diesmal soll es um zwei- bis viermal so viel Geld gehen. Damit will Gründer Sümer das rasante Wachstumstempo des kaum zwei Jahre alten Start-ups aufrechterhalten – und gegen die Konkurrenz ankommen.

    Zugleich muss Sümer Aufbauarbeit leisten: Mehrere Topmanager haben Gorillas in den vergangenen Monaten verlassen. Zudem sind laut Berichten aus dem Unternehmen wichtige Softwarekomponenten wie das Warenmanagementsystem und selbst eine deutschsprachige Bestell-App noch in der Weiterentwicklung.

    Umso wichtiger ist der Markenaufbau: In seinem visuellen Auftritt und in der Kommunikation von Gründer Sümer nach außen präsentiert sich das Start-up als moderne Erfolgsgeschichte und fröhliche Gemeinschaft. Dazu passen Bilder von Polizeieinsätzen vor den Auslieferlagern überhaupt nicht.

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