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24.06.2020

12:23

Tönnies, Westfleisch und Co.

Die Schlachtindustrie steht nach den Corona-Ausbrüchen vor einer Zeitenwende

Von: Katrin Terpitz, Silke Kersting

Lasche Vorgaben haben Deutschland zu einem führenden Standort für Schweinezüchter und Schlachter gemacht. Nun droht die Politik mit „Konsequenzen“ – und lädt zum Branchentreffen.

Tönnies, Westfleisch & Co.: Corona bringt Zeitenwende für Schlachtbranche dpa

Arbeiter in einem Schlachtbetrieb

Die Corona-Ausbrüche auf deutschen Schlachthöfen sind kein nationales Problem.

Düsseldorf, Berlin Nach mindestens 1550 Coronafällen in Deutschlands größtem Schlachthof wurde der Stammsitz von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück für mindestens zwei Wochen geschlossen. Der Ausbruch hat nun auch bittere Folgen für die ganze Region. Die Kreise Gütersloh und Warendorf müssen erneut in den Lockdown – zunächst bis zum 30. Juni. Das verkündete Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Dienstag.

Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück werden sonst in der Woche 140.000 Tiere geschlachtet. Nun stauen sich schlachtreife Sauen bei den Bauern. Der Branchenprimus schlachtet hierzulande jedes dritte Schwein.

Die Coronakrise hat die Westfalen mit zuletzt 7,3 Milliarden Euro Jahresumsatz in eine „existenzielle Krise“ gebracht, räumte der geschäftsführende Gesellschafter Clemens Tönnies zerknirscht ein. Sein laxer Umgang mit der Pandemie und die mangelnde Kooperationsbereitschaft mit den Behörden dürfte ihn noch teuer zu stehen kommen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) denkt nun laut darüber nach, Tönnies für die Folgekosten haftbar zu machen.

Die Corona-Ausbrüche auf deutschen Schlachthöfen von Tönnies über Westfleisch, Vion bis Müller-Fleisch sind indes kein nationales Problem. Das feucht-kalte Klima und das enge Arbeiten scheint die Verbreitung des Virus zu begünstigen. Auch in den USA mussten große Konzerne wie Smithfield, der zum weltgrößten Schweineschlachter WH Group aus China gehört, oder Tyson Foods pandemiebedingt Werke schließen.

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Standort erkennen

    Auch wenn das Virus aus den Schlachthöfen wieder verschwunden ist. „Nach Corona wird nichts mehr sein wie bisher in der Schweinefleischbranche“, konstatiert Klaus-Martin Fischer, Partner der Beratung Ebner Stolz. Selbst Fleischbaron Clemens Tönnies, der das seit Langem kritisierte Sparmodell der Werkverträge auf die Spitze getrieben hat, musste einsehen: „So werden wir nicht weitermachen. Wir werden die Branche verändern.“

    Auf die Reue der Fleischbarone vertraut die Politik nicht mehr. Die Bundesregierung will das Unwesen der Werkverträge über Subunternehmen, die meist Osteuropäer beschäftigen, bis Jahresende abschaffen. Zudem unterstützt nun auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Tierwohlabgabe von 40 Cent pro Kilo Fleisch.

    Grafik

    Durch die Pandemie entstehen weltweit tiefgreifende Umbrüche im Fleischmarkt. „Der Effekt von Corona wird sein, dass die globalen Warenströme sich verändern und die Länder wieder verstärkt auf eine heimische Versorgung setzen werden“, sagte Ronald Lotgerink, Chef des Vion-Konzerns aus den Niederlanden, kürzlich der „Lebensmittelzeitung“.

    Vion ist nach Tönnies und der Genossenschaft Westfleisch der drittgrößte Schweineschlachter hierzulande. Der Trend zu mehr Selbstversorgung dürfte insbesondere die großen Schlachtkonzerne treffen, die immer mehr vom lukrativen Export abhängen.

    Ausgerechnet das kleine Deutschland ist den vergangenen 15 Jahren zum zweitgrößten Schweinefleischexporteur der Welt hinter den USA aufgestiegen. Der Exportanteil hierzulande ist laut dem Thünen-Institut zwischen 1996 und 2018 von sieben auf 45 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr exportierte Deutschland 2,38 Millionen Tonnen Schweinefleisch im Wert von 4,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2000 waren es erst 548.000 Tonnen.

    Deutschland ist inzwischen überversorgt mit Schweinefleisch. Der Selbstversorgungsgrad erreicht 120 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag er erst bei 87 Prozent. Damals war Deutschland auf Importe angewiesen.

    Deutschland wurde zum „Schweinestall Europas“

    Heute ist Deutschland der zweitgrößte „Schweinestall Europas“. Nur die Spanier züchten noch mehr Sauen und haben im ersten Quartal die USA und Deutschland bei den Exporten erstmals knapp überholt. Das zeigen Zahlen des International Trade Center.

    Die kostengünstigen, oft ausbeuterischen Werkverträge hat Deutschland auch für ausländische Schlachter als Standort attraktiv gemacht – etwa für Europas Marktführer Danish Crown mit zuletzt umgerechnet 7,6 Milliarden Euro Umsatz. Dänemark erlaubt nämlich keine Werkverträge, dort sind Tarifverträge und Stundenlöhne von 25 Euro üblich, anders als hierzulande.

    „Unternehmen wie Vion aus den Niederlanden oder Danish Crown – die Nummer drei und vier im deutschen Schweineschlachtmarkt – kommen deshalb gerne nach Deutschland. Denn hierzulande ist die Arbeit lockerer gehandhabt und billiger“, beobachtet Armin Wiese von der Gewerkschaft NGG Detmold-Paderborn. Dänemark hat deshalb über die Jahre Tausende Arbeitsplätze aus der Schlachtbranche an Deutschland verloren.

    Dabei ist der Markt in Deutschland nicht nur gesättigt, sondern sogar rückläufig. Zwar essen die Deutschen noch immer mit Abstand am liebsten Schweinefleisch. Doch die Nachfrage ist in zwei Jahren um zwei Kilo auf 34,1 Kilo pro Kopf und Jahr gesunken. Das zeigen Zahlen des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung. Demgegenüber wird mehr Geflügel und gleichbleibend viel Rind verzehrt.

    Fleischersatzprodukte sind klar im Aufwind. Bis 2040 soll die Produktion von konventionellem Fleisch nur noch 40 Prozent des weltweiten Fleischkonsums ausmachen, prognostiziert die Beratung AT Kearney.

    Auf dem deutschen Fleischmarkt herrscht zudem ein harter Preiskampf. Clemens Tönnies spricht von einem „steigenden Margendruck durch die großen Lebensmitteldiscounter als zentrale Abnehmer“. Die Supermärkte buhlen mit Kampfpreisen für Nackensteak und Schnitzel um Kunden. Bei Penny ist „frischer Nackenbraten von Tönnies“ für 4,99 Euro das Kilo derzeit im Angebot. Preise unter vier Euro das Kilo sind keine Seltenheit.

    Kein Wunder, dass sich Schweineschlachter dem Export zuwenden. Denn nur dort können sie noch gut verdienen und wachsen. Vor allem Tönnies hat auf diese Karte gesetzt und macht inzwischen die Hälfte des Geschäfts im Ausland.

    „Wir haben im vergangenen Jahr eine internationale Marktrally wie selten erlebt“, freute sich Clemens Tönnies über den Rekordumsatz 2019. Ergebnisse veröffentlicht der Betrieb nicht. „Unser Unternehmen hat sich im Marktvergleich besonders gut geschlagen.“

    Geschäftsführer Andres Ruff begründete das Umsatzwachstum von knapp zehn Prozent mit der internationalen Ausrichtung: „Wir haben durch die hohe Nachfrage aus Asien nach Schweinefleisch seit dem Herbst 2019 einen recht starken Anstieg der Schweinepreise erlebt. Auch davon haben wir profitiert.“

    Weil in China die Afrikanische Schweinepest grassiert, importierte das Land verstärkt Schweinefleisch aus dem Ausland. Ein lukratives Geschäft für Schlachter mit Lieferlizenz nach China wie Tönnies. Der Exportboom führte so weit, dass deutsche Wursthersteller über Versorgungsengpässe klagten.

    Nun steht die Branche vor einer Zeitenwende. Obwohl die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der deutschen Schlachtbranche lange bekannt sind, haben erst die Corona-Ausbrüche die Politik zum Handeln gebracht. Selbstverpflichtungen der Branche waren großteils ins Leere gelaufen.

    Werkverträge im Kerngeschäft Schlachten und Zerlegen sollen spätestens Anfang 2021 verboten werden. Gezwungenermaßen ziehen die Schlachter nun Konsequenzen. Tönnies kündigte am Dienstag an, künftig Mitarbeiter in der Fleischgewinnung direkt einzustellen und zügig ausreichend und angemessenen Wohnraum für die Beschäftigten zu schaffen. Die Arbeitszeit soll flächendeckend digital erfasst werden.

    Westfleisch kündigte am Dienstag ähnliche Schritte an und will künftig sämtliche Mitarbeiter selbst anstellen. Die Genossenschaft hat 2019 rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz erzielt, davon 30 Prozent im Export.

    Afrikanische Schweinepest im Anmarsch

    Das Verbot von Werkverträgen hat gravierende Folgen für die Unternehmen. Branchenexperte Fischer erwartet, dass die Lohnkosten um bis zu fünf Euro die Stunde steigen. „Damit wird Fleisch aus Deutschland deutlich teurer, zugleich schwindet die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Anbieter“, so Fischer. Konkurrenten in Spanien oder den USA dürften davon profitieren.

    Zu den höheren Personalkosten kommt noch die geplante Sonderabgabe für Tierwohl von 40 Cent pro Kilo Fleisch hinzu. „Die Schlachtbranche, die bei dürren Margen von drei Prozent die Fixkosten bereits optimiert hat, leidet also doppelt“, konstatiert der Berater. Wenn Fleisch teurer wird, sinkt der nationale Absatz und vor allem der Export. „Das könnte Schlachter dazu bewegen, Werke ins Ausland zu verlagern“, erwartet Fischer.

    An eine Abwanderung glauben die Grünen jedoch nicht. „Seit Jahren beschweren sich unsere Nachbarn über die niedrigen Auflagen hierzulande, die den Wettbewerb verzerren und Schlachtungen in deren Heimatländern unattraktiv machen“, sagte Friedrich Ostendorff, Sprecher für Agrarpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion.

    Allerdings streckt Branchenprimus Tönnies bereits seine Fühler nach China aus. Trotz Corona soll noch in diesem Jahr der Spatenstich für ein Joint Venture mit der chinesischen Dekon Group erfolgen. Es geht um eine Gesamtinvestition von 500 Millionen Euro für Schweinezucht und Schlachtung. Denn nach Abflauen der Afrikanischen Schweinepest dürfte China wieder schnell eigene Bestände aufbauen wollen, statt Schweinefleisch teuer zu importieren.

    Die Schweinepest stellt auch für die deutsche Schlachtbranche eine Bedrohung dar. Die Tierseuche hat bereits Polen erreicht. Im Ernstfall müssten Sauen massenweise gekeult werden. Das Exportgeschäft würde durch Einfuhrverbote komplett zusammenbrechen. „Das würde zu einem deutlichen Überangebot von Schweinefleisch auf dem deutschen Markt führen. Die Preise würden abstürzen und entsprechend auch die Landwirte treffen“, sagt Fischer.

    Die Überkapazitäten in der Branche rächen sich nun. „Die deutschen Schlachter müssen unter Volllast fahren, um profitabel wirtschaften zu können“, meint der Branchenfachmann. Das funktioniere nur mit einem starken Exportgeschäft. Er erwartet deshalb eine Marktbereinigung.

    Nicht nur für Clemens Tönnies ist die Lage ernst. Landwirtschaftsministerin Klöckner wird deshalb am Freitag mit Branchenvertretern zusammentreffen, um über „Konsequenzen“ zu beraten.

    Klöckner lädt dazu mit ihrer nordrhein-westfälischen Amtskollegin Ursula Heinen-Esser (CDU) und Niedersachsens Ressortchefin Barbara Otte-Kinast (CDU) nach Düsseldorf. An dem „Branchengespräch“ zur gesamten Kette des Marktes vom Stall bis zum Teller sollen Vertreter von Tierhaltern, Schlachtereien, Ernährungswirtschaft, Handel und Verbraucherschützer teilnehmen. Auch das Bundeskartellamt, Tierschützer und Tierärzte werden erwartet.

    Notwendig sei eine „Neujustierung“ der Tierhaltung in Deutschland, teilte das Bundesministerium mit. Fleisch und Wurst seien oft zu billig. Unter diesen Bedingungen seien faire Arbeitsbedingungen und Löhne, hohe Tierwohlstandards und ein auskömmliches Einkommen von Tierhaltern schwer zu erreichen. „Wir alle stehen hier in der Verantwortung. Deshalb setzen wir auf die Teilnahme und Mitarbeit der gesamten Kette“, erklärten die drei Ministerinnen.

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