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25.05.2022

04:07

Touristik

Kreuzfahrt-Reedereien erleben Buchungsboom – doch hohe Schulden belasten den Neustart

Von: Christoph Schlautmann

PremiumReedereien streichen Maskenpflicht und Abstandsregeln, ab Juli sind die meisten Schiffe ausgebucht. Aber die Pandemie lastet noch auf den Bilanzen der Kreuzfahrt.

Kreuzfahrtschiff von Tui Cruises IMAGO/localpic

Kreuzfahrtschiff von Tui Cruises

Zumindest auf der Einnahmenseite könnte in wenigen Monaten schon wieder das Vorkrisenniveau erreicht sein.

Düsseldorf Ein steiler Einbruch bis zum absoluten Stillstand im März 2020, danach eine mehr als zweijährige Flaute: Die Aussichten für die weltweite Kreuzfahrt, die noch 2019 mehr als 27,8 Millionen Urlauber auf die Schiffe lockte, schienen angesichts des unübersehbaren Coronarisikos auf lange Zeit düster. Allein 2020 brach die Gästezahl um 81 Prozent ein.

Doch das Geschäft mit den Luxusreisen nähert sich überraschend schnell wieder den Zahlen aus der Vor-Corona-Zeit. „Wir hatten soeben den buchungsstärksten Tag des zurückliegenden Jahrzehnts“, erklärte am 18. Mai etwa die Luxus-Reederei Cunard.

Ähnliche Meldungen gab es zuletzt von Royal Caribbean, dem nach Carnival zweitgrößten Kreuzfahrtkonzern der Welt. „In den vergangenen acht Wochen waren die Buchungen deutlich höher als 2019“, berichtete Vorstandschef Jason Liberty Anfang Mai. Die jüngsten Zahlen lägen mehr als 40 Prozent über dem Niveau von 2019.

Die Zukunft sei rosig, schwärmte auch Pierfrancesco Vago, Vorstandschef von MSC Cruises, kürzlich auf einer Konferenz in Miami. Schon 2022, rechnet der Branchendienst Cruise Industry News in seinem Jahresbericht vor, werde die Zahl der Kreuzfahrtgäste sieben Prozent über dem Wert vor Corona liegen. Insbesondere im Mittelmeer werde es in diesem Sommer wieder eng. Für 2024 erwartet der Welt-Branchenverband CLIA sogar ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2019.

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    „Die Reedereien haben die internen Prozeduren auf ihren Schiffen deutlich verfeinert, um Coronaausbrüche möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt CLIA-Deutschlandchef Helge Grammerstorf. Infizierte Personen würden umgehend isoliert. Da ausschließlich Getestete und Geimpfte an Bord gelassen werden, seien dort die Krankheitsverläufe so gut wie immer mild.

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    Zu Beginn der Pandemie hatte dies noch völlig anders ausgesehen. Anfang Februar 2020 sorgte ein einziger Coronaerkrankter auf der vor Yokohama liegenden „Diamond Princess“ dafür, dass sich 712 Passagiere und Crewmitglieder mit Sars-CoV-2 infizierten. Sieben Personen überlebten die Krankheit nicht. Bis zum global verhängten Kreuzfahrtstopp am 23. April 2020 starben auf neun ähnlichen Schiffen weitere 58 Menschen.

    Corona-Sorgen bei Kreuzfahrt-Reedereien scheinen verflogen

    Und selbst Ende 2021 sah die Lage noch verzweifelt aus. Statt wie geplant 3000 Passagiere zum Silvester-Feuerwerk nach Madeira zu befördern, brach das deutsche Kreuzfahrtschiff „Aida Nova“ seine Reise nach einem Coronaausbruch unter Crewmitarbeitern in Lissabon ab. Auch für die Passagiere der „Mein Schiff 6“ von Tui Cruises war kurz darauf in Dubai Schluss. Aufgrund „vereinzelter Fälle“ von Corona müsse die Reise aufgegeben werden, teilte die Reederei mit.

    Verschwunden ist die Pandemie aus dem Bordalltag bis heute nicht. Erst am 5. Mai meldete die „Carnival Spirit“ im Hafen von Seattle einen Covid-19-Ausbruch, wenige Tage zuvor steckten sich vor San Francisco mehr als 100 Passagiere auf der „Ruby Princess“ mit der Infektionskrankheit an.

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    Doch die großen Ängste in der Branche scheinen verflogen. Die „Mein Schiff Flotte“ hebt ab 29. Mai für alle Reisen die Maskenpflicht an Bord auf, soweit dies die Regeln der jeweiligen Fahrgebiete erlauben. Hapag-Lloyd Cruises und Aida zogen kurz darauf mit ähnlichen Ankündigungen nach. Auch das Tanzen in Innenräumen ist wieder auf den Schiffen gestattet, Kids-Klubs öffnen für Kinder ab drei Jahren. Voraussetzung bleibt aber ein vollständiger Impfschutz für alle Gäste ab zwölf Jahren – einschließlich der Genesenen.

    Die veränderte Lage schürt Hoffnungen bei den Kreuzfahrtwerften, die nach der tiefen Absatzkrise dringend auf Neugeschäft warten. „Wir sprechen immer wieder mit den Reedereien“, berichtet ein Sprecher der Meyer Werft. „Dort wird die Stimmung besser.“

    Die Werft im emsländischen Papenburg, die neben der italienischen Fincantieri und STX im französischen Saint Nazaire zu den wenigen Schiffsbauern im Kreuzfahrtgeschäft zählt, hatte nach dem Ausbruch der Pandemie die vereinbarten Bauaufträge um zwei Jahre gestreckt und den Abbau von 450 Stellen beschlossen. „Wir haben immerhin keinen bestehenden Auftrag verloren“, heißt es dazu nun bei der Meyer Werft, auch das Interesse an Neubauten komme zurück.

    Schulden verhindern Neubestellungen bei Reedereien

    Im Orderbuch der Emsländer schlägt sich der Optimismus allerdings noch nicht nieder. Vielen Reedereien fehle angesichts der aufgehäuften Schulden aktuell das notwendige Geld für Neubauten, erfuhren die Werft-Manager immer wieder in Gesprächen.

    Die zuletzt vorgelegten Quartalsberichte der Kreuzfahrtanbieter zeigen die Lage im vollen Ausmaß. Beim Reederei-Riesen Norwegian Cruise Line Holdings etwa belief sich die Gesamtverschuldung zum 31. März auf 13,6 Milliarden US-Dollar, nachdem er im ersten Quartal 2022 noch einen Nettoverlust von einer Milliarde Dollar verbuchen musste. Für erstrangig besicherte Schuldverschreibungen verlangten Anleger zuletzt bis zu 12,25 Prozent Verzinsung.

    Marktführer Carnival türmte seine Schulden auf 34,9 Milliarden Dollar, ein Umstand, der ihn im laufenden Jahr voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar an Zinsen kosten wird. Wettbewerber Royal Caribbean, der noch zu Beginn der Coronapandemie indirekt für rund 600 Millionen Euro die Hälfte an der Tui-Reederei Hapag-Lloyd Cruises erwarb, ist inzwischen mit 22,9 Milliarden Dollar verschuldet.

    Bei einem durchschnittlichen Zinssatz von 5,6 Prozent wird Royal Caribbean dafür dieses Jahr voraussichtlich 1,28 Milliarden Dollar zahlen müssen – so viel wie für den Neubau eines stattlichen Kreuzfahrtschiffs.

    Die massiven Schulden der Kreuzfahrt-Reedereien bremsen den Neustart der Branche. dpa

    Aida-Kreuzfahrtschiff in der Meyer Werft

    Die massiven Schulden der Kreuzfahrt-Reedereien bremsen den Neustart der Branche.

    Dennoch beflügelt die Aussicht auf ein Comeback die Aktienkurse der Kreuzfahrt-Reedereien. So schafften die Papiere von Royal Caribbean seit ihrem Tiefststand Mitte März 2020 ein Plus von 167 Prozent. Auch die Aktie von Carnival, US-Mutterkonzern unter anderem der europäischen Reedereien Aida, Costa und Cunard, verbuchte seither einen Zuwachs von 74 Prozent, die Werte von Norwegian Cruise Line (NCL) legten um 105 Prozent zu.

    Zumindest auf der Einnahmenseite könnte in wenigen Monaten schon wieder das Vorkrisenniveau erreicht sein. Wer als Kreuzfahrer noch ein Schnäppchen ergattern will, muss sich inzwischen beeilen. Nur noch für Mai und Juni melden deutsche Reisebüros etwa bei Tui Cruises oder Aida mittelmäßige Auslastungen zwischen 50 und 70 Prozent. „Ab Juli sind die Touren jedoch fast ausgebucht“, sagt Marija Linnhoff, Chefin des Branchenverbands VUSR. Entsprechend „stabil“ seien bei vielen Reedereien schon jetzt die Preise.

    NCL verkündete sogar, weiterhin auf Sonderangebote verzichten zu wollen. „Sie haben mich immer wieder sagen hören, dass wir unsere branchenführenden Preise nicht opfern werden, um unsere Auslastungsfaktoren vorübergehend zu erhöhen“, sagte Vorstandschef Frank Del Rio kürzlich. „Und ich stehe weiterhin hinter dieser Philosophie.“

    Kreuzfahrt-Flotte in der Pandemie geschrumpft

    Die Strategie hat sich nach Ansicht des NCL-Chefs ausgezahlt. Die Preise für künftige Kreuzfahrten seien im Vergleich zu den entsprechenden Zeiträumen vor der Pandemie deutlich höher, rechnete er vor. Dabei nehme man in Kauf, dass die Auslastung im zweiten Quartal 2022 gerade einmal bei rund 65 Prozent liegen werde.

    Was die Preise oben hält: Die Seereisenden müssen sich mit einem leicht geschrumpften Angebot begnügen – und das, obwohl spätestens im August zum ersten Mal seit 2020 wieder sämtliche verfügbaren Schiffe unterwegs sein werden. Mitte Januar zählte das Kreuzfahrtportal „Seetours“ weltweit 341 Schiffe mit einer Kapazität ab 100 Passagieren. Seit Pandemiebeginn habe sich die Zahl durch Außerdienststellungen, Verkäufe und Umwidmungen zu Hotelschiffen um fast 25 reduziert, heißt es dort.

    Die Verschrottungen setzten sich seither fort. So landete vergangenen Monat die 1993 gebaute „Carnival Sensation“ auf einem See-Schrottplatz in der Türkei. Mindestens drei Schiffe von Star Cruises, einer Kreuzfahrttochter des insolventen Genting-Konzerns, steuerten im Mai Richtung Alang. Die 1992 bis 1994 gebauten Passagierschiffe warten auf dem indischen Strand nun auf ihre Verschrottung.

    Das reduzierte Angebot, das nun auf eine sprunghaft steigende Nachfrage trifft, treibt bei der Preisgestaltung wieder ungewöhnliche Blüten. Der Preis für den Schiffsdiesel habe sich verdoppelt, teilte der Bremer Kreuzfahrtanbieter Plantours unlängst seinen bereits gebuchten Kunden mit. Für Reisen auf der „MS Hamburg“ stellte er ihnen deshalb elf Euro zusätzlich für jeden Reisetag in Rechnung.

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