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29.07.2022

14:18

Travel Retail

Trotz Reiseboom: Das Geschäft an den Flughäfen erholt sich nur langsam

Von: Jens Koenen, Florian Kolf, Michael Scheppe

Von der Rückkehr der Passagiere profitieren auch die Boutiquen am Flughafen. Doch die Vorkrisenumsätze sind längst nicht erreicht. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Heinemann Gebr. Heinemann

Flughafengeschäft der Gebr. Heinemann in Kopenhagen

Das Familienunternehmen profitiert wieder von steigenden Fluggastzahlen.

Frankfurt, Düsseldorf Das Chaos an deutschen Flughäfen bringt auch Gewinner hervor. Viele Passagiere, die Stunden vor dem Abflug schon am Flughafen sind, vertreiben sich die Wartezeit mit Shopping – und verschaffen so den Geschäften im Flughafen zusätzliche Umsätze.

Die Duty-Free-Shops und Luxusboutiquen können das dringend brauchen. Denn die Umsätze in den Flughafengeschäften lagen im ersten Quartal des Jahres noch immer 37 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, während die Passagierzahlen im Vergleich um 32 Prozent niedriger waren. Das zeigen jetzt veröffentlichte Zahlen des europäischen Travel-Retail-Branchenverbandes (ETRC).

Der ETRC analysiert die Verkaufszahlen in den Geschäften von 225 europäischen Airports. Auch wenn noch keine genauen Statistiken für die aktuellen Monate vorliegen, rechnet der Verband selbst im Reisesommer 2022 nicht mit einer schnellen Erholung.

Für Flughäfen und Hersteller von Luxusprodukten oder Kosmetik hat das weitreichende Folgen: Das Travel-Retail-Geschäft steht im Schnitt für zehn bis 15 Prozent der Erlöse von Airports, die sich zusehends zu Einkaufstempeln mit Verkehrsanschluss wandeln.

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    Gerade kleinere Flughäfen nehmen mit Shopping und Gastronomie mehr Geld ein als mit Zahlungen der Fluglinien. Selbst für größere Airports ist das Geschäft mit Parfüm, Tabak oder Whiskey ein wichtiger Posten. Flughafenbetreiber werden neben einer fixen Miete auch an den Umsätzen beteiligt. Die Firma Fraport, die etwa den größten deutschen Flughafen Frankfurt betreibt, erzielte 2021 mit dem Travel-Retail-Geschäft fast 320 Millionen Euro – 60 Prozent des Vorkrisenniveaus.

    Zahlungskräftige asiatische Fluggäste fehlen

    Auch für Markenartikler ist das Geschäft an Flughäfen wichtig, gerade im Luxussegment. So erwirtschaftet die Luxusmarke des Konsumgüterherstellers Beiersdorf, La Prairie, 25 Prozent ihrer Umsätze an Flughäfen. Als umsatzstark gelten auch Produkte von Hermès, Chanel – oder L’Oréal. „Das Travel-Retail-Geschäft ist für uns wie ein sechster Kontinent“, heißt es aus der Pariser Zentrale. Der Kosmetikriese verkauft am Flughafen 24 Marken, 20 davon sind Luxusprodukte.

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    Die Boutiquen an den Flughäfen sind von der Pandemie so hart getroffen wie die gesamte Luftfahrt. Weil gerade in den ersten Lockdowns kaum Flieger abhoben, kaufte auch niemand in den Geschäften hinter den Sicherheitskontrollen ein. 2020 brach das Geschäft um 73 Prozent ein, zeigen ETRC-Zahlen. 2021 lag das Minus immer noch bei fast 60 Prozent. Vor allem im vierten Quartal ebbte das Geschäft wegen der aufkommenden Omikron-Variante wieder ab.

    Ein Gradmesser dafür, wie es der Branche geht, ist die Firma Gebr. Heinemann. Mit Hunderten Flughafengeschäften zwischen Oslo und Sydney gehören die Hamburger zu den Marktführern im Airport-Shopping. Das Familienunternehmen hofft, in diesem Jahr wieder 75 Prozent der Vorkrisenerlöse zu erzielen. Gerade im zweiten Quartal hätten die Umsätze angezogen.

    Ähnlich sieht es beim Schweizer Duty-free-Riesen Dufry aus. Das Unternehmen mit rund 2300 Läden in 65 Ländern berichtet ebenfalls von steigenden Umsätzen, lag aber im ersten Quartal immer noch rund 40 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

    Was das Bild trübt: Die zahlungskräftigen und konsumfreudigen Kunden aus Asien und insbesondere aus China fehlen den hiesigen Flughäfen, weil es in Fernost noch immer strenge Reisebeschränkungen gibt. Dabei gibt diese Gruppe am Airport ungefähr dreimal so viel Geld aus wie die Europäer, berichtet Raoul Spanger, Co-CEO der Gebr. Heinemann.

    Markenprodukte aus dem Westen genießen in Asien hohes Ansehen. Am liebsten kaufen Kunden sie in Europa, weil die Waren dann für besonders authentisch gehalten werden. So gibt jeder Passagier aus China am Flughafen München im Schnitt 126 Euro aus.

    Das zweitgrößte deutsche Drehkreuz nimmt eine Sonderrolle ein. Der Flughafen betreibt über Tochtergesellschaften einen großen Teil der Läden und Restaurants selbst. Aus München heißt es, dass neben Kunden aus Asien kriegsbedingt auch Reisende aus der Ukraine und Russland fehlen. Das Passagieraufkommen in München liegt derzeit 25 Prozent unter dem Vorkrisenniveau – auch weil Airlines gerade viele Flüge stornieren und weniger potenzielle Kunden zum Flughafen kommen. Allein Lufthansa hat dieses Jahr 12 Prozent der Flüge abgesagt.

    Weniger Kunden als vor Corona – aber die kaufen mehr

    Was die ausbleibenden Fluggäste derzeit ein Stück weit ausgleicht: „Die Kunden geben am Flughafen mehr aus, sie möchten ihre zurückgewonnene Freiheit genießen“, sagt Jan-Henrik Andersson, der in der Geschäftsführung des Münchener Flughafens auch für die Shops zuständig ist. „Das hilft uns, Umsatzausfälle zum Teil zu kompensieren.“ Gebr. Heinemann stellt sogar fest, dass Käufer im Schnitt gerade 20 Prozent mehr ausgeben als vor der Pandemie.

    Flughafen Köln-Bonn dpa

    Lange Schlangen am Flughafen Köln-Bonn

    Auch wegen langer Warteschlangen kaufen die Fluggäste nicht so viel ein.

    Einen Teil der fehlenden Einnahmen kompensieren die Flughafengeschäfte auch durch das Luxussegment, in dem die Margen deutlich höher sind. Zudem bedient dieses Angebot eine zahlungskräftige Klientel. Im Luxusbereich sei die Nachfrage sogar höher als vor Corona, berichtet eine Fraport-Sprecherin. Am Flughafen München liegt das Shop-Angebot zwar um 20 Prozent niedriger als 2019, dort kehren aber die Luxusmarken verstärkt zurück.

    Auf Dauer werden Konsumlust und Nachfrage nach Luxus die fehlenden Passagiere allerdings nicht ersetzen. „Der Effekt der Mehrausgaben pro Passagier ist temporär“, heißt es vom Branchenverband ETRC. Die Inflation dürfte die Kauffreude weiter eintrüben. Außerdem könnte Passagieren, die stundenlang in der Wartschlange vor der Sicherheitskontrolle stehen, die Lust am Einkaufen vergehen.

    Ein Kaffee ist aber offenbar noch drin: Am Airport in Frankfurt entwickelten sich die Umsätze im Gastronomie-Bereich überproportional zum Passagierwachstum, heißt es vom Betreiber Fraport. Zum Teil lägen die Erlöse über dem Vorkrisenniveau. In München sind sie noch 14 Prozent darunter.

    Kosmetika machen 40 Prozent der Umsätze aus

    Das Familienunternehmern Heberer betreibt bundesweit rund 200 Filialen der Wiener Feinbäckerei, die umsatzstärksten davon im Frankfurter Flughafen. „Wir verkaufen wieder mehr belegte Brötchen, Brezeln und Kaffee“, sagt Unternehmer Georg Heberer.

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    Im Schnitt kaufen europäische Kunden in den Flughafenshops zwei bis drei Produkte. Laut Branchenverband ETRC vor allem Kosmetika. Diese haben einen Anteil von fast 40 Prozent an den Umsätzen. 18 Prozent machen alkoholische Getränke aus, Tabak steht für 17 Prozent. „Unsere typischen Konsumenten reisen zweimal pro Jahr und sehen das Flughafenshopping als Teil ihres Urlaubs“, heißt es vom Verband. Hauptsächlich seien es Impulskäufe.

    Seit der zollfreie Einkauf („Duty-free“) innerhalb der EU 1999 abgeschafft wurde, ist das Shopping am Flughafen kaum günstiger als anderswo. Um sich stärker vom klassischen Handel zu unterscheiden, stehen in den Flughafen-Regalen etwa Parfüms mit Duftnoten oder in Größen, die es in Drogerien nicht gibt. Die Anbieter setzen vermehrt auf exklusivere und hochwertigere Produkte.

    Die Aussichten für die Travel-Retail-Branche sind verhalten: Erst 2024 dürften die Umsätze wieder das Volumen von vor der Pandemie erreicht haben – und danach nur noch marginal steigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Unternehmensberatung Bain. Auch Branchenkenner rechnen damit.

    Ein Cognac-Automat wird zur Geldmaschine

    Noch einschneidender sehen die Bain-Berater die Entwicklung beim Gewinn: Sie gehen davon aus, dass die Vorsteuergewinne im vergangenen Jahr nur bei 20 bis 30 Prozent des Niveaus von 2019 gelegen haben. Im kommenden Jahr könnten sie dann 70 bis 80 Prozent erreichen.

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    Nach Einschätzung der Studienautoren stehen die Händler an den Flughäfen vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte: Gerade Geschäftsreisende und chinesischen Touristen, jene Kunden also, die bisher hauptsächlich die Luxusgüter gekauft haben, werden dauerhaft fernbleiben.

    Hinzu kommt: Die Generationen Y und Z werden in wenigen Jahren die Hälfte der Kunden ausmachen. Sie haben andere Wünsche beim Einkaufen, etwa die Verknüpfung des stationären Geschäfts mit digitalen Elementen. So führt L’Oréal an immer mehr Verkaufspunkten virtuelle Tools ein, damit Kunden einfacher die passende Make-up-Farbe finden können.

    Laut Bain suchen Kunden künftig auch an Flughäfen eher Erlebnisangebote als teure Produkte. Erste Anbieter experimentieren damit: Die Cognacmarke Hennessy hat am Pariser Flughafen einen Automaten getestet, an dem Kunden den Geruch verschiedener Sorten vergleichen können. Offenbar mit Erfolg: Das Angebot soll jetzt auf andere Flughäfen ausgeweitet werden.

    Mitarbeit: Katrin Terpitz

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